„StreetArt“ – wenn Straßenmalerei zur Kunst wird

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Ein Gesicht, das nur aus einer bestimmten Position zu sehen ist. Zerbrating heißt der Künstler. Aufgenommen wurde diese StreetAr (Foto: Zerbrating)
Schwäbische Zeitung

Wahl-Mannheimer, Künstler, DJ, Maler, Musiker und Fotograf. Timo Schaal gründete 2010 unter dem Pseudonym „Polypix“ das Online-Netzwerk „StreetArt in Germany“. Dort zeigt er Straßenkunst, die er entdeckt und abfotografiert hat. Zu Beginn kamen alle Fotos von ihm. Heute erreichen ihn Tag für Tag Hunderte Fotos seiner Fans. Über seine Leidenschaft hat er mit Claudia Schenk gesprochen.

Herr Schaal, wie würden Sie ihre Art der Kunst am ehesten beschreiben?

Bei allem, was ich mache, habe ich die Menschen immer fest im Blick. Ich habe mich schon immer für die unterschiedlichen Gefühlswelten interessiert und versuche, die Leute darüber zu erreichen.

Wie kamen Sie zur StreetArt?

Das war vor fünf Jahren, zeitgleich mit meinem Umzug von Aalen nach Mannheim. Dort sind mir die ersten Straßenkunstwerke ins Auge gesprungen. Dann bin ich mit der Bahn in verschiedene Städte gefahren, in denen ich viel StreetArt vermutet habe. Dort war ich dann mit der Kamera jeweils in den eher „alternativeren“ Stadtvierteln unterwegs. Mit der Zeit entwickelt man dabei ein scharfes Auge. Mittlerweile fällt es mir sehr schwer, das abzuschalten. Egal wo ich bin, ich scanne jede Wand, jeden Stromkasten oder Laternenpfahl.

Welches Graffiti erweckte das erste Mal ihr Interesse?

Das war ein kleiner, mit Schablone gesprühter Engel, der an einem Galgen hängt. Den habe ich direkt am Haus gegenüber von meiner Wohnung gesehen. Das war auch die Initialzündung, mich mehr mit der Materie zu beschäftigen. Wie ich später herausgefunden habe, stammt der Engel von der Mannheimer Künstlerin „Louva must die“.

Was ist die Besonderheit dieser Kunst?

Das ist ein ganzer Komplex an Besonderheiten, der mich reizt. Die Protagonisten nehmen Risiken, Kosten und allerlei Unannehmlichkeiten auf sich, um ihr Bild, oder ihr was auch immer, in der Öffentlichkeit heimlich anzubringen. Das finde ich bewundernswert. Hinzu kommt das immer spontane, überraschende Antreffen dieser Kunst auf der Straße. Die Kunst wird nicht erst dann gesehen, wenn sich eine Galerie oder ein Museum dafür stark macht. Sie ist einfach da und nimmt sich ihren Platz.

Gibt es auch Schwierigkeiten?

Ein großer Teil dessen, was als StreetArt bezeichnet wird, ist illegal. Die Künstler oder Aktivisten werden von den Fans aus der Szene gefeiert, sind aber jederzeit dem Risiko des „Erwischtwerdens“ ausgesetzt. Dann drohen, je nach Fall, saftige Geldstrafen. Manchmal sogar Gefängnis. Ein Beispiel hierfür ist der Hamburger StreetArt-Künstler „OZ“. Der sprüht seit vielen Jahren in Hamburg überall seine Smileys hin. Das gehört dort mittlerweile fest zur Stadt und macht für viele Hamburger einen wichtigen Teil des Stadtbildes aus, der sie von sauberen Städten wie München unterscheidet. Viele lieben diese Smileys und feiern „OZ“ als Helden. Andererseits hat dieser Künstler bereits viele Gerichtsverhandlungen und Gefängnisstrafen hinter sich. In Hamburg gibt es deshalb die „Free OZ“-Bewegung, in der Tausende Menschen ihre Solidarität mit dem Sprayer ausdrücken.

Auf welche Charaktere stoßen Sie bei den Künstlern der Straße?

Anfangs dachte ich, dass es sich bei den meisten StreetArt-Künstlern um Jugendliche oder junge Erwachsene handelt. Doch damit lag ich falsch. Sehr viele Aktive sind Mitte 30 bis Ende 40. Und einige davon führen tagsüber ein recht bürgerliches Leben oder haben Kinder. Eine gewisse alternative Denkweise und ein mehr oder weniger rebellischer Charakter gehören sicherlich dazu.

Nach welchem Motto leben Sie?

Ich versuche, alle Menschen mit Respekt zu behandeln. Die Dinge mit Toleranz zu betrachten und das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Für eigene Fehler einzustehen und gegebenenfalls um Verzeihung zu bitten.

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