„Heimat ist ein Begriff, der für mich ungreifbar ist“

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Förderpreisgewinnerin Nora Krug.
Förderpreisgewinnerin Nora Krug. (Foto: Nina Subin)
Aalener Nachrichten

Wenn Nora Krug am Sonntag, 28. Juli, im Aalener Rathaus ihr Werk „Heimat“ vorstellt, geht es nicht um eine klassische Lesung. Das Buch ist ein „kluges, visuell herrlich opulentes Bilderbuch für Erwachsene“, so die Begründung der Schu-bart-Jury. Es verbindet Texte, Illustrationen, Fotos und Fundstücke zu einem „deutschen Familienalbum“, so der Untertitel. Michael Steffel, Leiter der Stadtbibliothek, sprach mit der Autorin und diesjährigen Gewinnerin des Förderpreises des Schu-bart-Literaturpreises.

Ihre eigentliche Ausdrucksform ist die Illustration. Wie schwer war es für Sie, ein Buch zu machen, in dem dem Text eine der Illustration mehr oder weniger gleichwertige Rolle zukommt?

Für mich war die gleichwertige Gewichtung von Bildern und Text die natürlichste Herangehensweise für ein Buch, das sich mit kultureller Identität und Vergangenheitsbewältigung befasst. Unsere Erinnerung baut ebenso stark auf Bildern wie auf Worten auf, die wir mit von uns oder auch von anderen Menschen erlebten Momenten assoziieren. Während der Arbeit am Buch habe ich oft über unser Verständnis von Erinnerung nachgedacht, über ihre fragmentarische Logik und darüber, wie sie unsere Geschichte und Geschichten, insbesondere unsere Kriegsgeschichten, am Leben hält. Ich fand, dass der collagenhafte Charakter aus einer Mischung von Comics, Illustrationen, Fotografien und anderen grafischen Elementen dieses Verständnis am besten repräsentieren würde. Ich sehe Bild und Text in keinem hierarchischen Verhältnis, sondern als zwei sich ergänzende Elemente.

„Heimat“ ist eine Familiengeschichte und damit ein sehr intimes Buch. Noch lebende Familienangehörige kommen mit ihren Klarnamen vor. Wie stehen eigentlich die Personen im Buch dazu, dass sie identifizierbar sind?

Ziel des Buchs war es nie, einzelne Personen für ihr Handeln zu verurteilen oder zu verteidigen, sondern zu versuchen, besser zu verstehen, was für Spuren Krieg in der Erinnerung hinterlassen kann, und wie sich diese Erinnerung über Generationen hinweg manifestiert und mit der Zeit wandelt. Natürlich war ich mir beim Schreiben bewusst, dass nicht jeder Mensch gerne die eigene Familiengeschichte öffentlich gemacht werden sieht. Aber das wichtigste Ziel eines jeden Autobiografen sollte sein, sich und anderen gegenüber ehrlich zu sein, was die Fähigkeit voraussetzt, sich von der eigenen Familiengeschichte zu distanzieren und sie in objektiverem und universellem Zusammenhang zu sehen. Dies bedeutet natürlich nicht, dass Ehrlichkeit und Feingefühl in der Darstellung einer Person oder Situation einen Widerspruch darstellen müssen.

Ihrem Buch den Titel „Heimat“ zu geben ist mutig, denn in den letzten Jahren tobt in Deutschland ein Kampf um die Deutungshoheit dieses Begriffs. In manchen Kreisen ist er verpönt, andere würden ihn gerne in ihrem Sinne okkupieren und damit Fremde ausgrenzen.

Dies war eine ganz bewusste Entscheidung meinerseits und meines deutschen Verlags. Erst scheuten wir uns davor, das Buch „Heimat“ zu nennen. Unser Verständnis von Kultur wird stark über Sprache vermittelt, weswegen der Heimatbegriff momentan besonders stark umkämpft ist. Kein Ministerium, keine einzelne Gruppierung oder politische Partei darf alleinigen Anspruch auf diesen Begriff haben, denn Heimat muss für jeden etwas anderes bedeuten können. Heimat ist nichts Statisches, etwas also, das ausgrenzt und die Utopie einer perfekten Gesellschaft assoziiert. Kurz vor der Veröffentlichung entschlossen wir uns dazu, das Buch „Heimat“ zu nennen: um zu zeigen, dass auch diejenigen Anspruch auf den Heimatbegriff haben, die ihn immer wieder kritisch hinterfragen und sich dennoch zur Heimatliebe bekennen können.

Vergangenheitsbewältigung ist ein sehr deutsches Thema. Wie reagieren eigentlich die ganz anders geprägten Leser der englischsprachigen Ausgabe?

Für viele Leser im Ausland stellt die deutsche Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg eine ungewohnte Sichtweise dar. Jedes Land verwendet seine eigene Sprache, seine eigenen Bilder, um das Kriegstrauma zu verarbeiten. Ich denke, dass vielen im Ausland die Intensität, mit der sich die Deutschen mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben, nicht bewusst ist. Leser im Ausland scheinen sich für diesen Gesichtspunkt meines Buchs zu interessieren. Neben einer positiven Aufnahme in Deutschland, meinem Heimatland war mir natürlich besonders wichtig, dass mein Buch die Gefühle der Opfer des Naziregimes und deren Nachkommen nicht verletzt, und dass nicht der falsche Eindruck entsteht, ich stelle die Deutschen selbst als Opfer dar. Das Gegenteil war glücklicherweise bisher der Fall. Nach Veranstaltungen in jüdischen Institutionen in Amerika reagierten sogar Holocaust-Überlebende positiv und bedankten sich, dass ich das Buch geschrieben habe.

Was denken Sie: Gehört Heimat zu den Dingen, die man erst dann vermisst und schätzen lernt, wenn man sie nicht mehr hat? Wann haben Sie die Heimat zum ersten Mal vermisst?

„Heimat“ ist ein Begriff, der für mich ungreifbar ist und es wahrscheinlich auch bleiben wird, da ich bisher insgesamt 19 Jahre im Ausland gelebt habe. Ich lebe schon zu lange außerhalb Deutschlands, als dass ich behaupten könnte, Deutschland sei das Land, das mein Kultur- und Identitätsverständnis am stärksten prägt, auch wenn dies einmal der Fall gewesen ist. Für mich ist der Heimatbegriff ganz stark mit Kindheitserinnerungen verbunden: mit Spaziergängen in der Pfalz oder im Schwarzwald, mit den Liedern, die ich mit dieser Landschaft verbinde, mit Leberknödelsuppe und natürlich ganz besonders mit meiner eigenen Familie. Heimat stellt für mich daher etwas dar, das nur in der Vergangenheit existiert.

Das Wort Heimat wird im Deutschen fast nur im Singular benutzt. Kann ein Mensch Ihrer Meinung nach mehrere Heimaten haben?

Einen universellen Heimatbegriff definieren zu wollen würde bedeuten, dass alle Deutsche genau die gleiche Sozialisierung erfahren müssten. Heimat wird stark durch die eigene Kindheit, Familie, Generation, Schule, ein bestimmtes Bundesland oder ein spezifisches Landschaftsbild geprägt. Da ich persönlich Heimat als etwas verstehe, das stark durch meine Kindheit geprägt ist, kann ich New York nicht als meine Heimat bezeichnen, eher als mein Zuhause.

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