Nach dem Fußball steht Stani nicht im Abseits

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Mit dem Beruf ändert sich auch das Outfit: Anstelle eines Fußballtrikots trägt Stani Bergheim heute Jacket. Sein Sohn Silas-Raúl (Foto: Michael Scheyer)
Schwäbische Zeitung
Videoredakteur

Es sieht ein bisschen so aus, als hätte Silas-Raúl einen Lippenstift in der Hand: mit dem Waffelröllchen malt er sich einen süßen Schokoladenmund. Und Schwupps, da verschwindet das Röllchen in seinem Mund. An diesem schönen Tag unter dem Sonnenschirm auf der Terrasse der Familie Bergheim, ganz in der Nähe der Aalener Scholz-Arena.

Den Namen Raúl hat der Dreijährige bekommen, weil sein Papa Stani und seine Mutter Anja den Fußballer Raúl González Blanco bewundern: „Wir beide sind von ihm als Mensch begeistert – von seiner Bodenständigkeit“, erklärt Bergheim, der auch jenseits Gottes grüner Wiese mit beiden Füßen auf dem Boden steht. Und weil er mit einem Auge stets die berufliche Abseitsfalle im Blick hatte, ist ihm nebenbei ein Studium gelungen.

„Wer viel Erfolg hat, verliert schnell den Bezug zur Realität“, sagt Bergheim. In seiner Zeit beim VfR Aalen, bei dem er in den vergangenen zwei Jahren unter Vertrag stand, hat er es selbst miterleben müssen, wie Menschen den Kontakt zum Boden verlieren. Seine Art ist das nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum der große Erfolg bei ihm ausgeblieben ist. „Fußball ist doch nicht alles auf der Welt“, sagt er heute, nun, da er seine aktive Karriere beim VfR Aalen beendet hat. Seine Leidenschaft für den Sport endet damit aber nicht: In der kommenden Saison spielt er für den TSV Essingen – in der Landesliga. Aus professioneller Sicht ein Rückschritt. Auf der persönlichen Zufriedenheitsskala möglicherweise ein großer Schritt nach oben.

Allein auf dem Bolzplatz

Geboren wurde Bergheim in Krasnaja Gorka. Das liegt in Moldawien, zwischen Rumänien und der Ukraine, etwa zwei Stunden entfernt vom Schwarzen Meer. Mit dem Fußball angefangen hat er im Mai 1992. Da kam er als Achtjähriger nach Deutschland. Anstelle von Freunden traf er lieber Tore. Während die Schulkollegen sich Handball-Bundesligaspiele in der Halle ansahen, versenkte Bergheim den Ball im Netz auf dem Bolzplatz – ohne Gegenspieler. Immer wieder versuchte er als Jugendlicher sein Glück in der Bezirksauswahl in Ruit, wo die Talentscouts dem Nachwuchs auf die Füße schauen. Im letztmöglichen Jahr bekam er dann die Chance und durfte sich in der Württembergauswahl beweisen: zwei Tore vorbereitet, eines selber verwandelt, erinnert sich Bergheim stolz. „Plötzlich stand mein Name in allen Blöcken der DFB-Scouts.“

Dann ging es hin und her, Schwäbisch Gmünd, Bonn, Karlsruhe, Heidenheim. Der Sprung nach ganz oben blieb allerdings aus. „Weil er viel zu zurückhaltend ist“, meint Ehefrau Anja. Wer spielen will, müsse auf die Pauke hauen – vor allem auch in den Medien. Schließlich landete Bergheim in Aalen.

Immer mehr Fußballspieler

Aber diesen Vertrag unterzeichnete er nur deshalb, um sich sein Studium finanzieren zu können: Ingenieurpädagogik, das besteht zur Hälfte aus Fertigungstechnik und zur Hälfte aus Pädagogik. Bergheim wird Gewerbelehrer. Was er als Fußballspieler verdient hat, war nicht gerade viel, aber es hat gereicht. Im Augenblick schreibt er seine Bachelorarbeit bei Carl Zeiss. Titel: „Erstellung einer Optikdatenbank“. Etwa 60 Seiten sollen es werden, die Hälfte ist bereits fertig. Im Augenblick ist er auf der Suche nach einer festen Stelle. Angebote hat er bereits, aber die sind noch nicht spruchreif. Er hätte aber auch nichts gegen Carl Zeiss als Arbeitgeber einzuwenden.

Während Bergheim aus seinem Leben erzählt, turnt seine einjährige Tochter Cara-Anouk auf seinem Schoß herum. Verantwortung, die wollte er als Vater übernehmen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – das gilt für diejenigen, die sich in ihrer aktiven Zeit nicht um eine Ausbildung kümmern. Ohne Qualifikation lauert dann das berufliche Abseits: Lagerist oder Staplerfahrer wie manche Kollegen, wollte Bergheim nicht werden.

„Es gibt immer mehr Fußballer. Der Druck ist groß geworden“, sagt er. Der Konkurrenzkampf werde immer härter. Jeder wolle in den Kader. Prämien gebe es schließlich nur für Spiele. Verletzungspech gleich unsichere Zukunft. „Da muss man sich automatisch die Frage stellen: Was ist danach?“ Seine Frau lernte er 2006 beim Karlsruher SC kennen. Sie war dort Physiotherapeutin. Im Sommer 2009 haben die beiden geheiratet. „Einmal habe ich den Hochzeitstag vergessen“, erzählt er lachend auf der Terrasse unter dem Sonnenschirm. Anja lacht mit. „Ich würde alles wieder genauso machen“, resümiert er heute. „Aber nicht nur auf den Fußball bezogen, sondern auf das ganze Leben.“

Der kleine Silas-Raúl schiebt sich ein weiteres Waffelröllchen zwischen die Backen. Die mit Schokolade schmecken ihm besser als die ohne. Das Leben hat aber nicht nur Schokoladenseiten. Das wird der Kleine auch noch lernen müssen. Aber darauf wird ihn sein Papa vermutlich vorbereiten. Auf und neben dem Fußballfeld.

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