Jochen Kress: „Ich sehe die Städtepartnerschaft positiv“

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Hoher Besuch bei Mapal: Jochen Kress (geschäftsführender Gesellschafter) empfing eine Delegation aus Mosambik um Staatspräsiden
Hoher Besuch bei Mapal: Jochen Kress (geschäftsführender Gesellschafter) empfing eine Delegation aus Mosambik um Staatspräsident a. D. Joaquim Chissano (Mitte). In Vilankulo will Mapal junge Mosambikaner für das Programmieren begeistern. (Foto: Mapal)
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8300 Kilometer Luftlinie zwischen Deutschland und Mosambik – in der IT spielt das keine Rolle, denn sie „lässt sich über Kontinente hinweg transportieren“, sagt Mapal-Geschäftsführer Dr. Jochen Kress. Der Aalener Werkzeughersteller will junge Menschen in Vilankulo für das Programmieren begeistern, um ein Zeichen für Völkerverständigung, Toleranz und gegenseitigen Respekt zu setzen. Und um vielleicht selbst einmal vom Engagement zu profitieren. Denn es fehlen IT-Fachkräfte. Ein Interview über die Beweggründe, sich in Mosambik zu engagieren, Vernetzung, Fachkräfte und die Chancen der Digitalisierung.

Der Gemeinderat hat am Mittwoch der Städtefreundschaft mit Vilankulo in Mosambik zugestimmt. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Sehr positiv. Es ist ein gutes Zeichen in bewegten Zeiten. Auch wenn die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern unterschiedlich gesehen wird, fand ich es positiv, dass sich die Stadt Aalen zur internationalen Zusammenarbeit bekennt.

Mapal will sich im Zuge der Städtefreundschaft zwischen Aalen und Vilankulo und in Verbindung mit einem Afrikaprojekt des Softwareherstellers SAP bei der Ausbildung junger Mosambikaner im IT-Bereich engagieren. Wieso gerade in Afrika?

Es kamen verschiedene Dinge zusammen: Wir haben eine intensive Partnerschaft mit der Firma SAP, die die Africa Code Week umsetzt und dabei junge Afrikaner mit dem Programmieren vertraut macht. Zum anderen kennt mein Vater Siegfried Lingel (aus Aalen stammender Honorargeneralkonsul der Republik Mosambik, d. Red.) bereits seit vielen Jahren. So entstand die Idee bei uns, ob man nicht die Aktivitäten der Familie Lingel und die SAP-Geschichte kombinieren könnte. Denn ich finde es immer gut, wenn man dort ansetzt, wo es bereits eine Basis wie in Mosambik gibt.

Doch wie kann diese Zusammenarbeit über zwei Kontinente hinweg zwischen dem Global Player Mapal und jungen Mosambikanern funktionieren?

IT lässt sich über Kontinente hinweg transportieren. Denn ITler haben eine gemeinsame Sprache: die Programmiersprache. Wenn Sie bei uns durch die Programmierabteilung gehen, werden Sie erstaunt sein, wie viele Nationalitäten hier heute schon versammelt sind. Ganz ehrlich, zum Beispiel in den Bereichen Mechatronik und bei unserem Start-up c-Com sind die Deutschen nicht mehr in der Mehrheit – und es funktioniert. Eben das ist das Schöne an der Programmierung: Es gibt kein Sprachenproblem. Wenn ein Programmierer einmal verstanden hat, was man will, können Leute miteinander arbeiten, obwohl sie nicht dieselbe Sprache sprechen.

Inwiefern profitiert Mapal von diesem Engagement?

Unsere Erwartungshaltung ist nicht, dass nächstes Jahr zehn Mosambikaner für uns arbeiten. Wir wollen einfach die Initiative der Stadt Aalen unterstützen. Wenn es dabei einen Sekundäreffekt gibt und wir Arbeitskräfte gewinnen, ist das schön. Aber es ist nicht das Ziel.

Was erhoffen Sie sich dann?

