„Immer mehr Scheidungskinder und alte Menschen“

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Sonja Kleiner
Sonja Kleiner (Foto: Jasmin Amend)
Schwäbische Zeitung

Die Bahnhofsmission Mobil kommt nach Aalen. Anfang Juli soll das Angebot starten – sofern es genug Helfer gibt. Um ehrenamtliche Zugbegleiter für das Projekt zu gewinnen, hat die Bahnhofsmission einen Informationsabend veranstaltet. Im Gespräch mit Redakteurin Jasmin Amend hat Sonja Kleiner, Leiterin der Bahnhofsmission Aalen, erklärt, warum es sich lohnt, sich hier zu engagieren.

Warum kommt die Bahnhofsmission Mobil nach Aalen?

Aalen wird in Baden-Württemberg der siebte Standort für ein mobiles Begleitteam sein. Mit Stuttgart hat alles angefangen. Es folgten Heilbronn und Tübingen. Dort haben wir gesehen, das Angebot wird gut angenommen, der Bedarf ist da. Das liegt zum einen daran, dass die Menschen immer älter werden. Sie wollen immer noch mobil sein, sind aber unsicher mit der Fahrt. Genauso bei Kindern: Es gibt heute so viele Scheidungskinder. Zum Beispiel wohnt die Mama in Aalen, der Papa in Stuttgart. Das Kind möchte über das Wochenende zu Papa, und wenn Mama hin- und herfährt, bedeutet das viel Zeitverlust. Deshalb setzt die Mama das Kind mit einer Reisebegleitung in den Zug.

Wo gibt es dieses Angebot sonst noch?

In Württemberg ist Aalen mit Friedrichshafen und Ulm die letzte Bahnhofsmission. Wir wollen uns in Württemberg komplett vernetzen. Später kommen noch Aulendorf und Biberach dazu. Ziel ist es, dass ein Zugbegleiter nur eine Teilstrecke fährt und beim nächsten Umstieg der nächste Mitarbeiter übernimmt. Wenn ein Reisebegleiter die komplette Strecke, zum Beispiel bis Friedrichshafen, fahren will, ist das natürlich auch machbar; aber die kürzeren Strecken machen mehr Sinn.

Wie viele Leute sind zu Ihrem Informationsabend gekommen?

Es kamen insgesamt elf Personen, die Interesse haben, mitzumachen. Wir führen jetzt Einzelgespräche mit ihnen. Als nächstes werden Hospitationen stattfinden, damit die Leute sich das mal anschauen können. Außerdem sollen sie damit vertraut sein, wofür die Bahnhofsmission steht. Denn die Zugbegleiter reisen im Auftrag der Bahnhofsmission, mit einer Dienstjacke und einem Dienstausweis. Ich wäre schon glücklich, wenn drei dieser Interessenten fest bei uns mitmachen. Ich würde sagen, fünf bis sieben Reisebegleiter pro Stadt sind erforderlich. Deshalb suchen wir immer noch Menschen, die gerne reisen und mit Menschen zusammenkommen.

Haben berufstätige Personen Sorge, dass dieses Ehrenamt zu viel Zeit in Anspruch nimmt?

Wir haben ähnliche Fragen beim Informationsabend beantwortet. Uns ist wichtig, dass der Zeitrahmen komplett von dem Reisebegleiter bestimmt wird. Die Leute müssen nicht generell jeden Freitag oder jeden Sonntag fahren, sondern sie werden angerufen und gefragt: Da ist ein Kunde, der möchte von A nach B. Haben Sie Interesse, haben Sie Zeit, können Sie die Fahrt übernehmen? Dafür gibt es ein Koordinationszentrum in Stuttgart. Die Mitarbeiter werden im Team in Aalen eingebunden, wir haben einmal im Monat eine Dienstbesprechung.

Was hat man davon, mitzumachen?

Man lernt interessante Menschen kennen und kommt viel herum. Zudem ist die Fahrt kostenlos, und ich muss nicht am selben Tag zurückfahren. Ich kann also eine Kundin zu ihrem Ziel begleiten und noch ein oder zwei Nächte am Zielort bleiben.

Am 1. Juni startet in Aalen die Ausbildung zum ehrenamtlichen Reisebegleiter. Wie setzt sie sich zusammen?

Es gibt verschiedene Module, die man absolvieren muss. Dazu gehören ein ganztägiger Erste-Hilfe-Kurs und eine Reisebegleitung als Hospitation. In mehreren Abendveranstaltungen zu zwei bis drei Stunden wird Theorie vermittelt, zum Beispiel beim Kurs „Wir schauen hin – Kultur der Verantwortung“. Dort lernen die Teilnehmer, wo Grenzen liegen, etwa also beim Anfassen. Wichtig ist das vor allem bei Kindern oder bei beeinträchtigten Menschen. Man greift sich nicht einfach den Arm, sondern fragt: Darf ich Ihren Arm nehmen oder wollen Sie sich bei mir einhängen? Zum 1. Juli gibt es schon die Abschlusszertifikate. Dann können wir in Aalen starten.

Was ist grundsätzlich das Ziel der Bahnhofsmission?

Unser Ziel ist, dass wir alle Menschen ansprechen, die in Notlagen sind. Wir sind eine soziale-kirchliche Einrichtung. Bei uns braucht man keine Termine, es ist jeder willkommen. Wir beraten die Leute und vermitteln sie gegebenenfalls weiter. Wir helfen auch zum Beispiel einer allein reisenden Mutter mit Kind, mit ihrem Kinderwagen umzusteigen. Dafür kann sie vorab von uns eine kostenlose Umstiegshilfe buchen. In der Regel melden die Leute das zwei, drei Tage vorher an.

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