Vertreter der Ostalb sind sich sicher: Das Händeschütteln wird zurückkehren

Aufatmen: Laut der Knigge-Gesellschaft und auch lokaler Prominenter auf der Ostalb ist der Handschlag nicht vom Aussterben bedroht. (Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa)
Leiter der Redaktionen Aalen und Ellwangen

Seit nunmehr fast zwei Jahren beschäftigt das Coronavirus die Gesellschaft – weltweit. Das hat einige Veränderungen in den Umgangsformen mitgebracht. So ist ein sogenannter „Fistbump“ nicht mehr Rappern vorbehalten, auch Politiker begrüßen sich mittlerweile so. Oder sie nicken sich zu. Was fast ausgestorben scheint, ist das Händeschütteln.

Graf von Hoyos macht Mut

Allen, denen die sonst so übliche Geste fehlt, machte nun Anfang der Woche Clemens Graf von Hoyos Mut. Den kennen Sie nicht? Graf von Hoyos ist Chef der Knigge-Gesellschaft – und er sagte in einem Interview mit der „Rheinischen Post“, dass er davon ausgehe, dass der Handschlag zurückkehren werde. Der Benimm-Experte geht außerdem davon aus, dass das Küsschen rechts und links, die sogenannte Akkolade, ebenfalls zurückkehren werde.

Chef-Händeschüttler freut sich

Landrat Joachim Bläse, sonst sozusagen der Chef-Händeschüttler auf der Ostalb, bedauert den Wandel zur aktuellen Umgangsform außerordentlich: „Für mich ist dies schon eine gravierende Einschränkung. Jemand bei der Begrüßung die Hand zu geben, ist für mich eine besondere Geste und zeigt, dass man den anderen auf Augenhöhe wahrnimmt und achtet.“

Damit spricht er vermutlich vielen Bürgerinnen und Bürgern aus der Seele, bleibt dabei aber auch gewohnt optimistisch: „Ich bin mir sicher, dass dieses bei uns traditionelle Begrüßungsritual schnell wieder zur Routine wird, sobald die Corona-Pandemie dies zulässt.“ Und damit bläst er ins selbe Horn wie Graf von Hoyos. Hoyos zieht seinen Optimismus mit Blick auf die Sommermonate, in denen man bereits eine allmähliche Wiederkehr dieses Rituals erkennen konnte.

Bopfingens Bürgermeister Bühler stellt Forderung

Auch dem jüngst wiedergewählten Bopfinger Bürgermeister, Gunter Bühler, geht das Nicht-Händeschütteln gehörig gegen den Strich: „Das hat man schon als kleines Kind gelernt, dass das Händeschütteln die unbedingte und zugleich einfachste Form der Höflichkeit ist.

Zudem signalisiert ein Händedruck die Offenheit und auch die Verbundenheit gegenüber einem anderen Menschen wie sonst gar nichts.“ Vor allem in der Politik ein nicht zu unterschätzendes Mittel, weil es aber auch einfach immer dazugehörte. Das führe – unter anderem – insgesamt zu einer negativen Entwicklung des guten Benehmens in der Gesellschaft.

Die „Zündschnur“ sei bei vielen Menschen wesentlich kürzer geworden, so Hoyos. Auch Bühler blickt auf die Zeit nach der Pandemie und stellt gleich Forderungen: „Der Händedruck muss einfach wiederkommen. Es darf keine Corona-Kultur nach Corona geben. Es muss wieder unser altes Leben in Freiheit zurückkehren, nach dem sich alle so sehnen. Und zwar ohne Wenn und Aber – also auch mit Handschlag. Definitiv!“, sagt Bühler.

Michael Dambacher ist manchmal irritiert

Die Pandemie mit seinen sämtlichen Maßnahmen und Ratschlägen zu Umgangsformen führt häufig auch zu Irritationen. „Ich bin froh, wenn die Frage, wie man sich richtig begrüßt, dann wieder endgültig geklärt ist“, sagt beispielsweise Ellwangens Oberbürgermeister Michael Dambacher und er hat auch seine Meinung zu Fistbumps oder ähnlichem: „Die Zwischenlösung mit dem Pseudohandschlag in Form von entgegen gestreckten Fäusten oder das schüchtern scheinende Zuwinken ist nach wie vor gewöhnungsbedürftig“, ist Dambacher ebenfalls froh, wenn der Begrüßungs-Spuk vorbei ist. Auch er sei sich sicher, dass der Handschlag sein Comeback feiern werde.

Brütting befürchtet Verrohung der Sitten

Dambachers Pendant in Aalen, Frederick Brütting, sieht im Mangel des Händeschüttelns eine Art Verrohung der Sitten, an der wir alle jedoch, zumindest aktuell, nichts ändern können: „Für mich gehört das Händeschütteln zum guten Ton und ich wünsche mir, dass diese Geste der Höflichkeit auch nach Corona wieder ganz selbstverständlich werden wird.

Man begegnet seinem Gegenüber auf Augenhöhe, der Moment des Händeschüttelns ist ein Ritual vor jeder Begegnung, Verhandlung oder Besprechung – und es hat auch etwas Versöhnliches und kann einen Moment der Nähe und Vertrauen schaffen – ganz losgelöst vom eigentlichen Anlass der Begegnung.“

Für Brütting ist es somit nicht nur ein formeller Prozess, dem wir unterliegen – das Händeschütteln bedeutet ihm wesentlich mehr. „Und es ist auch ein Zeichen des gegenseitigen Respekts. Man nimmt sich die Zeit zum kurzen Innehalten, bevor man zur Sache kommt.“

Schluss mit dem Corona-Wahnsinn!

Auf anderer Ebene im Einsatz, aber grundsätzlich nicht weniger händeschüttelnd unterwegs, ist Reinhard Skusa, City-Manager in Aalen. Fast klingt es romantisch, wenn er sagt: „Wir Menschen brauchen in unserem Umgang diese warmen, ehrlichen Gesten, um auch persönliche Bindungen zu vertiefen. Ich denke, alle Menschen wünschen sich ein Leben wie 2019 wieder zurück, für ein unbeschwertes und unkompliziertes Miteinander.“

Etwas martialischer fügt Skusa an: „Ich gehe fest davon aus, dass der Wahnsinn Corona irgendwann einmal vorbei sein wird.“ Spätestens, wenn sich die Menschen dann wieder die Hände schütteln, sich vielleicht sogar umarmen, wissen wir alle dann, dass der „Wahnsinn“ wohl tatsächlich vorbei ist.

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