Lütfü Savas: „Terror hat keine Religion“

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„Die Folgen dieses Krieges werden auf die ganze Welt schwappen. Früher oder später“, sagt Antakyas Oberbürgermeister Lütfü Savas
„Die Folgen dieses Krieges werden auf die ganze Welt schwappen. Früher oder später“, sagt Antakyas Oberbürgermeister Lütfü Savas. Nur rund 50 Kilometer trennen Aalens türkische Partnerstadt von Idlib auf syrischer Seite, wo Assads Truppen mit der Offensive auf die Rebellenhochburg begonnen haben. (Foto: Vaas)
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In Idlib bereiten sich Menschen auf das Schlimmste vor. Syriens Staatspräsident Baschar al-Assad hat mit der Schlacht um die letzte Rebellenhochburg begonnen, die nur wenige Kilometer entfernt von Aalens türkischer Partnerstadt Antakya in der Provinz Hatay liegt. Über die Auswirkungen auf die Partnerstadt hat unser Redakteur Thorsten Vaas mit Antakyas Oberbürgermeister Lütfü Savas am Rande der Reichsstädter Tage in Aalen gesprochen.

Direkt hinter der Grenze zu Hatay hat Syriens Staatspräsident Baschar al-Assad mit der Offensive gegen Rebellen in Idlib begonnen. Nur etwas mehr als 50 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der syrischen Stadt und Antakya. Wie gehen Sie mit der Nähe zum Krieg um?

Hatay leidet unter den Folgen des Kriegs in Syrien. Wir wollen nicht, dass Menschen dort sterben, denn die meisten der drei Millionen Menschen in Idlib haben nie eine Waffe in die Hand genommen. In Syrien sind seit Beginn des Krieges vor sieben Jahren Streitkräfte der Welt versammelt, die den Mittleren Osten als Trainingsplatz für ihre Militärtechnik nutzen, wobei jeder Staat damit seine eigenen Pläne verfolgt. Am Ende dieser Pläne stehen immer Menschen, die ihr Leben verlieren. Natürlich gibt es in Syrien terroristische Gruppen und radikale Elemente. Die meisten Menschen sind jedoch unschuldig. Alle direkt und indirekt Beteiligten haben Anteil an den Auswirkungen des Kriegs, vor dem rund fünf Millionen Syrer bereits in andere Länder geflohen sind. 3,5 Millionen davon befinden sich in der Türkei. Wir in Hatay beherbergen derzeit 500 000. Weder wir, noch die Türkei können weitere Menschen aufnehmen.

Welche Bedeutung hat der Angriff für die Bürger in Aalens Partnerstadt, zumal es laut Jim Jeffrey, Syrienberater im amerikanischen Außenministerium, Beweise gebe, dass Syrien Chemiewaffen vorbereite?

Wer solche Waffen auf Menschen richtet, trifft Unschuldige. Egal wer so etwas tut – die humanistische, bunt gemischte Bevölkerung Hatays ist dagegen.

Glauben Sie Assad, wenn er sagt, er habe gar keine Chemiewaffen?

Im Kriegszustand glaube ich keinem.

Drei Millionen Menschen leben in Idlib, die Hälfte davon sind Binnenflüchtlinge. Der türkische Geheimdienst MIT rechnet mit 250 000 Flüchtlingen. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Wir beherbergen inzwischen 500 000 Gäste, für viele davon haben wir Siedlungen und Camps gebaut. Das waren massive Aufwendungen für Hatay. Mancherorts ist es sogar so, dass doppelt so viele Flüchtlinge als Bürger leben. Hatay hat nicht mehr die Kraft dazu, für weitere 250 000 Menschen die Infrastruktur in der Stadt oder in einem Camp zu tragen. Es muss deshalb auf syrischer Seite eine Sicherheitszone nahe der Grenze geschaffen werden, in denen Menschen unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen und aller beteiligten Länder geschützt und versorgt werden, bis es Frieden gibt.

Derzeit sichert die Türkei deshalb massiv die Grenzen. Ist das angesichts der humanitären Katastrophe, die sich in Idlib zusammenbraut, die richtige Reaktion?

Man muss ruhig und besonnen versuchen, den Krieg zu beenden. Das geht nicht von Jetzt auf Nachher, denn man muss einerseits einen Weg finden, radikale Elemente in Idlib zu entfernen, darf aber gleichzeitig nicht vergessen, dass dort drei Millionen Menschen leben. Die unschuldige Bevölkerung darf nicht zum Kollateralschaden werden.

Wie reagieren die Menschen in Hatay darauf, dass weitere Flüchtlinge hinzukommen könnten?

Als vor sieben Jahren der Bürgerkrieg begann, war Hatays Bevölkerung sehr nervös. Sie befürchtete, dass der Bürgerkrieg von Syrien nach Hatay getragen würde, da sowohl Anhänger als auch Gegner Assads unter den Flüchtlingen waren. Gottseidank kam es nicht dazu. In der Gesellschaft gab es keine Probleme. Die Bevölkerung hat mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehandelt, sie ist mit Ruhe in die Situation gegangen. Dennoch gab es eine Nervosität, die nun wieder da ist.

Wie verhindert man, dass mit den Flüchtlingen Terroristen ins Land einwandern?

Das wird nicht einfach sein. Alle beteiligten Ländern hätten schon von vornherein etwas dagegen tun müssen. Terror hat keine Religion. Diese Katastrophe hat sich vor sieben Jahren bereits abgezeichnet. Doch jeder hat unter diesen Kessel einen Holzscheit gelegt, und ihn befeuert. Keiner war darauf bedacht, das Feuer zu löschen. Die Folgen dieses Krieges werden auf die ganze Welt schwappen. Früher oder später. Es trifft immer nur die unschuldige Bevölkerung.

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