Gesundheitsversorgung vor epochalen Umbrüchen

 Wo bitteschön ist die nächste Arztpraxis? Eine Frage, die sich in Zukunft auch auf der Ostalb immer häufiger stellen wird. Neue
Wo bitteschön ist die nächste Arztpraxis? Eine Frage, die sich in Zukunft auch auf der Ostalb immer häufiger stellen wird. Neue Strukturen, unter anderem mit mehreren Zentren, sollen die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im Kreis langfristig und dauerhaft sicherstellen. (Foto: Soeren Stache/dpa)
Redakteur Aalen

Dass die gesamte Gesundheitsversorgung auch auf der Ostalb vor eklatanten und beinahe schon epochalen Umbrüchen steht, spüren immer mehr Menschen hier am eigenen Leib: Hausärzte geben altershalber ihre Praxis auf, ohne einen Nachfolger zu haben. Und das Unterfangen, eine andere Praxis zu finden, die noch einen neuen Patienten aufnehmen will, scheint bisweilen fast schon hoffnungslos. Ebenso das Bemühen, zeitnah einen Termin in einer Facharztpraxis zu erhalten. Und wer mit dem Krankenhaus zu tun hat, bekommt rasch mit, dass der eine oder andere Arzt dort in ein paar Wochen schon wieder weg ist. Weil er hier gar nicht fest angestellt ist, sondern als „Freelancer“, als freie Honorarkraft momentan mithilft, gegen den Ärztemangel in der Klinik anzukämpfen. Von Betten, die leer stehen, weil ausreichend Pflegepersonal fehlt, ganz zu schweigen. Nicht allerdings von jenen 19 Millionen Euro, auf die das Defizit der Kliniken Ostalb mit ihren drei Standorten Aalen, Ellwangen und Mutlangen inzwischen angewachsen ist. Vor fünf Jahren, im Januar 2017, war die damals neu gegründete gemeinnützige kommunale Anstalt des öffentlichen Rechts mit Namen Kliniken Ostalb als Klinikverbund noch angetreten, um künftig im schlimmsten Fall mit einem jährlichen Krankenhausdefizit von einer bis zwei Millionen Euro leben zu müssen.

Kein Wunder, dass im Landratsamt und auf der kreispolitischen Ebene für alles, das mit dem Thema Gesundheitsversorgung zu tun hat, inzwischen die fast schon eiserne Devise gilt: Ein Weiterso geht nicht! Aber was kommt dann?

Hinter den Kulissen wird schon seit Wochen und Monaten an Überlegungen gearbeitet, wie sich die Kliniken Ostalb zukunftsfähig aufstellen können. Die Diskussion über die künftige Struktur der Kliniken könne allein durch den ständig steigenden Fachkräftemangel nun nicht mehr länger aufgeschoben werden, teilt die Persönliche Referentin von Landrat Joachim Bläse, Katharina Oswald, auf Nachfrage mit. Es würden deshalb momentan mehrere Handlungsmöglichkeiten diskutiert. Diese reichten von der Beibehaltung aller drei Klinikstandorte bis hin zum Neubau eines Zentralklinikums. Dazwischen gebe es mehrere Varianten, bei denen aus den momentan drei Kliniken am Ende zwei Klinikstandorte werden könnten. Entschieden sei jedoch noch gar nichts. „Wir brauchen eine langfristig tragbare Lösung, die eine hochwertige Gesundheitsversorgung unserer Bevölkerung in kommunaler Trägerschaft sichert“, so Oswald weiter. Deshalb würden in den Entscheidungsprozess auch die Belange sämtlicher Akteure, insbesondere der Bürgerinnen und Bürger und der Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, einfließen. Klar sei aber auch: Die Zeit dränge. „Die Pandemie hat leider den Personalmangel noch deutlicher offengelegt, zeitgleich aber auch die Diskussion um die Zukunft der Klinik aufgeschoben“, sagt Oswald. Daher sei es das Ziel, eine Entscheidung in den nächsten Wochen voranzutreiben. Dann könnten der Verwaltungsrat und der Kreistag bereits im Juli dieses Jahres eine Grundsatzentscheidung über die Zukunft der Kliniken Ostalb treffen.

