JU: Schwäbelnde Schüler werden diskriminiert

Lesedauer: 5 Min
Wenn er im Berufskolleg schwäbisch schwätzt, hat er keine Probleme: Tolga Leib, 17, Schüler der Justus-von Liebig-Schule aus Bop
Wenn er im Berufskolleg schwäbisch schwätzt, hat er keine Probleme: Tolga Leib, 17, Schüler der Justus-von Liebig-Schule aus Bop
Schwäbische Zeitung
Alexander Gässler

Wer in einer mündlichen Prüfung schwäbelt, darf nicht mit Notenabzug bestraft werden, findet die Junge Union Ostalb. Sie fordert: Schülerinnen und Schüler dürfen wegen ihres Dialekts nicht länger diskriminiert werden.

Die Junge Union (JU) Ostalb macht gegen Diskriminierung mobil. Es geht um den Dialekt und die Nachteile für die Schüler. Wer in mündlichen Prüfungen und Referaten schwäbelt, werde mit Notenabzug bestraft, kritisiert die JU. Gleichzeitig werbe das Land mit dem Slogan „Wir können alles außer Hochdeutsch“, der Heimatverbundenheit, Bodenständigkeit und den baden-württembergischen Erfolg symbolisiere. „Dieser Zustand ist unerträglich“, findet der JU-Kreisvorsitzende Christoph Mayer.

Die JU sieht schwäbische Abiturienten klar im Nachteil. Durch den Dialekt-Abzug könnten sie unter den Numerus Clausus einer Universität rutschen, somit werde ihnen unter Umständen ein Studium verwehrt. Aber: „Wenn jemand schwäbelt, hat das nichts mit der Qualifikation zu tun“, sagt Mayer. In einem anderen Lebensumfeld, beispielsweise bei einem Studium außerhalb Baden-Württembergs, gebe sich das von selbst.

Die JU Ostalb will das Thema nun im Landesverband aufs Tapet bringen. Und das ist kein Aprilscherz. Sie wird dabei nach eigenen Angaben sogar vom Gmünder CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Stefan Scheffold unterstützt. Den Antrag des JU Schwäbisch Gmünd, die Diskriminierung wegen des Dialekts müsse aufhören, hat die JU Nordwürttemberg bei ihrem Bezirkstag jüngst fast einstimmig angenommen. Einen aktuellen Anlass gebe es nicht, sagt Christoph Mayer auf Nachfrage, das Thema stehe schon lange auf der Tagesordnung.

Gibt’s denn kein anderes? fragen sich die drei Aalener Direktoren Michael Weiler (Kopernikus-Gymnasium), Paul Heuwinkel (Theodor-Heuss-Gymnasium) und Otto Eggstein (Schubert-Gymnasium). Dass Abiturienten der Schriftsprache mächtig sein müssen, ist für sie klar. Das erhöhe die Berufschancen, sagt Weiler, die Schriftsprache zu lehren, sei eindeutig Ziel des Gymnasiums. „Sprachliche Korrektheit ist notwendig - und zurecht gefordert“, betont Eggstein. Über Goethes Faust müsse hochdeutsch gesprochen werden und nicht schwäbisch, meint Heuwinkel. „Alles andere wirkt komisch.“ In seinem Fach Mathe sei er dagegen tolerant, „wenn die Verständlichkeit nicht leidet“.

Nicht ganz einig sind sich die Direktoren bei den Konsequenzen. „Dass der Dialekt zu einem Notenabzug geführt hat, habe ich noch nicht erlebt. Und ich saß schon in vielen Prüfungen“, sagt Weiler. „Mir ist kein Fall bekannt“, ergänzt Heuwinkel, und: „In unteren Klassenstufen kann ich mir das nicht vorstellen.“ Rein rechtlich sei ein gewisser Abzug für die generelle sprachliche Darstellung möglich, sagt Eggstein. „Das kommt auch immer wieder mal vor.“ Eine halbe Note oder ein bis zwei Punkte in der Oberstufe seien die Faustregel. „Mehr darf es aber nicht ausmachen“.

Das Kultusministerium macht keine Vorgaben, wie der Dialekt zu bewerten ist. „Die Schule ist zuständig“, sagt Sprecher Thomas Hilsenbeck. Bei einer Präsentation könne die Ausdrucksfähigkeit eine Rolle spielen. Aber es müsse unterschieden werden, ob sie in einer siebten oder 13. Klasse gehalten werde.

Einig sind sich die Rektoren wieder, wenn es nicht um die Notenfrage geht. „Im Unterricht muss man nicht verneinen, dass wir in Schwaben sind“, sagt Eggstein. Der Dialekt werde nicht unterbunden, das wäre falsch, sagt Weiler. „Es gibt sogar Unterrichtseinheiten, die sich mit dem Dialekt beschäftigen.“ Und Heuwinkel, gebürtiger Rheinländer sagt: „In unserer Schulzeit wurden uns bestimmte Eigenheiten gnadenlos ausgetrieben.“ Heute seien Lehrer viel toleranter.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen