Neues Konzept für Aalens Einzelhandel

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 Wohin geht die Reise für den Aalener Einzelhandel? Das soll Experte Donato Acocella in einem neuen Gutachten klären.
Wohin geht die Reise für den Aalener Einzelhandel? Das soll Experte Donato Acocella in einem neuen Gutachten klären. (Foto: Eckard Scheiderer)

Die Stadt wird in Zusammenarbeit mit dem Innenstadtverein ACA beim renommierten Lörracher Stadtentwicklungsexperten Donato Acocella ein neues Einzelhandelsgutachten beziehungsweise die Fortschreibung seiner von 2009 stammenden bisherigen Einzelhandelskonzeption für Aalen in Auftrag geben. Dies hat der Ausschuss für Umwelt und Stadtentwicklung des Gemeinderats einstimmig beschlossen. Bereits im Laufe des Jahres 2019 werde man mit Ergebnissen rechnen können, sagte Oberbürgermeister Thilo Rentschler.

Nach entsprechenden Forderungen aus dem Ausschuss (Grüne und Freie Wähler) soll die Arbeit auch eine Passantenbefragung und eine Analyse zur Herkunft der Innenstadtbesucher enthalten. Außerdem beinhaltet der Beschluss die Einrichtung einer Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus Mitgliedern des Gemeinderats und des ACA, welche Acocellas Arbeit sowie die Analyse und Umsetzung der Ergebnisse begleiten soll. Für die Neufassung der Konzeption sollen im städtischen Haushalt 2019 Mittel in Höhe von 50 000 Euro bereitgestellt werden.

Mit als Hauptgrund dafür, dass die Fortschreibung der Aalener Einzelhandelskonzeption dringend notwendig sei, nannte Rentschler die Tatsache, dass sich der Einzelhandel mittlerweile besonderen Herausforderungen stellen müsse, die vor zehn Jahre so noch niemand habe ahnen können.

Notwendig und überfällig nannte denn auch CDU-Fraktionsvorsitzender Thomas Wagenblast eine neue Konzeption, unter anderem auch mit Blick auf die Weiterentwicklung der Innenstadt in neu entstehenden Quartieren. „Wir sind es unseren Einzelhändlern schuldig und dürfen uns nicht von Einzelfall zu Einzelfall durchwursteln“, sagte Wagenblast.

Welche Absichten hat die Stadt?

Sein Grünen-Kollege Michael Fleischer war sich nicht sicher, welche Absichten in puncto Einzelhandel die Stadt gerade in diesen neuen Quartieren wirklich habe. Wolle sie vielleicht doch eine Ausdehnung der Innenstadt für alle Sortimente, fragte er. Keine Frage sei, dass es in der Innenstadt wieder um Sortimentsergänzungen gehen müsse, um ein gewisses Ausbluten der Innenstadt an Angeboten, etwa im Elektrobereich. Allerdings müsse man schon ganz genau hinschauen, was wo möglich sein solle. Einen Antrag der Grünen, der Einstieg der Arbeitsgruppe solle erst mit dem neuen, im kommenden Mai zu wählenden Gemeinderat beginnen, lehnte der Ausschuss am Ende aber mit großer Mehrheit ab.

Senta D’Onofrio, die Vorsitzende der SPD-Fraktion, sah ebenfalls die Notwendigkeit einer Nachjustierung beim Thema Einzelhandel. Trotz aller Weiterentwicklungen in der Innenstadt brauche es aber auch künftig Abgrenzungen und eine Verlässlichkeit für alle Beteiligten. D’Onofrio stellte weiter fest, die Kaufkraft in Aalen, bezogen auf die eigenen Bürger, sei inzwischen möglicherweise erschöpft. Weshalb es gelingen müsse, weitere Kaufkraft von außen nach Aalen zu ziehen.

