Rost nagt: Der Gaskessel ist nicht mehr zu retten

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Der Gaskessel war sein Arbeitsplatz: Wolfgang Schad. Jede Woche kontrollierten zwei Stadtwerkemitarbeiter, ob die Scheibe waagre
Der Gaskessel war sein Arbeitsplatz: Wolfgang Schad. Jede Woche kontrollierten zwei Stadtwerkemitarbeiter, ob die Scheibe waagre
Schwäbische Zeitung

Der Aalener Gaskessel ist nicht mehr zu retten. Zwar ist der Auftrag noch nicht vergeben, aber der Abriss steht unmittelbar bevor. Der TÜV saß den Stadtwerken im Nacken, 250 000 Euro soll die Demontage samt Entsorgung kosten

Von unserem Redakteur  Alexander Gässler

Die letzten zehn Jahre war er für den Gaskessel zuständig: Wolfgang Schad. Die einfache Technik hat ihn immer fasziniert, wie er sagt. Eine mit Betonsteinen beschwerte Scheibe – insgesamt gut 100 Tonnen schwer – hält den Gasdruck im Kessel konstant bei 22 Millibar. An den Wänden verhindern ein Ölfilm und ein ölgetränktes Segeltuch, dass Gas entweicht. Einfach, aber effektiv. 55 Jahre hat der jetzige Gaskessel seinen Dienst getan. Bis er im Juli 2009 außer Betrieb und vom Netz genommen wurde. Jetzt steht der Abriss unmittelbar bevor.

Traurig ist Schad schon. Aber dass sein Herz blute, wäre zu viel gesagt, meint er. Die Arbeit im Gaskessel sei doch sehr aufwendig gewesen. Einmal die Woche mussten zwei Männer vom Dach in den Kessel steigen und die freihängende Leiter zur schwebenden Scheibe hinunterklettern. Ihr Job: Kontrollieren, ob die Scheibe waagrecht im Wasser steht. Zwei Mann sicherten die beiden von oben.

„Traurig, wie alle anderen“

Moderne, kompakte Gasregelstationen seien wartungsfreundlicher und günstiger, wie Stadtwerkechef Cord Müller sagt. Als Speicher wird der Gaskessel nicht mehr gebraucht. Und jetzt der Abriss wegen des schlechten baulichen Zustands. „Das tut doch ein bisschen in der Seele weh. Ich bin genauso traurig wie alle anderen.“

1,5 Millionen Euro hätte die Sanierung laut Müller gekostet. Akute Einsturzgefahr besteht zwar nicht, aber das Betonfundament bröselt, die Eisenarmierung rostet, ebenso die Treppe und die Blechhülle. Jede Niete müsste ausgetauscht werden, sagt Müller. Der TÜV habe klargemacht, dass viel Geld in die Hand genommen werden müsse, um die Standsicherheit zu gewährleisten.

Aalens Stadtarchivar Dr. Roland Schurig sieht es pragmatisch: „Historiker sind dramatisch zukunftsorientiert.“ Für 1,5 Millionen „ein luftiges Gebilde“ zu sichern -- ohne irgendeine Idee für eine Nutzung --, hält er für realitätsfern. Schurig und Müller sind sich einig: Es sei sinnvoller, das Geld in die Zukunft zu investieren – „in Bildung“.

Als Historiker interessiert Schurig aber, was aus dem Stahlblech wird und ob einzelne Teile etwa als Kunstobjekt wiederverwertet oder ausgestellt werden können. Auch findet er spannend, was aus der Lücke wird, die der Gaskessel im Stadtbild hinterlässt. Es gebe die Idee eines Gebäudes mit gleicher Kubatur, antwortet Cord Müller. Näheres sagen will er dazu aber nicht. „Das ist Zukunftsmusik.“

Abriss dauert acht Wochen

„Zügig“ will Stadtwerkechef Cord Müller loslegen. Ab 7. Juli sollen zwei Turmdrehkräne aufgestellt werden. Anschließend wird der Ölschlämm, der sich über die Jahre auf dem Behälterboden gesammelt hat, abgetragen und entsorgt. Die Innenwand wird vom Ölfilm gereinigt. Daran schließt sich die eigentliche Demontage an. Der 54 Meter hohe Gasbehälter wird von oben nach unten sektionsweise abgetragen, mit dem Schneidbrenner wird Blechtafel für Blechtafel getrennt. Der Stahl wird recycelt, das Öl teilweise wieder aufbereitet. Acht Wochen sind für die Arbeiten vorgesehen.

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