Theater: In einem anderen Land

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Jakob junior (Georg Melich, von links), Arthur (Andreas Klumpf), die junge Frau (Sophia Foltin) und Jakob senior (Klaus Fischer)
Jakob junior (Georg Melich, von links), Arthur (Andreas Klumpf), die junge Frau (Sophia Foltin) und Jakob senior (Klaus Fischer) machen „Die Reis’“ zu einem eindrucksvollen Denkmal für die jenische Tradition, (Foto: Bjørn Jansen)

Der Singener Autor Gerd Zahner hat in seinem Theaterstück „Die Reis’“ die Tradition der Jenischen geschickt in eine subtile Vater-Sohn-Geschichte verpackt. Jetzt ist die Inszenierung von Mark Zurmühle mit dem Theater Konstanz auf der Bühne des Aalener Stadttheaters im Wi.Z zu Gast gewesen. Dass das Konstanzer Theater mit diesem Stück nach Aalen kam hat mehrere Gründe. Zum einen ist es ein Gegenbesuch, denn das Aalener Theater war am Sonntag mit dem Brexit-Liederabend „Get back“ am Bodensee zu Gast. Zum anderen gibt es auch in Aalen, vor allem in Fachsenfeld-Himmlingsweiler, eine „jenische Community“, wie es Aalens Intendant Tonio Kleinknecht bei der Begrüßung vor vollem Haus formuliert.

Es geht um „Mulo“, den Tod

Und nicht zuletzt passt das Stück ganz wunderbar in das Aalener Spielzeitmotto „Welche Sprache passt zu mir?“. Denn hauptsächlich die Sprache ist es, über die sich die Jenischen definieren. „Schiggele“ ist das Mädchen, „Stupferling“ der Igel, „Mulo“ der Tod.

Und um den geht es in „Die Reis’“. Jakob junior (Georg Melich), Rechtsanwalt aus Frankfurt, hat seinen Vater (Klaus Fischer), einen Jenischen, 25 Jahre lang nicht gesehen. Jetzt geht es Vater Jakob schlecht, der Sohn besucht ihn. Es wird für den Sohn eine Reise in eine fremde Welt, „in die Schatten“, in ein anderes Land. „Wir werden uns kennen lernen“, hofft der Vater zuversichtlich. „Wozu?“, fragt sich der Sohn. Ein subtiles Detail am Rande: Fischer und Melich sind auch im richtigen Leben Vater und Sohn.

Die Jenischen, eine soziale, aber keine ethnische Gruppe, oft als Kesselflicker, Scherenschleifer oder Landfahrer und „weiße Zigeuner“ diskriminiert, sind, so erklärt das einführende Video, die erste europäische Subkultur.

Hunderttausende sollen in den Konzentrationslagern der Nazis ums Leben gekommen sein. Sie führten wohl seit dem Dreißigjährigen Krieg ein Leben auf Achse, „vertrieben seit 500 Jahren“, erklärt der Vater seinem Sohn, „uns bleibt nur Gott und Freiheit.“ Flüchtlinge im eigenen Land.

Langsam nähern sich Vater und Sohn an, finden auch über die Musik und die Poesie zueinander, bis der Sohn endlich sagt: „So langsam verstehe ich dich.“

Fischers Vater ist ein wankelmütiger, ja manchmal störrischer Grantler, aber auch Romantiker, ein Träumer. Melichs Sohn wehrt sich zunächst tapfer, mehr über seine Wurzeln zu erfahren. Die Schauspieler Andreas Klumpf und Sophia Foltin und Musiker Rudolf Hartmann agieren in unterschiedlichen Rollen wie Schachfiguren in diesem Annäherungstanz.

„Es gäbe keine Geschichte, wenn sie nicht jeder auf seine Art erzählt“, sagt Vater Jakob einmal zu seinem Sohn. Und genau das ist es, was Autor Zahner bewirken will. „Die Reis’ endet nicht, solange wir jenisch sprechen, jenisch denken und jenisch handeln.“

Wie Jenische sprechen, denken und handeln, das beleuchtete anschließend Eberhard Looser. Der in Fachsenfeld geborene Looser beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Jenischen in Himmlingsweiler (das früher mal Pfannenstiel hieß) und hat vor zwei Jahren ein Buch zum Thema verfasst. Ihm standen beim anschließenden „Theater trifft...“ Regisseur Mark Zurmühle und der in Singen lebende Autor Gerd Zahner zur Seite.

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