Markus Grill enthüllt, was nicht ans Licht soll

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 Der Investigativ-Journalist Markus Grill (links) in der Reihe „wortgewaltig“ im Gespräch mit Wieland Backes.
Der Investigativ-Journalist Markus Grill (links) in der Reihe „wortgewaltig“ im Gespräch mit Wieland Backes. (Foto: Markus Lehmann)
Freier Mitarbeiter

Das ans Licht bringen, was nicht ans Licht soll. So bringt Markus Grill das „Kerngeschäft des Journalismus“ auf den Punkt, das auch sein Kerngeschäft ist: der enthüllende Journalismus. Der gebürtige Wasseralfinger ist einer der erfolgreichsten Investigativ-Journalisten im deutschsprachigen Raum und saß mit Wieland Backes (SWR-Talkshow Nachtcafe) in der Reihe „wortgewaltig“ am Tisch. Zum Handwerkszeug des 51-Jährigen gehören aufwendige, oft monatelange Recherchen, Hartnäckigkeit, ein in vielen Jahren aufgebautes Netzwerk und einiges mehr.

Unbequeme Tataschen aufzudecken steckt ihm im Blut. Auch wenn sie vergessen werden sollen und Jahrzehnte zurückliegen. Mit 16 Jahren war er Chefredakteur der Schülerzeitung an der Wasseralfinger Karl-Kessler-Realschule. In einer gemeinsamen Fusions-Auflage mit der Schülerzeitung des Kopernikus-Gymnasiums brachte er die Geschichte über das KZ Wasseralfingen und die Arbeitslager, die dort für die Kriegsindustrie schufteten. Und dabei starben. Dieses Thema, blickt er in der Stadthalle vor gut 100 Interessierten zurück, kam 1984 nicht so gut an. Beispielsweise beim ehemaligen Wasseralfinger Bürgermeister. Das sei „kein geeignetes Thema für eine Schülerzeitung.“ Apropos Wasseralfingen: Backes fragt Grill, aktuell Leiter des Berliner Büros der Investigativ-Ressorts von NDR und WDR, nach seinen Wurzeln. Hier korrigiert er gleich: „Geboren in Aalen“ sei eine „Falschmeldung“. Auf das Thema Falschmeldungen in sozialen Netzwerken wird er später noch genauer eingehen. Geboren sei er in Wasseralfingen, darauf lege er Wert und diese Feststellung sei „nicht ganz irrelevant“. Immerhin habe das gebrochene Versprechen des damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, Wasseralfingen bleibe selbstständig, „der CDU die OB-Wahl gekostet.“ In der Folge regierte Ulrich Pfeifle (SPD) die große Kreisstadt über viele Jahre.

Grill hat sich in seiner Zeit beim Stern und beim Stern mit den Machenschaften der Pharmaindustrie (etwa Ratiopharm) angelegt, den Mitarbeiter-Bespitzelungsskandal bei Lidl aufgedeckt, korrupte Ärzte auffliegen lassen und Etliches mehr aufgedeckt und das ans Licht gebracht, was nach dem Willen der Überführten kein Licht verträgt. Spannend ist das, was der ehemalige Chefredakteur des Recherchenetzwerkes „Correctiv“ und mehrfache Preisträger an Einblicken in den Recherche-Alltag gibt. Über Informanten, die oft handfeste Motive haben, über die Klageflut, mit der man als Enthüller eingedeckt wird und wie so ein Skandal überhaupt aufgedeckt wird. Backes geht zurück bis zu den gefälschten Hitler-Tagebüchern; auch die falschen Stern-Reportagen im Fall Relotius kommen zur Sprache. Für Grill ist so was so ziemlich der Super-Gau für ein Magazin: „Der Stern hat sich von den Hitler-Tagebüchern nie wieder richtig erholt.“

Grill spricht über die Zukunft der Print-Medien. Und über die der Lokalzeitung, die er für sehr wichtig hält, obwohl der gedruckte Anteil weiter zurückgehen werde – „die Zeitung ist nur ein Medium. Jüngere nutzen mittlerweile wie selbstverständlich das Smartphone.“ Wichtig sei, dass es Qualitäts-Journalismus auch vor Ort gibt. Er macht sich Gedanken, wie man Facebook und Co. und Falschmeldungen und Propaganda in Schranken weisen kann. An Schulen sollte der richtige und kritische Umgang mit Meldungen gelernt werden, gefragt sei aber auch die Politik, die Gesetze anpassen und ändern müsse.

Kontroverse Fragen sind nicht sein Ding

Backes geht diese hochspannende Welt der Enthüllungen auf seine eigene Art an. Ein bisschen onkelhaft, im Stil des von ihm begründeten SWR-Nachtcafes eben. Kontroverse Fragen sind nicht sein Ding, seine ruhige Gesprächsführung will auch gar keine Konfrontation. Merkwürdig mutet die Frage „sind Sie ein Weltverbesserer?“ an. Dieser Titel klingt für Grill dann auch „abschätzig“. Die Antwort: Seine Arbeit sei es, „in einer freien Welt Menschen zu informieren, was wirklich ist – daraus können sie dann die Konsequenzen ziehen.“

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