Frauen sind lukrativer als Waffen und Drogen

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Redakteurin Südfinder

„Sieh dir die berühmten Sehenswürdigkeiten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg an, fahre im gemieteten Porsche 250 Stundenkilometer auf der Autobahn und lebe dich in der größten Rotlichtszene Europas aus. Alles legal.“ Mit solchen Arrangements wird Deutschland laut Marietta Hageney im Ausland beworben. Wie hierzulande mit der Würde der Frau umgegangen wird, sei nicht auszuhalten, sagt Hageney. Deshalb ist sie Teil des Teams, das am Mittwoch in Aalen die erste Beratungsstelle von Solwodi in Baden-Württemberg eröffnet.

Die Beratungsstelle ist zugleich die Geschäftsstelle des Ostalb-Bündnisses gegen Menschenhandel und Prostitution. Solwodi und das Ostalb-Bündnis setzen sich für die Ächtung und strafrechtliche Verfolgung gegen Verstöße in der Prostitution ein, etwa mit Aufklärung an Schulen, Aktionen und konkreten Ausstiegshilfen für Frauen aus der Prostitution.

Von wegen Freiwilligkeit

Deutschland habe das liberalste Prostitutionsgesetz der Welt, sagt Hageney. Mit der Legalisierung im Jahr 2002 wollte der Staat die Prostitution aus der Grauzone holen, die rechtliche und hygienische Lage der Sexarbeiterinnen verbessern. „Doch das ging nach hinten los“, so Hageney. Zuhälter argumentierten seitdem, dass alles auf freiwilliger Basis geschehe. In Wahrheit werden nach Schätzung der UNO rund 200 000 Frauen in Deutschland zur Prostitution gezwungen, 90 Prozent stammen aus Osteuropa.

Auch das neue Gesetz aus dem Jahr 2017, dessen größte Errungenschaft wohl die Kondompflicht zu sein scheine, sei in der Realität eine nicht einforderbare Bedingung der Frauen. Außerdem könne damit kein Menschenhandel verhindert werden. Frauen werden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Land geholt, um sie hier durch Folter und Erpressung zur Prostitution zu zwingen, sagt Hageney. „Es ist verlogen, zu glauben, dass junge Osteuropäerinnen aus freien Stücken den weiten Weg nach Unterkochen auf sich nehmen, an die Bordell-Tür klopfen und fragen, ob sie ein Zimmer für Sexarbeit mieten können.“ Viele der Frauen müssten bis zu 15-mal einen Freier beglücken und seien durch häufigen Analverkehr urin- und stuhlinkontinent, was sie durch Schmerzmittel- und Drogenkonsum versuchten, auszuhalten. Von den psychischen Belastungen abgesehen.

„Frauen sind lukrativer als Waffen und Drogen, da man sie mehrmals verkaufen und beliebig oft benutzen kann.“ Laut Verdi werden in Deutschland 14,5 Milliarden Euro umgesetzt. Für jede Frau, die es aus den Bordellen schafft, „werden vier neue ins Land gebracht“. Daher konzentriert sich Hageney auf Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Zusammen mit anderen Organisationen wie dem Soroptimist Club Aalen/Ostwürttemberg verzeichnete sie bereits Erfolge. Der Drittligist VfR Aalen wurde für eine große Plakatkampagne gegen Sexsklaverei ins Boot geholt. Zum anderen haben die Stadtverwaltungen in Aalen und Ellwangen bei einigen privaten Grundstücksbesitzern Überzeugungsarbeit geleistet, um sexuelle Werbung aus dem Stadtbild zu verbannen.

Aufklärung ist das A und O

Die 57-Jährige will mehr Aufklärung. Der Artikel 1 des Grundgesetzes werde für beide Geschlechter unterschiedlich gelebt. Es zeige sich zum Beispiel in den „Unzensiert“-Partys wie in der Tonfabrik Aalen, bei denen schon 16-jährige Frauen dazu animiert werden, in Unterwäsche zu bestellen oder möglichst viele Würstchen in den Mund zu nehmen, da sie dann nichts zahlen müssen. „Die jungen Männer lernen daraus, dass Frauen käuflich sind.“ Etwa 1,2 Millionen „sexuelle Dienstleistungen“ werden in Deutschland jeden Tag von Männern aus allen Bildungsschichten in Anspruch genommen. Darunter „normale“ Geschäftsleute und Familienväter. „Wenn ich nur einen Jugendlichen davon abhalte, am Ende der Abifeier in den Puff zu gehen, habe ich schon etwas erreicht.“ Hageney möchte viel bewirken: Ein Ostalb-Bündnis gegen Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution mit namhaften Personen und Organisationen aus Wirtschaft, Politik, Kunst und Kultur hat sich schon zusammengeschlossen. Sie möchte an den Runden Tisch in Berlin, zu den einflussreichen Persönlichkeiten und Entscheidungsträgern und diese zu einer Tagung nach Aalen bringen. Sie habe ihr Ziel fest vor Augen und um dieses zu erreichen, werde sie alle Hebel in Bewegung setzen.

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