Hageney: „Frauen sind keine Ware“

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 Marietta Hageney sprach vor dem Kreistag des Ostalbkreises über Menschenhandel und Zwangsprostitution.
Marietta Hageney sprach vor dem Kreistag des Ostalbkreises über Menschenhandel und Zwangsprostitution. (Foto: privat)
Viktor Turad
Freier Mitarbeiter

„Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen zu kaufen, sei der eine auch noch so reich und der andere noch so arm.“ So hat Marietta Hageney in der jüngsten Sitzung des Kreistags ihr Engagement gegen Menschenhandel umschrieben.

Und dieser ist nicht nur ein Problem in den Großstädten. „Weit gefehlt“, sagte Landrat Klaus Pavel. Die Ostalb sei keine Insel der Glückseligen, auch wenn er Menschenhandel hier eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Dies sei alles unmenschlich und man müsse dazu beitragen, dass es verschwinde, sagte der Landrat, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass auch im Ostalbkreis Ordensschwestern verdienstvolle Arbeit leisteten.

36 Gewerbeanmeldungen von Prostituierten

Legt man die Zahlen der Verwaltung zugrunde, sprechen diese eine deutliche Sprache. Wie es in der Vorlage für die Kreisrätinnen und Kreisräte mit Stand März 2019 heißt, gab es im Kreis seit November 2017 genau 36 Gewerbeanmeldungen von Prostituierten für das gesamte Bundesgebiet. Davon waren 26 Frauen Ausländerinnen. In Schwäbisch Gmünd seien von fünf Einrichtungen zwei wegen Missachtung von Gesetzen und Vorschriften geschlossen worden.

In Aalen seien zwei Einrichtungen bekannt, in Ellwangen keine, weil dort die Stadt aufgrund der Einwohnerzahl keine Genehmigung für eine solche Einrichtung ausstellen darf.

Um Verbrechen und Leid zu bekämpfen, heißt es in der vom Landrat unterschriebenen Vorlage weiter, müsse man auch die Nachfrageseite betrachten. Und dabei könne man verschiedene Fragen stellen:

Wieso endeten Junggesellenabschiede und Abiturfeiern im Bordell?

Würden die Freier auch so handeln, wenn ihnen bewusst wäre, dass dabei oftmals Frauen und Männer unter Zwang ausgebeutet werden?

Würden Gewaltszenen in Verbindung mit Geschlechtsverkehr durch den Akt der Bezahlung legitimiert?

Nicht beantworten könnten Behörden und Einrichtungen diese Frage: Wie könne man jungen Frauen und Männern aus dem Ausland verdeutlichen, dass sich deutsche Behörden beziehungsweise Einrichtungen von den korrupten Institutionen Ihres Heimatlandes unterscheiden?

Ostalb-Bündnis gegen Menschenhandel

Ohne Nachfrage gäbe es keine Prostitution, weshalb man bei der Nachfrage ansetzen müsse, hieß es weiter. Es sei wichtig, vor allem junge Menschen präventiv über Folgen und Hintergründe von sexueller Ausbeutung aufzuklären. Daher habe sich im vergangenen Jahr ein Ostalb-Bündnis gegen Menschenhandel gebildet, dem inzwischen mehr als 75 Institutionen und Personen angehören.

Ziel ist es, über Menschenhandel und Zwangsprostitution aufzuklären. Seit Jahresbeginn betreibt Solwodi (zu Deutsch: Solidarität mit Frauen in Not) in Aalen eine von bundesweit 19 Beratungsstellen, die erste in Baden-Württemberg, die Solwodi-Geschäftsführerin Marietta Hageney in Personalunion leitet.

Vor dem Kreistag überschrieb sie ihren Vortrag mit dem Titel „Von der Not ins Elend“. Sie habe es sich zur Aufgabe gemacht, genau hinzusehen. Deutschland sei mit seiner liberalen Gesetzgebung nämlich eine Enklave in Europa. In anderen Ländern habe es einen Perspektivwechsel gegeben. Dort würden die Freier, die vielfach als Loser angesehen würden, für Sexkauf bestraft. Denn, so Hageney: „Frauen sind keine Ware!“

Die Ostalb kann Geschichte schreiben

Die Beratungsstelle sei Anlaufstelle für Frauen und Kinder, die durch Armut, Menschenhandel und Sextourismus in die Prostitution gezwungen worden seien oder zwangsverheiratet in Deutschland lebten. In Rumänien habe man bisher weit über 200 Schüler erreicht. Die Ostalb könne nun Geschichte schreiben, sagte sie weiter, denn sie sei die erste Region, in der sich ein Bündnis gegen Menschenhandel gebildet habe.

Im Kreistag rannte sie mit ihren Darstellungen und Forderungen offene Türen ein und erntete allseits Lob für ihre Arbeit. Frederick Brütting (SPD) sagte, für seine Fraktion nehme bewusst ein Mann Stellung, denn hier seien Männer in der Verantwortung. Ihne wundere, dass Aalen und Schwäbisch Gmünd keine Vergnügungssteuer für Bordelle erheben würden, obwohl sie dies dürften. Die Städte sollten dies seiner Meinung nach tun, denn diese Steuer wäre tatsächlich eine Steuerung.

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