Für viele ist es der letzte Marsch

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Für viele ist es der letzte Marsch
Für viele ist es der letzte Marsch (Foto: Quelle: Hubert Roßmann)
Schwäbische Zeitung
Markus Lehmann

Anfang April 1945: Das unfassbare Grauen der Nazi-Diktatur erreicht nun auch sichtbar den Ostalbkreis. In Form eines Trosses aus geschundenen, geschlagenen, ausgemergelten und bis auf die Knochen abgemagerten Menschen. Die Häftlinge stammen aus dem Konzentrationslager Kochendorf südlich von Bad Friedrichshall. Für viele der etwa 1500 Menschen ist es der letzte Marsch ihres Lebens.

Sie sterben unter unvorstellbaren Qualen auf dem so genannten Kochendorfer Todesmarsch, der bei Untergröningen die Ostalb erreicht, über Abtsgmünd, Hüttlingen, Goldshöfe, Wasseralfingen und Aalen in Richtung Heidenheim und Ulm führt. Dachau heißt das Endziel. Dort stehen die Gaskammern bereit.

Aus fast ganz Europa wurden die rund 2000 Häftlinge verschleppt, die im KZ Kochendorf zwischen September 1944 und März 1945 einsaßen. Es sind Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer aus Polen, Russland, Ungarn, Frankreich, auch Holländer, Deutsche und andere Nationalitäten sind darunter. Kochendorf ist wie das im Oktober 1944 eingerichtete KZ Wasseralfingen ein Außenlager des Stammlagers Natz-weiler-Struthof im besetzten Elsass.

Dunkles Kapitel

Ende März 1945 sind amerikanische Truppen der Alliierten in hörbare Nähe gerückt. Die SS-Kommandantur befiehlt, das Lager zu räumen und die Gefangenen nach Dachau zu bringen. Am 30. März setzt sich der Marsch zunächst in südlicher Richtung, ab Löwenstein dann in östlicher Richtung in Gang. In Mainhardt-Hütten zweigt ein Teil des Todeswegs ab in den Hessentaler Todesmarsch über Schwäbisch-Hall-Hessental, Ellwangen und Nördlingen. Der Kochendorfer Marsch verläuft nun südöstlich und erreicht nach Mainhardt-Hütten Oberrot.

Hier sieht die damals fünfjährige Maria Fassbender, die heute in Schwäbisch Gmünd lebt, diese Menschen: „Sie sind direkt an meinem Elternhaus vorbeigeschlurft. Unter Weinen habe ich auch noch später daran gedacht, was mit diesen Menschen gemacht wurde. Das hat mich nie wieder losgelassen.“ Maria Fassbender hat viel recherchiert und sich für die Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels eingesetzt. Diese Szenen jedenfalls haben die Kindheit mitgeprägt: „Ich konnte nicht so fröhlich wie andere Kinder aufwachsen.“ Sie wird auch bei der Gedenkveranstaltung heute in Oberrot als Zeitzeugin sprechen, auch Landrat Klaus Pavel wird ein Grußwort sagen.

Der Marsch ging weiter, teilweise auch nachts wegen alliierter Tiefflieger-Angriffe. Kranke und schwache Häftlinge wurden teils erschossen, die anderen mussten die Gräber, in denen sie verscharrt wurden, ausgraben. Besonders viele Tote forderte der Stopp des Marsches in Algishofen (4. bis 6. April). Einen Eindruck des Marsches schildert Mieczyslaw Wisniewski.

Der ehemalige Häftling aus Polen überlebt den Todesmarsch als junger Mann mit gerade mal 20 Jahren. Er hat die Szenen später gezeichnet.

„Von der SS bekamen wir während der ersten vier bis fünf Tage des Marsches nichts zu essen. Ein Häftling nahm unterwegs, als die Kolonne an einem Bauernhaus vorbeimarschierte, ein Stück Brot von einer Frau entgegen. Ein Soldat tötete diesen Häftling daraufhin mit einem Kopfschuss.

Völlig überraschend griffen uns einmal amerikanische Flugzeuge an. Soldaten und Häftlinge suchten vor dem Maschinengewehrfeuer Schutz. Der Munitionswagen wurde getroffen und explodierte. Ein Häftling sprang auf und winkte aus Freude den Piloten zu. Ein Soldat der Waffen-SS beobachtete dies aus seinem Versteck und erschoss den Häftling.

Wir marschierten vorwiegend in der Nacht. Am Ende des Zuges lief ein Trupp Häftlinge mit Schaufeln. Sie mussten die zusammengebrochenen Häftlinge, nachdem sie von SS-Soldaten erschossen worden waren, verscharren. Nur sehr wenige Häftlinge erreichten das KZ Dachau.“ Wisniewski erinnert sich auch an die anschließende Zugfahrt von Wasseralfingen nach Dachau: „Auf der Fahrt regnete es in Strömen und in den Waggons sammelte sich das Wasser. Einige Häftlinge saßen auf den Toten. Immer wieder wurden Tote unterwegs aus dem Zug geladen.“

Immer noch etwas strittig ist, ob die Häftlinge am 7. April auf dem Bahnhof Goldshöfe oder Wasseralfingen in die Güterwaggons verfrachtet wurden in Richtung KZ Dachau. Klaus Riexinger, Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Sonntag“ in Südbaden hat zusammen mit Detlef Ernst den Todesmarsch weitgehend rekonstruiert. Seine These: Die Gefangenen wurden auf beiden Bahnhöfen verladen.

Bewacher waren auch gefährdet

Die zentrale Frage, warum es eigentlich überhaupt zu Todesmärschen wie dem Kochendorfer kam und was der genaue Sinn dahinter war, konnte bislang noch kein Historiker genau beantworten. Denn wegen der Tiefflieger-Angriffe waren sie auch für die Bewacher selbst gefährlich.

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