Kostengünstige Jugendhilfe im Kreis

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 Gut aufgestellt sieht der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg die Jugendhilfe im Ostalbkreis.
Gut aufgestellt sieht der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg die Jugendhilfe im Ostalbkreis. (Foto: Archiv: Axel Heimken / dpa)

Ein insgesamt gutes Zeugnis stellt der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), der auch die Funktion eines Landesjugendamts erfüllt, dem Ostalbkreis bei dessen Arbeit in der Jugendhilfe aus. Der konsequente Ausbau teilstationärer und ambulanter Hilfen für Kinder und Jugendliche über Jahre hinweg sei auch unter Kostengesichtspunkten richtig und wichtig gewesen, sagte Ulrich Bürger vom KVJS in einer gemeinsamen Sitzung des Ausschusses für Soziales und Gesundheit sowie des Jugendhilfeausschusses des Kreistags. Hegte gleichzeitig aber auch die Vermutung, dass der Bedarf an vollstationären Hilfen bis hin zur Heimunterbringung in den kommenden Jahren auch im Ostalbkreis wieder steigen könnte.

Alle fünf Jahre liefert der KVJS dem Ostalbkreis eine Standortbestimmung in Sachen Jugendhilfe sozusagen frei Haus. Auf der Basis von umfangreichen Erhebungen auf Bundes- und auf Länderebene analysiert der promovierte Sozialwissenschaftler Ulrich Bürger die Situation im Ostalbkreis auch im Landkreisvergleich auf Landes- und im Ländervergleich auf Bundesebene. Um am Ende zu konkreten Aussagen darüber zu kommen, wie er die Jugendhilfe im Kreis aktuell aufgestellt sieht.

Fallzahlen sind leicht rückläufig

Aus seinen umfangreichen Analysen zog Bürger am Ende seines knapp einstündigen Vortrags ein vielschichtiges Resümee. Nachdem die nicht-stationären Erziehungshilfen im Ostalbkreis im Zeitraum von 2006 bis 2011 deutlich überproportional zugelegt hatten, waren demnach diese Fallzahlen im Untersuchungszeitraum 2011 bis 2016 gegen den landesweiten Trend leicht rückläufig. Die stationären Hilfen in Vollzeitpflege und Heimerziehung gingen im Ostalbkreis um sieben Prozent – und damit etwas stärker als im landesweiten Trend von minus vier Prozent – zurück. Bei den Ausgaben je Jugendeinwohner verzeichnete der Ostalbkreis von 2011 bis 2016 einen unterdurchschnittlichen Anstieg. Im Ergebnis rangierte der Kreis hier im unteren Drittel des Landkreis-vergleichs. Damit liegen, so Bürger, die Ausgaben spürbar niedriger, als man dies nach der sozialstrukturellen Belastung des Kreises erwarten könnte.

Das dürfte nach Analyse des Experten damit zu tun haben, dass der Kreis die nicht-stationären Hilfen bereits von 2006 bis 2011 massiv gestärkt hatte und damit weiterhin im oberen Drittel der Kreisverteilung liegt. Dies wiederum trage auch dazu bei, dass der Kreis bei den stationären Hilfen je 1000 Angehörige der Gruppe der Null- bis unter 21-Jährigen im Mittelbereich der Kreisverteilung liegt und damit niedriger, als unter sozialstrukturellen Aspekten zu erwarten ist.

Personal im Blick behalten

Bei der personellen Ausstattung der Jugendhilfe rangiert der Ostalbkreis im Jahr 2016 auf einem mittleren Wert im landesweiten Kreisvergleich. Bürger sah darin ein gewisses Spannungsverhältnis zu den sozialstrukturellen Rahmenbedingungen, bei denen der Kreis im Landesvergleich im Übergang vom mittleren zum oberen Drittel liege. Deshalb seien die jüngsten Personalaufstockungen bei den Sozialen Diensten richtig gewesen, der Kreis sollte das Thema Personal hier weiter im Blick behalten.

Bei der offenen und der verbandlichen Jugendarbeit und bei der Schulsozialarbeit an allgemein bildenden Schulen sieht Bürger den Ostalbkreis im mittleren Drittel des Landkreisvergleichs, wobei der Wert der Schulsozialarbeit erkennbar unter dem mittleren Wert liege. Bei der Schulsozialarbeit an beruflichen Schulen hingegen rangiert der Kreis deutlich im oberen Drittel, was im Blick auf die zunehmend wichtige Unterstützung junger Menschen im Übergang von der Schule in das Berufsleben positiv sei.

Strukturen werden brüchiger

Insgesamt sieht Bürger in Baden-Württemberg und auch im Ostalbkreis für viele Kinder und Jugendliche einen Wandel in den Rahmenbedingungen des Aufwachsens, der durch eine zunehmende Brüchigkeit in der Verlässlichkeit familiärer Strukturen und das Auseinanderdriften sozialer Lebensverhältnisse und damit der Chancen auf soziale Teilhabe und Bildung gekennzeichnet sei. Was unter anderem einen Anstieg bei der Bedrohung oder Betroffenheit durch Armut bedeutet und, wie er sagte, zunehmend „enorme Risiken“, wenn sich Lebenslagen verändern. Bürger verwies auch auf einen steigenden Anteil der Kinder und Jugendlichen, die in alleinerziehenden Strukturen aufwachsen oder in einer sogenannten „Stiefelternkonstellation“, also wenn ein Elternteil mit neuen Partnern lebt. Zumindest statistisch auffällig ist, dass gerade hierbei die größte Hilfehäufigkeit für die Jugendhilfe zutage tritt. Schließlich verwies Bürger auch darauf, dass mittlerweile ein Viertel aller Neufälle in der Jugendhilfe den Hintergrund einer psychischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung bei den Eltern oder einem Elternteil habe.

„Das stehen Sie so nicht durch“

21,9 Prozent aller unter Dreijährigen im Ostalbkreis werden in einer Kindertageseinrichtung betreut. Bei den über Dreijährigen, die ganztags eine Kita besuchen, liegt die Quote bei gerade elf Prozent. Mit diesen Zahlen aus dem Jahr 2016 rangiert der Ostalbkreis im unteren Drittel im Vergleich aller baden-württembergischen Landkreise. Auch diese Zahlen hat Ulrich Bürger vom Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) im Rahmen seiner Analyse der Entwicklung der Hilfen zur Erziehung im Ostalbkreis erläutert. Und ist dabei zu einem deutlichen und kritischen Schluss gekommen: Angesichts des demografischen Wandels, sich ändernder gesellschaftlicher Erfordernisse und auch eines im Ostalbkreis feststellbaren Zuzugs, vor allem in den größeren Städten, „werden Sie das so nicht durchstehen“. Will heißen: Auch im Ostalbkreis müsse das Angebot an Kinderbetreuung noch deutlich ausgebaut werden.

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