Lindenfarb: Vom Marktführer zum Sanierungsfall

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Das Unterkochener Textilveredelungsunternehmen Lindenfarb ist in finanziellen Schwierigkeiten.
Das Unterkochener Textilveredelungsunternehmen Lindenfarb ist in finanziellen Schwierigkeiten. (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung
Viktor Turad
Freier Mitarbeiter

Der Textilveredler Lindenfarb ist in einer finanziellen Schieflage. Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit hat das Unternehmen beim Amtsgericht Aalen eine Sanierung in Eigenverantwortung beantragt mit dem Ziel einer internen Restrukturierung. Der Geschäftsbetrieb läuft während des Verfahrens ohne Einschränkungen weiter.

Betroffen sind bei Lindenfarb 400 Mitarbeiter. Sie sind über das Insolvenzgeld der Agentur für Arbeit bis Ende Februar abgesichert. Dadurch wird gleichzeitig Lindenfarb von den Lohnkosten finanziell entlastet. Damit gewinnt das Unternehmen Raum für eine Sanierung, sagte Ingo Schorlemmer von der Kanzlei Schultze & Braun in Achern auf Anfrage der Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung. Aus dieser Kanzlei kommt auch der Sanierungsspezialist Detlef Specovius, der für die Dauer des Restrukturierungsprozesses alleiniger Geschäftsführer ist. Gleichzeitig ist damit der seitherige Geschäftsführer Ulrich Probst aus dem operativen Geschäft ausgeschieden. Als Gesellschafter bleibt er jedoch Eigentümer von Lindenfarb.

Ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung ist eine Sonderform des Insolvenzverfahrens. Dafür habe man sich entschieden, weil so die Geschäftsführung voll handlungsfähig und die Marktkenntnis und die Kundenbeziehungen erhalten bleiben, sagte Schorlemmer. Es gibt somit zwar keinen Insolvenzverwalter, aber einen vom Gericht bestellten Sachwalter, der das Verfahren für die Gläubiger begleitet und überwacht. Dazu hat das Gericht vorläufig – das ganze Verfahren ist für drei Monate im Stadium der Vorläufigkeit – den Stuttgarter Rechtsanwalt Tibor Braun von der Kanzlei Illig, Braun und Kirschnek berufen.

Specovius wird in einer Pressemitteilung so zitiert: „Wir wählen den Weg der Eigenverwaltung ganz bewusst, um die Instrumente eines solchen Verfahrens für die dauerhafte Sanierung des Unternehmens kurzfristig nutzen zu können. Lindenfarb hat interne strukturelle Herausforderungen zu meistern, die das Ergebnis belasten und dazu führen, dass das Unternehmen nicht kostendeckend produziert. Ich bin zuversichtlich, dass es uns in den kommenden Wochen gelingen wird, ein tragfähiges und für alle Seiten akzeptables Sanierungskonzept zu erarbeiten und umzusetzen. Damit sollen das Unternehmen und möglichst viele Arbeitsplätze am Standort in Aalen erhalten werden.“

In die Schieflage geraten ist Lindenfarb nach Schorlemmers Worten, weil zum einen Aufträge weggebrochen ist und weil zum anderen absehbar sei, dass das Unternehmen finanzielle Forderungen wie etwa das Weihnachtsgeld für die Mitarbeiter nicht wird erwirtschaften können. Schorlemmer rechnet damit, dass das Restrukturierungskonzept bis Ende Februar weitgehend fertig ist. Im Vordergrund stehe jetzt die Analyse, danach werde man die möglichen Lösungswege mit den Gläubigern besprechen.

Der von den Gesellschaftern zum allein vertretungsberechtigten Geschäftsführer berufene Detlef Specovius hat unter anderem die Werkstattkette A.T.U, das Dialogmarketingunternehmen Meiller GHP und die Modekette Sinn Leffers durch deren Eigenverwaltungsverfahren begleitet.

Die Lindenfarb Textilveredelung Julius Probst GmbH & Co. KG ist nach eigenen Angaben Europas größter unabhängiger Textillohnveredler und Marktführer für Maschenware. Das Unternehmen veredelt vorwiegend Technische Textilien wie Stoffe für Dachhimmel von Automobilen, aber auch Heim- und Bekleidungstextilien. Das Leistungsspektrum umfasst sowohl Oberflächenbehandlungen wie Rauen, Scheren, Schleifen und Prägen als auch das Färben, Bleichen, Waschen, Reinigen und Beschichten von Textilien. Der Jahresumsatz wird mit 38 Millionen Euro angegeben. Die heutige Lindenfarb Textilveredlung Julius Probst GmbH & Co. KG ging 1925 aus der bereits seit dem 18. Jahrhundert bestehenden Lindenfarb, vormals Firma Karl Führgang, hervor. Seit 1934 befasste sich das Unternehmen mit dem Färben und Ausrüsten von Maschenstoffen. Als 1950 die Kapazitäten im Stammwerk in Aalen nicht mehr ausreichten, entschloss man sich zu einem Neubau und zur Verlagerung des Firmensitzes. Seit 1952 befindet sich das Unternehmen am heutigen Stammsitz in Unterkochen.

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