Wenn immer wieder dieselben Bilder hochkommen

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Sie hört zu und hilft Opfern von Gewalt, das Erlebte zu verarbeiten: die Leiterin der Trauma-Ambulanz, Dr. Katharina Hauger.
Sie hört zu und hilft Opfern von Gewalt, das Erlebte zu verarbeiten: die Leiterin der Trauma-Ambulanz, Dr. Katharina Hauger. (Foto: Thomas Siedler)
Schwäbische Zeitung
Redakteurin/DigitAalen

Es ist Mitternacht. Schweißgebadet wacht Ursula M. auf. Wieder einmal wird sie von Alpträumen geplagt. Panik steigt in ihr auf. Die Bilder des Überfalls am Aalener Bahnhof ziehen auch am helllichten Tag an ihr vorbei. Permanent steht sie unter Hochspannung. Wann immer sie ein Geräusch oder Gefühl mit dem Überfall assoziiert, werden Erinnerungen in Gang gesetzt, die so real sind, als würde sie die Situation erneut erleben. Ständig hat sie das Gefühl durchzudrehen, verrückt zu werden. Manchmal denkt sie sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Hilfe findet sie bei der Trauma-Ambulanz am Ostalb-Klinikum in Aalen, die Mitte Juli ihre Arbeit aufgenommen hat.

30 Patienten haben sich bei Dr. Katharina Hauger, die die Trauma-Ambulanz leitet, und dem vierköpfigen Team, bestehend aus traumatherapeutisch erfahrenen Ärzten und Psychologen, in den vergangenen drei Monaten telefonisch gemeldet. Zum größten Teil Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Ziel der Einrichtung, die der Klinik für Psychosomatik angegliedert ist, sei die Prophylaxe, sagt Hauger. Zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die eine stationäre oder teilstationäre Therapie erforderlich macht, soll es gar nicht erst kommen. „Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene, die Überfälle, Gewaltexzesse, Vergewaltigungen oder Missbrauch erfahren haben, frühzeitig zu uns kommen.“ In einer ambulanten Behandlung, die zwischen fünf und 15 Sitzungen umfassen kann, könnten gute Ergebnisse erzielt werden. Hier lasse sich auch abklären, ob nicht doch auch eine Störung vorliegt, die auf lange Sicht gesehen therapiert werden muss.

Emotional taub und angespannt

Rechtzeitig Hilfe gesucht hat sich Monika P. Die junge Frau wurde mehrfach massiv von ihrem Lebenspartner geschlagen. Selbst, als sie im achten Monat von ihm schwanger war. Als ihm wieder einmal die Hand ausrutschte, hat sich die werdende Mutter an die Polizei gewandt und ihn angezeigt. „Über die Polizei ist sie dann zu uns gekommen“, sagt Hauger. In erster Linie sei es in einem solchen Fall wichtig, die äußere Sicherheit herzustellen und die Frau in Kooperation mit der Frauenbeauftragten der Stadt Aalen, Uta-Maria Steybe, in einer Schutzwohnung unterzubringen. Erst dann könnten sich die Ärzte um die „innere Sicherheit“ kümmern. Wie viele traumatisierte Menschen war auch Monika P. völlig verängstigt, emotional taub und extrem angespannt. Immer wieder kamen bei ihr die gleichen Bilder hoch: Wie ihr Freund auf sie einschlägt, wie sie sich vor Schmerzen krümmt. In Gesprächen konnte Hauger ihr helfen, das Geschehene einzuordnen, ihr klar machen, dass ihre Symptome völlig normal sind und sie keinesfalls dabei ist, die Kontrolle über sich zu verlieren. Nach nur fünf ambulanten Stunden geht es der Frau heute deutlich besser.

Nicht alle sind jedoch nach einer so kurzen Zeit wieder innerlich so stabil. Jennifer K. leidet heute noch an den Folgen des Angriffs, der sich vor geraumer Zeit ereignet hat. Ohne jegliche Vorwarnung hat sie ein betrunkener Mann auf der Straße angegriffen. Durch die Tat sind bei der 30-Jährigen wieder Erinnerungen an die Kindheit geweckt worden. Sie sieht den betrunkenen Vater, der sie prügelt und missbraucht. „Der Angriff auf der Straße war der Auslöser dafür, dass längst vergessen geglaubte oder verdrängte Kindheitserlebnisse wieder hochgekommen sind“, sagt Hauger. In diesem Fall reicht eine Behandlung in der Trauma-Ambulanz nicht aus. Vielmehr wurde Jennifer K. stationär in der Klinik für Psychosomatik aufgenommen.

Sofortige Hilfe

In der Trauma-Ambulanz ist eine akute Versorgung rund um die Uhr gewährleistet. Opfer von Gewalt erhalten hier über das Opferentschädigungsgesetz (OEG) eine sofortige Hilfe. Nach diesem werden allerdings ausschließlich Opfer und Zeugen therapiert, die häusliche, kriminelle oder sexuelle Gewalt erfahren haben, sagt Hauger. Dies sei vielen nicht immer klar. Von den 30 Patienten, die sich bislang an die Trauma-Ambulanz gewendet haben, fielen rund 50 Prozent unter das OEG. Der Rest wurde weitervermittelt und entweder stationär, teilstationär oder in ambulanten Praxen untergebracht.

Die Fachärztin für Psychosomatik und psychotherapeutische Medizin erzählt etwa von einer älteren alleinstehenden Frau, die nach einem Wohnungseinbruch bei ihr Hilfe gesucht hat. Seit der Tat hat sie Angst, alleine in den eigenen vier Wänden zu sein. Diese Patientin fällt nicht unter das OEG, da kein tätlicher Angriff vorgelegen hat, sagt Hauger. Dasselbe gilt für einen 40-jährigen Mann, der beim Joggen von zwei Hunden angefallen und gebissen wurde. Seither leidet er unter Ängsten und traut sich nicht mehr, seinem Hobby nachzugehen.

Pilotprojekt für drei Jahre

Die Trauma-Ambulanz in Aalen ist eines von sechs Pilotprojekten in Baden-Württemberg und Anlaufstelle für den Ostalbkreis, den Kreis Heidenheim und den Hohenlohekreis. Der Modellversuch ist vorerst auf drei Jahre befristet und wird von der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm evaluiert. Wenn die Ergebnisse zeigen, dass eine solche Einrichtung ein guter Ansatz ist, um schwerwiegende Folgeschäden wie Posttraumatische Belastungsstörungen zu vermeiden, sollen flächendeckend in ganz Baden-Württemberg Trauma-Ambulanzen eingerichtet werden, sagt Dr. Katharina Hauger. In anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen sei dies bereits der Fall.

Anlaufstelle rund um die Uhr

Die Trauma-Ambulanz ist rund um die Uhr Anlaufstelle für Gewaltopfer, die hier erstversorgt werden. In Kooperation mit Ärzten wie Psychotherapeuten, regionalen Hilfseinrichtungen wie Beratungsstellen, Frauenhäusern, Opferschutzverbänden, aber auch mit öffentlichen Institutionen wie Polizei, Rettungsdiensten, Feuerwehr sowie dem Versorgungsamt der Landkreisverwaltung stellt sie die qualifizierte Frühversorgung von Trauma-Opfern sicher. Betroffene können selbst, über Opferschutzbeauftragte der Polizei, Hausarzt oder Beratungsstellen Kontakt aufnehmen. Die Trauma-Ambulanz ist erreichbar unter Telefon 07361 / 551801. Weitere Infos gibt es unter www.traumaambulanz-aalen.de.

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