Maschinenhersteller schließt Werk in Aalen

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Vor zwei Jahren konnten Besucher beim Tag der offenen Tür der Firma F. B. Lehmann im Aalener Industriegebiet das neu entwickelt
Vor zwei Jahren konnten Besucher beim Tag der offenen Tür der Firma F. B. Lehmann im Aalener Industriegebiet das neu entwickelt (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung
Online-Redakteurin

Der Geschäftsbetrieb F.B. Lehmann GmbH in Aalen wird bis spätestens 31. Juli 2016 schließen. Das haben die Mitarbeiter des Unternehmens heute Morgen bei einer Betriebsversammlung erfahren. 53 Arbeitnehmer verlieren dann ihren Job. Lehmann baut in Aalen Maschinen zur Kakaoherstellung, die sie an namhafte Hersteller wie Ferrero, Lindt oder Nestle verkauft.

Ein erster Schritt ist bereits vollzogen: Das Technologiezentrum, das erst 2012 im Aalener Unternehmen eröffnet wurde, ist bereits vergangene Woche an den Mutterkonzern in den Niederlanden gegangen.

Der Grund für die Schließung sind laut Eigentümer anhaltende wirtschaftliche Probleme. „Die Aussichten für Maschinenhersteller auf dem Weltmarkt für Kakao stehen seit einigen Jahren unter starkem Druck“, heißt es in einer Pressemitteilung der Royal-Duyvis-Wiener-Gruppe. Die Wettbewerber, die ihre Produktion teilweise in Niedriglohnländern betreiben, agierten immer aggressiver auf dem Markt.

„Zwischen Schockstarre und Wut“

Seit der Verkündung am Donnerstagmorgen befasst sich auch Josef Mischko, langjähriger Lehmann-Betreuer der Gewerkschaft IG Metall, mit dem Fall. Von den 53 Mitarbietern ist laut Mischko ein Drittel über 50 Jahre alt und ein weiteres Drittel zwischen 30 und 50. „In der Belegschaft hat sich das helle Entsetzen breit gemacht“, berichtet Mischko. „Die Kollegen waren zwischen Schockstarre und Wut.“

Auch Mischko ist schockiert: „Die Mitarbeiter fühlen sich verarscht.“ Denn um das angeschlagene Unternehmen zu retten, hätten die Mitarbeiter seit Jahren auf einen Teil ihres Lohns verzichtet: „Bis Ende dieses Jahres hätten sie dem Arbeitgeber pro Nase 200 Arbeitsstunden geschenkt.“

Doch der Mutterkonzern habe nie vorgehabt, den Aalener Standort zu retten, im Gegenteil: „Nach der Übernahme 2010 wurde Lehmann zuerst der Verkauf weggenommen, dann der Chemiesektor und schließlich das Ersatzteil- und Reparaturgeschäft.“ All diese Verlagerungen in die Niederlande haben das Unternehmen enorm geschwächt. „Man hat uns Arme und Beine amputiert und dann gesagt, wir sollen kräftig zupacken“, ärgert sich Mischko. „Wir haben nie eine ehrliche Chance bekommen.“ Er bringt das Empfinden der Belegschaft auf den Punkt: „Man hat uns ausgesaugt und weggeworfen.“

Evgueni Chredinski, Geschäftsführer von Lehmann, ist da ganz anderer Meinung. „Der Kauf und die Fortführung von Lehmann war ein relativ teures Abenteuer für die holländische Gesellschaft“, sagt Chredinski. „Man hat damals ein Unternehmen aufgekauft, das kurz vor der Insolvenz stand.“ Chredinski ist erst seit anderthalb Jahren im Unternehmen, seit Juni ist er alleiniger Geschäftsführer.

Er betont, der Mutterkonzern habe viel Geld investiert, um Lehmann zu retten: „Der Eigentümer hat die Liquidität immer sichergestellt, um beispielsweise Lieferanten zu bezahlen. Sonst hätte ich schon längst zum Amtsgericht gehen müssen.“

„Beide Seiten haben es versucht“

Übernommen habe der Mutterkonzern vor allem Kostenverursacher. Nun seien die Verluste aber zu hoch gewesen, auch weil die größten Kunden seit längerer Zeit auf der Investitionsbremse stünden. Die vergangenen Jahre seien deshalb schwierig gewesen. „Ich hatte aber nie das Gefühl, dass man es nicht versucht hat, auf beiden Seiten“, sagt Chredinski.

Die Gewerkschaft fordert nun einen Interessensausgleich-Sozialplan: Pro angefangenes Beschäftigungsjahr sollen die Mitarbeiter ein Monatsgehalt Ausgleich bekommen. Außerdem fordert die IG Metall eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft mit einer Verweildauer von mindestens einem Jahr. Mischko schätzt die Kosten dafür auf fünf Millionen Euro. Der Konzern hat schon signalisiert, dass diese Forderungen zu hoch sind. Geld für den Sozialplan soll aus dem Verkauf der Grundstücke und Gebäude fließen. Die sind aber hoch belastet.

„Für die Verhandlungen ist die holländische Gesellschaft zuständig“, sagt Geschäftsführer Chredinski. „Die Eigentümer werden alles versuchen, um die Abwicklung möglichst fair zu gestalten.“

Am Montag legen Gewerkschaft und Unternehmen einen Rahmen für die weiteren Verhandlungen fest. Die Produktion soll laut Chredinski bis zum 31. Juli normal weiterlaufen. Wie viele Mitarbeiter bis zum Ende bleiben werden, steht indes nicht fest.

Lehmann: Erst 2012 wurde kräftig investiert

Seit 2010 gehört F. B. Lehmann zur Royal-Duyvis-Wiener-Gruppe mit Sitz in den Niederlanden. Rund ein Jahr später wurde unter heftigem Protest der IG Metall das Personal der von 77 auf derzeit 46 Mitarbeiter reduziert.

2012 eröffnete die Firma F. B. Lehmann in Aalen ein Technologiezentrum zur Herstellung von Schokolade und Kakaoprodukten, was damals als „historisches Ereignis“ in der Geschichte des mehr als 175 Jahre alten Sondermaschinenbauers bezeichnet wurde. Eine sechsstellige Summe wurde in das Technologiezentrum investiert. „Hier wird eine nachhaltige strategische Betriebsentwicklung betrieben“, sagte damals der Wirtschaftsbeauftragte der Stadt, Wolfgang Weiß, und lobte die „vielversprechende“ Ausrichtung des Unternehmens.

Zahlen wollte man damals nicht nennen. Von Firmenseite hieß es, dass die Auftragslage mehr als zufriedenstellend sei. Das Unternehmen F. B. Lehmann wurde 1834 in der Nähe von Dresden aus der Taufe gehoben und 1947 in Aalen neu gegründet. Es gehört zu den traditionsreichsten Firmen auf dem Gebiet der Kakaoverarbeitungsanlagen.

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