Einen indirekten Nutzen. Mapal ist eine international tätige Firma, die ihren Umsatz mehrheitlich im Ausland macht. Wir leben von der Zusammenarbeit mit anderen Ländern – die Voraussetzungen dafür sind nicht abstrakt: Es reden Menschen mit Menschen. Wir wollen zeigen, dass wir das auch in Mosambik ernst nehmen. Natürlich kann Mapal nicht die Welt retten, aber wir können vielleicht einigen Menschen eine Perspektive aufzeigen und ihnen signalisieren, dass uns das Thema Völkerverständigung wichtig ist.

Miteinander zu reden, ist für Sie die Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit anderen Ländern. Was denken Sie über die Städtefreundschaft zwischen Aalen und Vilankulo?

Der Freundschaftsvertrag passt gut zu Aalen. Wir sind weltoffen und eine Stadt mit vielen Nationalitäten. Das nun nochmals zu erweitern, finde ich gut. Es ist eine Möglichkeit, sich zu positionieren und Kontakte zu knüpfen. Ich sehe es als Chance.

Welche Rolle spielen für Sie Länder wie Mosambik bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels?

Man muss den Fachkräftemangel und unser Engagement getrennt sehen. In Mosambik kann man nicht rechnen, wann das Geld zurückkommt, das man investiert hat. Wenn man sich engagiert, dann ist das etwas, wovon man überzeugt ist. Die vordergründige Frage ist für mich deshalb nicht, ob daraus etwas entsteht. Es soll den Leuten vor Ort etwas bringen.

Dennoch suchen Unternehmen händeringend nach Fachleuten. Welche Auswirkungen wird dieser Fachkräftemangel auf Firmen wie Mapal haben?

In zehn bis 15 Jahren werden wir gar nicht mehr genügend Mitarbeiter finden, die unsere Anlagen bedienen. Aus einem ganz simplen Grund: Der Anteil der arbeitenden Bevölkerung wird abnehmen. Die, die wir in 15 Jahren brauchen, sind heute schon geboren. Andererseits gibt es Maschinen, die 24 Stunden am Tag laufen müssen. Beides zusammen funktioniert nur mit Automatisierung – und dahinter steckt Digitalisierung.

Sie sehen die Digitalisierung als drängendste Herausforderung der kommenden Jahre. „Die Art und Weise, wie man arbeitet wird sich in den nächsten zwei bis fünf Jahren erheblich verändern“, sagten Sie bei einem Pressetermin vor wenigen Wochen. Wie wird sich die Arbeit konkret verändern?

Routinetätigkeiten werden weniger. Im Gegenzug entstehen andere Aufgaben, die sicherlich ein Stück erfüllender sein können. Wir bei Mapal fertigen viele Kleinserien, bei denen wir permanent dabei sind, die Anlage zu ändern. Wenn es dabei irgendwo im System einen Fehler gibt, weiß der Mensch, wie er ihn ausgleichen kann. Das wird wegfallen. Hier sind wir beim Thema Fachkräfte und der Frage: Ist das eine Bedrohung für die Beschäftigten?

Ist es eine?

Es wird sich eher etwas verändern als verschwinden. Wir brauchen immer Menschen, die Anlagen betreiben, Werkstücke einlegen, Werkzeuge wechseln.

Kostet Digitalisierung Arbeitsplätze?

Wie der Saldo in den kommenden Jahren aussieht, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, wie das Vorzeichen aussieht, wenn wir nichts tun: nämlich deutlich negativ. Wer bei der Digitalisierung nicht mitmacht, verliert seine Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb drücken wir da so aufs Tempo. Es hat einen positiven Effekt.

Was müssen Firmen, Landkreise und Regionen gemeinsam gegen den Fachkräftemangel tun?

Langfristig gesehen gibt es verschiedene Dinge: Die Gesellschaft möglichst kinderfreundlich aufstellen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und gezielte Zuwanderung. Auf Firmenebene geht es darum, die Qualität der Ausbildung zu steigern, um dadurch die, die man beschäftigt, ein Stück weiterzubringen.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Gerade die Digitalisierung bietet Chancen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn die Maschine den Menschen nicht mehr ständig braucht, kann sich der Mitarbeiter seine Zeit anders einteilen. Das macht die Digitalisierung attraktiv.

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