Was die wichtigsten Aufgaben der Caritas in Ostwürttemberg sind

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„Es gibt nach wie vor Menschen, die der Hilfe und der Unterstützung bedürfen“, sagt Caritas-Regionalleiter Harald Faber.
„Es gibt nach wie vor Menschen, die der Hilfe und der Unterstützung bedürfen“, sagt Caritas-Regionalleiter Harald Faber. (Foto: Thomas Siedler)
Schwäbische Zeitung

Die Caritas wird trotz boomender Konjunktur und Vollbeschäftigung immer noch gebraucht, weil es nach wie vor Menschen gibt, die der Hilfe und der Unterstützung bedürfen. Das sagt Regionalleiter Harald Faber im Gespräch mit Viktor Turad. Anlass ist das 100-jährige Bestehen des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Caritas Ost-Württemberg gedenkt der Gründung 1918 mit einer regionalen Feier am Sonntag, 23. September, in Niederstotzingen. Das Jubiläum ist für die „Aalener Nachrichten“ / „Ipf- und Jagst-Zeitung“ Anlass für das Interview, dem eine kleinen Serie folgt, die Einblicke in einige Arbeitsbereiche der Caritas Ost-Württemberg gibt.

Vielen Menschen auch auf der Ostalb geht es gut bis sehr gut. Braucht es da die Caritas überhaupt noch?

Leider ja, denn noch gibt es (zu) viele Menschen, auch auf der Ostalb, die Beratung, Hilfe, Unterstützung brauchen. Ende vergangenen Jahres waren bei uns 2238 Menschen arbeitslos, 1257 von ihnen schon seit langer Zeit. Alleinerziehende, Schwangere, Suchtkranke, Wohnungslose, Behinderte, Kinder und Jugendliche – sie alle brauchen auch im Ostalbkreis Unterstützung. Die Arbeit geht uns also nicht aus, zumal wir uns als Anwalt für benachteiligte Menschen und als Solidaritätsstifter sehen mit dem Ziel, unseren Beitrag für eine für alle Menschen im Kreis lebenswertere und gerechtere Gesellschaft zu leisten. Dafür stehen wir, unsere Mitglieder und auch unsere Partner, etwa die Stiftung Haus Lindenhof, die Marienpflege, die Anna-Schwestern in Ellwangen oder die Malteser, um stellvertretend nur einige zu nennen.

Was hat vor 100 Jahren zur Gründung der Caritas geführt?

Die Gründung des Caritasverbandes für Württemberg – nicht des Deutschen Caritasverbandes, den es bereits seit 1897 gab – war am 15. Juli 1918 die Reaktion auf die Folgen des Ersten Weltkriegs. Damals litten viele Menschen unter Krankheiten, Mangelernährung und anderen Nöten. Ziel war es, eine zentrale katholische Fürsorge zu organisieren, zu strukturieren und das, was es schon an Hilfen der katholischen Kirche gab, zu koordinieren. Außerdem ging es darum, katholische Interessen in der damaligen Fürsorge zu vertreten und, wenn nötig, neue zu gründen, Kinderheime beispielsweise. Ein Schwerpunkt war damals nämlich, Kindern und Jugendlichen in ihrer Not beizustehen. Deshalb entstand im Übrigen bereits 1918 die Stelle zur Vermittlung von Adoptiv- und Pflegekindern in katholische Familien und Kinderheime. Aus dem Caritasverband für Württemberg ist dann später der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart hervorgegangen.

Wie haben sich seither die Aufgaben und Herausforderungen entwickelt und verändert?

Unsere Aufgabe ist es, den jeweiligen Herausforderungen gerecht zu werden, also Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu entwickeln und Angebote zu schaffen. Dies tun wir zusammen mit unseren Partnern aus Kirche, Kommunen, anderen Verbänden der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und mit weiteren gesellschaftlichen Gruppierungen. Dabei hat sich die Finanzierung im Lauf der Zeit stark verändert. Zu Beginn meiner Tätigkeit, 1981, gab es Angebote, die Kirche, Bund, Land oder Kommune gewünscht und dauerhaft finanziert haben. Inzwischen gilt dies nur noch für wenige Ausnahmen wie die Suchtkranken- oder Wohnungslosenhilfe oder die Schwangerenberatung. Viele Finanzierungen gelten inzwischen für einzelne Projekte mit teilweise nur einjährigen Laufzeiten. Das bedeutet, dass wir ständig neue Projekte entwickeln, Anträge stellen und im schlechtesten Fall Angebote wieder einstellen müssen. Dabei bleibt die Nachhaltigkeit auf der Strecke und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diese Aufgaben sehr engagiert erfüllen, müssen mit uns in der Ungewissheit leben, ob und wie es weitergeht.

