Wie häufig fällt der Unterricht wirklich aus? Eltern trauen dem Ministerium nicht mehr

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Die Eltern von Gymnasiasten misstrauen den Zahlen des Landes zum Unterrichtsausfall – sie fürchten, die Situation ist schlimmer
Die Eltern von Gymnasiasten misstrauen den Zahlen des Landes zum Unterrichtsausfall – sie fürchten, die Situation ist schlimmer als offiziell eingestanden. (Foto: Peter Endig)
Landes-Korrespondentin

Seit Jahren klagen Eltern über die offiziellen Zahlen zum Unterrichtsausfall. Die Arbeitsgemeinschaft gymnasialer Eltern (Arge) im Regierungsbezirk Stuttgart wollte sich das nicht länger bieten lassen – und hat selbst Daten zusammengetragen. Das Ergebnis: An den Gymnasien zwischen Ostalb und Heilbronn fand mehr als 13 Prozent des Unterrichts nicht wie geplant statt. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) begrüßte die Erhebung, kritisiert aber die Interpretation der Zahlen.

Bislang hat das Südwest-Kultusministerium den Unterrichtsausfall per Stichprobe erhoben. Das läuft so ab: Von den etwa 4500 öffentlichen Schulen im Land wird ein gewisser Anteil im November gebeten, eine Woche lang die nötigen Daten zu erheben. Vergangenes Jahr waren es 610 Schulen. Das seien viel zu wenige, monieren Eltern seit Langem. „Die Zahlen im November zu erheben ist unserer Ansicht nach nicht repräsentativ“, erklärt zudem Kathrin Grix, Vorsitzende des Stuttgarter Gesamtelternbeirats. Die Krankheitswelle schlage zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Buche, Abitur und Korrekturzeiten der Lehrer sowie Studienfahrten ebenso wenig.

Deshalb hat die Arge alle 151 Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart gebeten, den Unterrichtsausfall in den ersten neun Wochen dieses Jahres zu notieren. 37 Schulen in 26 verschiedenen Städten und damit gut 24 Prozent haben sich beteiligt. 13,5 Prozent der Unterrichtsstunden verliefen demnach anders als geplant, erklärt der Arge-Vorsitzende Michael Mattig-Gerlach. 7,8 Prozent der Stunden seien ausgefallen, weitere 5,7 Prozent seien durch einen Vertretungslehrer abgedeckt worden. Die Zahlen nannte er repräsentativ für das ganze Land.

Fachfremde Lehrer im Einsatz

„Von einem qualifizierten Unterricht kann dann nicht gesprochen werden“, sagt Mattig-Gerlach zum Vertretungsunterricht. Sein Kollege von der Arge Tübingen, Stephan Ertle aus Leutkirch, pflichtet dem bei. „Den Zahlen, die vom Kultusministerium und zum Teil vom Statistischen Landesamt kommen, trauen wir nicht“, sagt er. „Wir glauben, dass hier eine Erhebung stattfindet, die den tatsächlichen Missständen nicht gerecht wird.“ Schließlich würden Vertretungsstunden oft von fachfremden Lehrern übernommen. Zum Teil sollen die Schüler dann Mandalas ausmalen, berichtet Kathrin Grix vom Stuttgarter Gesamtelternbeirat.

„Unfair gegenüber Lehrkräften“

Dass die Arge den Vertretungsunterricht als ausgefallene Stunden wertet, kritisiert Kultusministerin Eisenmann. „Das bedeutet ja, dass man unseren Lehrkräften jegliches Recht abspricht, krank zu sein. Das ist nicht nur unfair gegenüber den Lehrkräften, sondern auch fern ab der Realität“, so Eisenmann. Und sie wischt Forderungen der Arge klar vom Tisch. Etwa die, dass das Ministerium mit einer Lehrerversorgung von 120 Prozent planen soll. Das nannte Eisenmann in Zeiten des Lehrermangels wenig realistisch.

Auch die Forderung, Referendare über den Sommer zu bezahlen, sei nicht zielführend, so Eisenmann. In den beliebten Fächern Deutsch, Englisch und Geschichte gebe es ohnehin einen Überhang. Die Eltern argumentieren indes, dass angehende Lehrer in andere Bundesländer oder auch in die Schweiz abwandern, wenn sie dort acht Wochen früher eine Anstellung bekommen.

Zumal Sachsen derzeit massiv auf dem baden-württembergischen Markt werbe, erklärt der Vorsitzende des Landeselternbeirats Carsten Rees. Seine Prognose ist düster. „Wir erwarten Unterrichtsausfälle im nächsten Schuljahr in einem Umfang, wie wir ihn noch nie vorher erlebt haben.“ Er plädiert für multiprofessionelle Teams an allen Schulen – also für Schulpsychologen und Sozialarbeiter, die die Lehrer in ihrer pädagogischen Arbeit entlasten. Grundschullehrer sollten zwingend besser entlohnt sowie zusätzliche Studienplätze für Grund- und Sonderschullehrer geschaffen werden. „Wenn die Lehrersituation sich so entwickelt, wie wir es befürchten, dann müssen wir im Herbst eine Protestaktion starten“, sagt er.

Verlässlichere Daten

Das Bemühen der Eltern um aussagekräftige Zahlen zum Unterrichtsausfall begrüßt Eisenmann. „Wir brauchen eine deutlich verlässlichere Datenbasis, um besser reagieren zu können.“ Deshalb hat sie veranlasst, dass in einer Juniwoche alle Schulen im Land den Unterrichtsausfall dokumentieren sollten. Die Auswertung laufe noch, das Ergebnis wolle sie vor den Sommerferien vorstellen.

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