Sensationelle Funde erhellen römisches Alltagsleben

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Schwäbische Zeitung
Markus Lehmann

Römische Funde in und rund um das größte Reiterkastell nördlich der Alpen sind zuletzt spärlich gewesen. Das hat sich mit den Ausgrabungen in der Gartenstraße/Untere Wöhrstraße von 2013 bis 2015 geändert: Die erste größere Flächengrabung des Landesamt für Denkmalpflege außerhalb des Kastell-Bereichs hat gut erhaltene und bedeutende Hinterlassenschaften aus dem vicus (Siedlung) ans Tageslicht gebracht. Die Aalener „Ursiedlung“ an der Aal hatte beachtliche Ausmaße – sie war wesentlich größer als die spätere Reichsstadt, hier dürften bis zu 5000 Menschen gelebt haben: Handwerker, Ärzte, Künstler, Soldatenfamilien.

Ab dem 19. Jahrhundert gab es nur einzelne Funde. Und während im Reiterlager der Ala II Flavia in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder große Ausgrabungen unternommen worden waren, ist über die römische Zivilsiedlung südlich und östlich des Kastells wenig bekannt. Bei der Grabungskampagne in Zusammenhang mit dem Neubau eines Apartmenthauses wurden spektakuläre Funde gemacht: filigrane Haarnadeln, Beschläge, Gewandspangen, lederne Schuhsohlen, Teile eines Arztbestecks, eine Lanzenspitze, ein Teil eines Schuppenpanzers, Ketten, Ohrgehänge, Ringschlüssel, Alltagsgegenstände, Münzen. Eine archäologische Kostbarkeit ist die in der Gartenstraße erst dieses Jahr gefundene silberne Siegelkapsel. Mit ihr wurden vertrauliche Botschaften und Mitteilungen versiegelt, vielleicht vom Lagerkommandanten an eine andere Präfektur. Besonders aufschlussreich sind auch die Münzen aus Kupfer und Bronze, denn sie machen die zeitliche Einordnung präzise. Die älteste trägt das Datum 30 vor Christi Geburt, die jüngste stammt aus dem Jahr 220, auch eine Münze mit dem Porträt von Kaiser Domitian (im Amt von 81 bis 96 n. Chr.), auch eine Münze eines der Namensgeber der Ala II Flavia ist dabei. Leider, so Dr. Martin Kemkes vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, wurden keine jüngeren Münzen gefunden. Denn mittlerweile gibt es Hinweise, dass der Limes bereits vor dem Jahr 260 aufgegeben worden sein könnte. Die zahlreichen Funde sind deshalb so ausgezeichnet erhalten, weil sie in Abwasserkanälen nahezu luftdicht und vor Sauerstoffeinfluss abgeschlossen lagerten, deshalb sind die Münzen fast nicht korrodiert. Der Erhaltungszustand sei „hervorragend“, freut sich Kemkes, im Bereich des Kastells am Limes mit seinen einst 1000 Reitern seien Funde in dieser Qualität bisher nicht gefunden worden. Am Sonntag wird die Ausstellung „Neues aus dem römischen Aalen – archäologische Ausgrabungen in der Gartenstraße“ im Limesmuseum um 11 Uhr eröffnet, dort ist auch UNESCO-Welterbetag mit „lebendigem Museum“ (von 13.30 bis 17 Uhr), Mitmach-Aktionen und antikem Handwerk. Am Sonntag werden gleich drei Ausstellungen eröffnet: Die Funde aus der Gartenstraße, der Hortfund von Heidenheim und „Gesichter der Macht – Kaiserporträts im Limesmuseum“.

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