Tierbesitzer fürchten sich vor Katzenfängern

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Verena Schiegl

Einige Katzen sind vor kurzer Zeit innerhalb weniger Tage im Alten Grauleshof spurlos verschwunden, vier allein aus derselben Straße. „Auch die Wochenzeitungen sind in der vergangenen Zeit voll mit Inseraten, in denen Halter ihre Vierbeiner als vermisst melden.“

Für einen besorgten Besitzer, dessen Katze selbst seit fünf Wochen fehlt, der aber nicht genannt werden möchte, kann das kein Zufall mehr sein. Er vermutet, dass Tierfänger in Aalen unterwegs gewesen sind. Der Verdacht habe sich in Gesprächen mit weiteren betroffenen Besitzern erhärtet. Zudem hätten zur selben Zeit des Verschwindens der Vierbeiner blaue Altkleider-Tonnen mit weißem Deckel in der Nähe des Wohngebiets gestanden, die, so seine Recherche im Internet, in Verbindung mit Tierfängern stehen. Nicht zuletzt sei dem Mann am Donnerstag vergangener Woche auf dem Parkplatz beim Altersheim ein VW-Bus mit Sigmaringer Kennzeichen aufgefallen, dessen Scheiben abgedunkelt gewesen seien. „Das Führerhaus war abgehängt und unter dem Auto lag eine Schachtel, in der sich Lockstoffe befunden haben“, berichtet der Mann, der Anzeige bei der Polizei erstattet und diese am selben Tag noch auf das Fahrzeug aufmerksam gemacht habe.

Als die Beamten am Parkplatz ankamen, war der VW-Bus bereits weg. „Ermittlungen haben allerdings ergeben, dass es sich dabei um ein Fahrzeug eines Handwerksbetriebs gehandelt hat“, berichtet Polizeihauptmeister Walter Thum. Immer wieder würden Altkleidersammlungen mit dem Verschwinden von Katzen in Zusammenhang gebracht, weiß der Beamte des Polizeireviers Aalen aus Erfahrung. Sobald Tierbesitzer die blauen Tonnen mit weißem Deckel oder Wäschekörbe zu Gesicht bekommen, komme das Gerücht von Katzenfängern in Umlauf, die die Tiere als Versuchstiere an Labore im osteuropäischen Ausland verkaufen oder das Fell etwa Herstellern von Rheumadecken anbieten. Auch Ute Barnet vom Aalener Tierschutzverein glaubt, dass das kuriose Verschwinden vieler Katzen auf Tierfänger zurückzuführen ist, die ihre Tonnen auf Privatgrundstücken als Alibi aufstellen und in Wirklichkeit mit einem Lieferwagen nachts in Seitenstraßen fahren, von innen eine Platte aus dem Wagenboden schrauben, unter der Fahrzeugmitte ein Lockmittel für Katzen aufstellen und die Tiere anschließend in die Kleidertonnen stecken.

Bei Anruf läuft die Mailbox

Ein Blick in die vermeintlichen Altkleider-Tonnen zeige, dass sich dort nie auch nur ein einziges Kleidungsstück befinde. Und wenn jemand wirklich Kleider für einen humanitären Zweck sammelt, schaue er auch danach, dass sich kein Dreck im Innern des Behältnisses befindet, sagt Barnet. Komisch sei auch, dass die Tonnen im Morgengrauen aufgestellt und nachts wieder abgeholt werden. „Wenn jemand nichts zu verbergen hat, warum stellt er diese dann nicht bei Tag auf und holt sie auch bei Tag wieder ab?“, fragt sich Barnet. Auffällig sei auch, dass die angegebenen Telefonnummern auf den Tonnen nicht vergeben seien oder nur eine Mailbox läuft.

„Dass solche Tierfänger jemals in Aalen unterwegs waren, ist uns nicht bekannt“, sagt Thum. Auch im Tierheim Dreherhof zweifelt man an der Existenz solch professioneller Tierfänger. „Tierversuche unterliegen gesetzlichen Auflagen und werden stark kontrolliert, sodass es nicht möglich ist, jede x-beliebige Katze, deren Vorgeschichte man nicht kennt, an Tierlabore zu verkaufen“, sagt Christel Stotz. Derartige Versuchstiere kämen meistens aus Zuchten. Mehr als unwahrscheinlich hält es die Mitarbeiterin des Dreherhofes auch, dass Tierfänger extra durch Deutschland oder gar Aalen fahren, um Katzen für die Pelzindustrie im Ostblock zu beschaffen. „Die haben genug Katzen vor Ort", sagt Stotz. Die Masche, mit Kleidertonnen auf Jagd zu gehen, gehört eher in den Bereich der Fernsehserie ,Tatort'.“

Viel Spekulation

Katzen würden aus den unterschiedlichsten Gründen verschwinden und es komme oft vor, dass sie zwei, drei Monate lang weg bleiben. „Wir bekommen das ganze Jahr über laufend Meldungen aus dem Ostalbkreis über vermisste Tiere. Eine örtliche Anhäufung können wir aber nicht feststellen. „Die meisten kommen bei Autounfällen ums Leben, andere springen in einen Kellerschacht hinein und kommen nicht wieder von selbst raus. Wir hatten auch schon einen Fall, bei dem eine Katze aus Schwäbisch Gmünd vier Wochen gefehlt hat und in Bopfingen wieder aufgetaucht ist. Sie ist unbemerkt in das Auto der Besitzer reingesprungen, mit ihnen zum Einkaufen nach Bopfingen gefahren, und dort ebenso unbemerkt wieder rausgesprungen“, erinnert sich Stotz.

Vieles bewege sich im Bereich der Spekulation. Solange niemand konkrete Beobachtungen macht und sich der Tatverdacht nicht erhärtet, sind auch der Polizei die Hände gebunden. Das Problem sei auch, dass kaum ein Katzenbesitzer Anzeige erstattet. „Anders als Hundebesitzer“, sagt der stellvertretende Pressesprecher der Polizeidirektion Aalen, Rudolf Biehlmaier. Der Diebstahl von Katzen – formaljuristisch werden Tiere wie eine Sache behandelt – könne mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden.

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