Mit der Thematik haben sich bislang ein 18-köpfiger Lenkungskreis sowie die Mitglieder des Verwaltungsrats der Kliniken Ostalb intensiv beschäftigt. Am kommenden Montag, 2. Mai, wollen Landrat Joachim Bläse und die Mitglieder des Vorstands der Klinken Ostalb bei einer nichtöffentlichen Zusammenkunft alle Mitglieder des Kreistags über die Situation der Kliniken und über den Stand der Zukunftsüberlegungen informieren.

Für Bläse ist aber auch klar: Ein Zukunftskonzept für die Kliniken Ostalb kann nur Teil eines Gesamtkonzepts für die Zukunft der Gesundheitsversorgung im Ostalbkreis insgesamt sein. Denn in den kommenden Jahren werden noch mehr niedergelassene Ärztinnen und Ärzte altershalber ihre Praxen aufgeben, ohne dass sie – trotz aller Bemühungen auf allen Ebenen – eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger finden werden.

Ein Zauberwort könnte hier heißen: ambulante beziehungsweise sektorenübergreifende Gesundheitsversorgungszentren, fünf bis sechs Stück, quer über den gesamten Ostalbkreis verteilt. Wobei die Notwendigkeit, solche Zentren zu schaffen, in den Randlagen beziehungsweise ländlich strukturierten Räumen zunächst größer sein dürfte als in den größeren Städten im Kreis. Aber auch die sind vor einem Hausärztemangel schon jetzt nicht mehr gefeit.

Wie genau solche Zentren einmal aussehen werden, wer letztlich Träger sein wird und welche medizinischen Leistungen sie anbieten werden, all das ist noch offen. Stattgefunden haben bislang sogenannte Teilraumkonferenzen in enger Abstimmung mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den niedergelassenen Ärzten, wie Susanne Dietterle, die Pressesprecherin des Landratsamts, auf Nachfrage sagt.

Vor allem in jüngster Zeit ist in das Thema Versorgungszentren neue Bewegung gekommen. So hat etwa im vergangenen November ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in Mögglingen mit einer Allgemeinmedizinerin und einem Facharzt für Innere Medizin in Anstellung seine Pforten geöffnet, das als GmbH ein 100-prozentiges Tochterunternehmen der Gemeinde ist. Und am kommenden Mittwoch, 4. Mai, soll in Abtsgmünd auf Initiative des Landratsamts und der Ärzteschaften Aalen und Schwäbisch Gmünd für die Raumschaft Schwäbischer Wald im Ostalbkreis eine hausärztliche Genossenschaft gegründet werden. Ziel der Genossenschaft soll es sein, die dortige ambulante hausärztliche Versorgungssituation aufrecht zu erhalten und zu verbessern. Dies soll mit der Gründung und dem Betrieb von MVZ und der Schaffung von attraktiven Arbeitsplätzen für Ärztinnen und Ärzte gelingen. Zudem soll mit der Genossenschaft der Entwicklung entgegengewirkt werden, dass private Finanzinvestoren Praxen als Renditeobjekte aufkaufen. Die Gründungsmitglieder der Genossenschaft werden Ärztinnen und Ärzte der Ärzteschaften Aalen und Schwäbisch Gmünd sowie die zwölf Gemeinden des Schwäbischen Walds sein. In dieser Raumschaft ist der Grad der hausärztlichen Versorgung laut Dietterle mit unter 70 Prozent derzeit am schlechtesten im ganzen Kreis.

„Wir unterstützen als Ärzteschaften alle Bemühungen, die medizinische Versorgung dauerhaft sicherzustellen“, sagt der Vorsitzende der Ärzteschaft Aalen, Sebastian Hock. Der Ellwanger Frauenarzt sieht dabei aber viele Akteure in der Pflicht. Angefangen bei der Bundespolitik, die es mit grundlegenden Strukturänderungen für junge Menschen wieder attraktiv machen müsse, in die Praxen und den ländlichen Raum zu gehen, bis hin zur Lokalpolitik, die ebenso zu einer günstigen Gestaltung der Rahmenbedingungen beitragen müsse. „Da geht’s nicht nur ums Geld“, sagt Hock. Gemeint seien damit eine nachhaltige Entbürokratisierung der Arztpraxen genauso wie die Hilfe beim Kita-Platz oder bei einem Bauplatz, wenn nötig. Und die lokale Politik müsse sich auch überlegen, dass der Erhalt einer Arztpraxis, egal in welcher Rechtsform, nicht kostenneutral zu haben sei. Eine Hilfe könnte zum Beispiel sein, kostengünstigen Mietraum dafür zur Verfügung zu stellen.

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