Innenstadt braucht den Einzelhandel

Nicht dem Einzelhandel, sondern der Aalener Bevölkerung sei dieses neue Gutachten vergönnt, meinte Stadtrat Claus Albrecht (Freie Wähler). Um danach gleich fast so etwas wie einen zweiten Lehrsatz aufzustellen: „Der Einzelhandel braucht die Innenstadt nicht, die Innenstadt braucht aber den Einzelhandel.“ Wolle heißen, man müsse etwa verhindern, unbelegbare Leerstände in einer Innenstadt zu produzieren. Um zu einer fundierten Fortschreibung der Einzelhandelskonzeption zu kommen, so Albrecht weiter, gelte es zunächst, angesichts der rasanten und vielen Veränderungen den Ist-Zustand neu zu erheben. Und Albrechts „große Bitte“ an die Verwaltung: Wenn ein neues Gutachten vorliege, müsse es auch seine Gültigkeit haben. „Jeder muss verlässlich wissen, wo geschieht was“, sagte Albrecht.

Für die Fraktion Die Linke/Pro Aalen sah auch Holger Fiedler die Notwendigkeit, die Einzelhandelskonzeption fortzuschreiben. Man dürfe nicht auf einer überholten Grundlage stehenbleiben, sagte Fiedler.

Kritik an Organda-Umzug

Mit den letzten Anstoß dafür, dass aus den Reihen des Gemeinderats, aber auch des Innenstadtvereins ACA der Ruf nach einem neuen Einzelhandelsgutachten laut geworden war, hat offenbar der Einzug des Modegeschäfts Organda in das neue Safe Motodrom Aalen im ehemaligen Ostertag-Areal gegeben. Das ist in der öffentlichen Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Stadtentwicklung mehr als nur angeklungen. Weswegen sich die Verwaltung auch rechtfertigen musste.

Carmen Stützel, die Ehefrau von Safe-Mitinvestor Peter Stützel, wird am heutigen Freitagabend zusammen mit der Safe-Eröffnung dort auch die Eröffnung ihrer Boutique feiern. Wie hier die Stadtspitze agiert habe, sehe man als unglücklich an, übte CDU-Fraktionschef Thomas Wagenblast Kritik im Ausschuss. Offenbar habe man Stützel seitens der Stadt zunächst das Okay für diese Ansiedlung signalisiert, dann beim Autor der derzeit gültigen Einzelhandelskonzeption, Acocella, nachgefragt, um am Ende Stützel eine Art Genehmigung auf Widerruf zu erteilen.

Stadt rechtfertigt sich

Die Aufklärung der Vorwürfe überließ OB Rentschler dem Baubürgermeister. Der 2016 eingereichte Bauantrag für das Safe Motodorom mit einer Gesamtnutzfläche von 14000 Quadratmetern habe schon damals an der Westseite der Ulmer Straße einen Textil-Einzelhandel über zwei Geschosse mit einer Nutzfläche von 370 und einer reinen Verkaufsfläche von 300 Quadratmetern vorgesehen, erklärte Wolfgang Steidle. Diese Fläche liege unterhalb der Großflächigkeit und sei somit auch außerhalb der Innenstadt zulässig. Das bislang gültige Acocella-Gutachten siedle Textil-Einzelhandel zwar „vorrangig im zentralen Versorgungsbereich“ an, so Steidle, „vorrangig heißt aber nicht ausschließlich“. Auf Rückfrage der Stadt habe Acocella erklärt, angesichts der geringen neuen Organda-Fläche seien für die Innenstadt deswegen keine wirtschaftlichen Verwerfungen zu erwarten. Weshalb die Stadt, so Steidle, die Befreiung für die Organda-Ansiedlung im Safe Motodrom erteilt habe – als hoheitliche Aufgabe.

Misstrauisch mache der Fall dennoch, sagte Grünen-Fraktionsvorsitzender Michael Fleischer, jedenfalls habe er Irritationen hervorgerufen. Senta D’Onofrio, die Chefin der SPD-Fraktion, zeigte Verständnis dafür, dass sich Carmen Stützel in einer Immobilie niederlasse, die ihrem Mann gehöre. „Organda ist aber nicht das erste Mal, dass wir uns über Festlegungen des Acocella-Gutachtens unterhalten müssen“, sagte sie.

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