Vesperkirche: Gelebte Ökumene mit Spaghetti Bolognese „oriental“

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Aalener Muslime kochen einen italienischen Klassiker, der in einer evangelischen Kirche von deutschen Architekten Menschen verschiedener Glaubensrichtungen serviert wird: Ökumenischer als am Samstag in der Wasseralfinger Vesperkirche geht’s kaum. Zum ersten Mal haben Mitglieder der Ditib-Gemeinde und der muslimischen Gemeinde (Fatih-Moschee) sowie andere Ehrenamtliche muslimischen Glaubens für den Mittagstisch in der Magdalenenkirche gekocht. Etwa 15 Frauen, Männer und Kinder aus Syrien, Afghanistan und der Türkei waren an den Kochtöpfen und Schneidebrettern, dazu eine Palästinenserin und Lamia Fetzer als „Küchenchefin.“ Aus ihrer früheren Heimat Tunesien hatte sie einige Zutaten mitgebracht.

Samstagvormittag, 9.30 Uhr: In der Küche der Weitbrechtschule wird das große Kochen für etwa 200 Gäste vorbereitet. Zwiebeln werden geschnitten, Knoblauch wird geschält, die Dosen mit dem Tomatenmark werden geöffnet, der Salat wird erst später angerichtet, damit er frisch und knackig bleibt. Die Päckchen mit den langen Nudeln sind noch zu – es gibt den Klassiker Spaghetti Bolognese. Mit Rindfleisch, das „halal“, also gemäß den moslemischen Vorschriften „rein“ ist. Die Lebensmittel haben die beiden muslimischen Gemeinden in Aalen der Vesperkirche gespendet, die ehrenamtlichen Köche schenken ihr ihre Arbeitszeit.

„Kulturen müssen sich unterstützen“

„Wir helfen sehr gerne, weil das wichtig ist und wir etwas für unsere Mitmenschen tun möchten“, erklären Tamer Celik und seine Frau Cigdem, beide im Vorstand der türkisch-islamischen Ditib-Gemeinde Aalen. „Ich möchte mit meiner Spende anderen Leute helfen“, sagt Behice Kaplan, es gehöre doch dazu, dass die unterschiedlichen Kulturen in Aalen sich begegnen und unterstützen. Monir Alfalouji ist vor dem Krieg in Syrien geflohen. Gerade schneidet er Paprika in kleine Stückchen für den Salat. Warum auch er mithilft? „Ich habe in Deutschland sehr viel Hilfe bekommen, beispielsweise von der Caritas und den Menschen hier“, heißt die schlichte Antwort.

Die Jugend ist gegen später vor allem für den Salat zuständig. Der neunjährige Furkan zupft penibel und geduldig jede Wurzel vom Strunk des Feldsalats. „Ich koche sehr gern“, erklärt er und fügt stolz hinzu: „Sogar besser als meine Schwester.“ Die Freundinnen Esma, Lisa und Larissa kümmern sich ebenfalls um den Salat. Ein Erwachsener ruft nach der Zitronenpresse, weil er fürs Dressing Zitronensaft braucht, der mit dem Olivenöl aus Tunesien verrührt wird. Das hat Lamia Fetzer mitgebracht. Sie war früher Lehrerin an der Weitbrechtschule, heute ist sie an der Rupert-Mayer-Schule in Ellwangen. Daneben leitet die Wasseralfingerin eine orientalische Tanzgruppe und gibt Kochkurse. Aus ihrer Heimat hat sie noch etwas mitgebracht: eine spezielle Würzmischung der Familie in Tunesien. Auf dem Markt kaufen sie die Gewürze, die werden getrocknet und dann mit einer Mühle fein vermahlen. Drin sind beispielsweise Nelken, Kurkuma, Pfeffer, Rosenknospen und andere Gewürze.

„Heidablitz!“ – etwas vergessen

Das Kochen ist auf dem Höhepunkt, die Nudeln bewegen sich in den Töpfen und die Bolognese-Soße blubbert. „Das ist ja wie in einer Großküche“, ruft jemand. Plötzlich ein weiterer Ruf: Im Kühlschrank sind ja noch drei Beutel mit verpacktem Hackfleisch. Glatt vergessen in der Hektik, die sich dann doch langsam ausbreitet. „Heidablitz“, meint eine Frau mit Kopftuch und lacht dann – noch ist genügend Zeit, nochmals Zwiebeln anzuschwitzen für die nächste Saucenportion. Dann ist alles fertig.

Die Salate in den Edelstahlbehältern sind mit Folie abgedeckt, die Sauce und die Nudeln werden in Warmhalter gefüllt, einige von ihnen haben eine Wasseralfinger Bäckerei und eine Metzgerei gerne ausgeliehen. Dann wird das Essen nach und nach zur Magdalenenkirche gebracht. Hier warten schon die Helfer und die zwölf Frauen und Männer vom Architekturbüro Isin, die an diesem Tag das Essen ausgeben. Dabei ist auch Susan Weiler. „Wir wollen in unserer Freizeit die Vesperkirche und den Gedanken, der dahintersteckt, einfach ein bisschen unterstützen“, erklärt sie. Dann geht die Haupttüre der Kirche auf und einige Frauen mit Kopftuch bringen selbst gebackenen Kuchen und süße Spezialitäten herein.

Die Spaghetti Bolognese „oriental“ schmecken richtig lecker, der Salat und die Kuchen auch. Was aber noch wichtiger ist, sagt Pfarrer Uwe Quast zwischen dem Essen: Dass hier Menschen zusammenkommen, die unterschiedlichen Religionen angehören, aber alle an den einen Gott glauben.

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