Was folgt für Sie daraus?

Man darf aus alldem nicht den falschen Schluss ziehen, dass wir am Althergebrachten kleben. Wir sind vielmehr sehr flexibel, entwickeln uns ständig weiter und überprüfen, ob unsere Angebote und Dienste den Menschen gerecht werden. Zudem haben sich auch Komplexität, Tempo, Technisierung und Bürokratisierung unserer Arbeit verändert, denken Sie nur an die neue Datenschutzgrundverordnung. Mit der Regionalisierung der ehemaligen Caritas-Kreisstellen Aalen und Heidenheim sowie der Bezirksstelle in Schwäbisch Gmünd zur Caritas Ost-Württemberg hat sich 1996 die Leitungs- und Führungsaufgabe sehr vergrößert. Wir brauchen ein zeitgemäßes Management und müssen uns in vielen Bereichen dem Wettbewerb, auch mit privaten Anbietern, stellen. Dies trifft besonders unsere Mitglieder in der Alten- und Gesundheitshilfe (die Sozialstationen) und im Bereich der beruflichen Integration sehr stark.

Nennen Sie uns doch einige Schwerpunkte des Wirkens der Caritas heute.

Unsere Schwerpunkte bilden sich in der Struktur unserer Dienste ab: Berufliche Integration, Familienhilfe, Jugendhilfe, Suchtkrankenhilfe und Wohnungslosenhilfe. Uns und andere hat in den letzten Jahren überdies der Zuzug und die Integration von geflüchteten Menschen gefordert. Sehr wichtig ist mir aber auch die Zusammenarbeit mit Menschen, die sich ehrenamtlich bei uns engagieren, derzeit etwa 425. Ohne sie sähe unsere Gesellschaft anders aus, wäre der gesellschaftliche Zusammenhalt auf noch härtere Proben gestellt als derzeit ohnehin schon. Immer wichtiger wird auch die Sorge um unsere alternde Gesellschaft. Hier gilt es, in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren Bedingungen zu schaffen, die ein möglichst langes, selbst bestimmtes Leben in der gewohnten Umgebung möglich machen.

Welcher Schwerpunkt ist Ihnen persönlich wichtig?

Den Schwerpunkt schlechthin gibt es nicht. Aber ganz oben auf der Agenda stehen zurzeit das Thema bezahlbarer Wohnraum und Kinderarmut. Denn der soziale Friede in unserem Land ist eine neue Herausforderung.

Übernimmt die Caritas nicht Aufgaben, die eigentlich Sache und Aufgabe des Staates wären?

In unserem föderalen Staat gilt das Subsidiaritätsprinzip. Deswegen übernehmen wir wie auch andere Wohlfahrtsverbände staatliche Aufgaben wie beispielsweise die Wohnungslosen- oder Suchtkrankenhilfe. Dafür gibt es dann öffentlich-rechtliche Vereinbarungen. Darüber hinaus gibt es Angebote, die unserer Diözese wichtig sind und die sie großteils finanziert wie die allgemeine Sozialberatung oder die Schwangerenberatung. Dies gilt auch für unseren Dienst „Caritas im Lebensraum“, der die Kirchengemeinden bei der Wahrnehmung ihres sozial-karitativen Auftrags unterstützt.

Gibt es Aufgaben, die Sie eigentlich übernehmen wollten oder sogar müssten, aber nicht können, und wenn ja, warum?

Wir würden gerne einen größeren Beitrag zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum leisten. Dazu laufen Gespräche mit der Diözese. Auch wollen wir unseren Beitrag forcieren für Kinder, die unter schwierigen Bedingungen ins Leben starten müssen. Und schließlich wäre dringend nötig ein Arbeitsmarkt für Menschen, die auf Grund ihrer Einschränkungen auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben. Denn es wird leider geflissentlich übersehen, dass es trotz der guten Konjunktur eine immer steigende Zahl von Langzeitarbeitslosen gibt.

Was schätzen Sie: Wie wird sich Ihre Arbeit entwickeln oder auch verändern? Werden Aufgaben wegfallen beziehungsweise neue hinzukommen?

Ich bin zwar kein Hellseher, aber ich denke, die Weiterentwicklung der inklusiven Gesellschaft wird eine der zentralen Herausforderungen sein. Dies beschränkt sich aber nicht nur auf Menschen mit Behinderung, sondern bewegt sich in den Dimensionen Arbeit, Gesundheit, Bildung, Einkommen und Wohnen. Sozialer Friede kann nur erreicht werden, wenn möglichst viele Menschen das Gefühl haben, dazuzugehören und gerecht behandelt zu werden.

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