Tanzen kann man auch auf zwei Rädern

Lesedauer: 4 Min
Lass uns mal ein Tänzchen wagen“, heißt es regelmäßig in Aalens „Neuer Tanzschule“, in der sich Tänzer mit und ohne Behinderung (Foto: Kullmann)

„Lass uns mal ein Tänzchen wagen“ – Vico Torrianis alter Schlager hätte nicht besser passen können. Immerhin waren Damen und Herren jeden Alters angetreten, um das „Vor, vor, Wiegeschritt“ zu erlernen. Keine Nachricht wert, weil dies in der „Neuen Tanzschule“ von Claudia und Armin Röck zum Alltag gehört? Ja und nein!

Denn die Akteure, die hier auf der Tanzfläche den Anweisungen ihrer Tanzlehrerin lauschen, wurden bis dato „in einer schlechtbelüfteten Turnhalle versteckt“, wie Oswald Tretter verrät. Seit Inklusion allerdings zum Zauberwort der Sozialpolitik aufgestiegen ist, will sich der zweite Vorsitzende des Körperbehindertenvereins Ostwürttemberg mit dem Versteckspiel nicht mehr zufrieden geben. Gleiches Recht für alle fordert er ein. Im Tanzen sieht er für behinderte Menschen einen kleinen Schritt auf dem noch weiten Weg in die Normalität.

Fitness wird verbessert

Seit vier Jahren organisiert der Verein den Rollstuhltanz und hat dafür eigens eine speziell ausgebildete Tanzlehrerin engagiert. „Ich unterrichte körperbehinderte Menschen genauso wie Nichtbehinderte“, betont Silvia Scherer. Nur eine Einschränkung akzeptiert die Ludwigsburger Tanzlehrerin: „Wer im Rollstuhl sitzt, führt den Wiegeschritt anders aus.“

Walzer, Tango, Foxtrott? Kein Problem! Übersetzt auf die technischen Möglichkeiten von Rollstühlen und auf die körperlichen Fähigkeiten ihrer teils mehrfachbehinderten Steuerfrauen und -männer sind weder Standard-, Latein- oder andere Tanzarten ausgeschlossen. „Tanzen ist für jeden ein Stück Lebensqualität, auf die jeder einen Anspruch hat“, so Scherer. Überdies werde körperliche und geistige Fitness verbessert und es stelle sich bei allen Beteiligten ein Wohlgefühl ein. „Was zählt ist Sport, Musik und Spaß.“

Auf der Tanzfläche bilden sich aufeinander eingespielte Teams. Und wie in jedem anderen Tanzkurs auch, wirken die „Tanzschritte“ bei einigen bereits elegant, bei anderen eher steif und holprig. Übungssache eben. „Unser Ehrgeiz ist, dem jeweiligen Original ganz nahe zu kommen“, so Scherer. Die Fußgänger lernen den Seitwärtstipp beim Fox, die fließende Drehung beim Walzer und die besondere Rücksichtnahme auf den Rollstuhlfahrer. Denen bringt die Tanzlehrerin bei, welch ungeahnte Bewegungsmöglichkeiten in einem Rollstuhl stecken.

Einige haben den Dreh bereits raus und legen mit ihrem Partner einen bemerkenswerten Tanz aufs Parkett, andere benötigen ersichtlich noch so manch eine Tanzstunde. Ihre Nichte Sina sei mit Begeisterung bei der Sache, berichtet Jasna Acigöz. Und auch Christine Tretter erzählt, dass ihr Sohn Timo nach dem Tanzkurs völlig entspannt und relaxed sei. „Wir können Familien mit behinderten Kindern nur raten teilzunehmen“, empfehlen beide.

Derweil geht ein Aufatmen durch die Reihen der Tänzer, nachdem die Pressefotografen abgezogen sind. Jetzt kann endlich ungezwungen das „Tanzbein“ geschwungen und Gerhard Wendlands Schlager zum Motto erhoben werden: „Tanze mit mir in den Morgen“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen