Eine Solistin im Gemeinderat

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 Gerda Böttger im AWO-Treff in Oberkochen vor dem Bild ihres Cousins, der tödlich verunglückt ist. Gemalt hat es ihre Nichte Ch
Gerda Böttger im AWO-Treff in Oberkochen vor dem Bild ihres Cousins, der tödlich verunglückt ist. Gemalt hat es ihre Nichte Christine Schönherr anhand einer Fotografie. (Foto: Turad)
Viktor Turad
Freier Mitarbeiter

Anlässlich der Kommunalwahlen im Mai 2019 werden die „Aalener Nachrichten / Ipf- und Jagst-Zeitung“ in den kommenden Monaten in loser Folge Frauen porträtieren, die sich kommunalpolitisch engagieren. Die veröffentlichten Texte gibt es online unter www.schwaebische.de/ostalb-kommunalfrauen

Gleich in ihrer ersten Sitzung als frischgebackene Stadträtin hat sie sich „daneben benommen“, erinnert sich Gerda Böttger schmunzelnd, jedenfalls in den Augen ihrer Kollegen. Denn die altgediente Herrenriege hatte schon vor der Sitzung unter sich ausgekungelt, wer zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt werden sollte. Das fand die damals 28-Jährige ungerecht. Sie meldete sich zu Wort, beantragte, dass der Stadtrat mit den meisten Stimmen bei der zurückliegenden Gemeinderatswahl den Posten bekäme – und ging baden.

Das hat Gerda Böttger aber nicht entmutigt. Sie blieb 30 Jahre in der Kommunalpolitik, erst von 1975 bis 1989 im Oberkochener Gemeinderat und anschließend bis 2004 im Kreistag. Es war eine Karriere, von der sie nie geträumt und die sie sich eigentlich auch nicht zugetraut hat. Ihr Mann Klaus ist genau genommen an allem „schuld“.

Als einzige Frau unter den Zuhörern

Denn eigentlich wollte die junge Frau damals, 1974, im „Ochsen“ bei einer SPD-Veranstaltung nur den Vortrag des Ellwanger Religionslehrers Hubert Häfele anhören, der selbst SPD-Mitglied war und sich mit der Frage beschäftigte, wie sich SPD und Kirche vereinbaren lassen. Gerda Böttger war die einzige Frau unter den Zuhörern. Das veranlasste den damaligen Oberkochener SPD-Vorsitzenden Horst Fahr und Peter Schäfer, sie zu fragen, ob sie nicht bei der Kommunalwahl im darauffolgenden Jahr – 1975 hatte die UNO zum Jahr der Frau ausgerufen - auf die SPD-Liste wolle.

Sie wollte eigentlich nicht, weil sie sich das nicht zutraute. Ihr Mann Klaus hat sie umgestimmt und dazu bewogen, es doch zu tun. „Das hat er wohl schon oft bereut“, lacht sie heute. Denn jedes mal, wenn er später sagte, „Du bist schon wieder weg?“, bekam er zur Antwort: „Du hast es doch so gewollt!“

Dass ihre Kollegen sie in der ersten Gemeinderatssitzung abblitzen ließen, hat sie ihnen nicht krumm genommen. „Ab da wurde ich als gleichwertig akzeptiert“, ist sie sich sicher. Ihr Vater aber traute sich eine Zeitlang nicht mehr an seinen Stammtisch, weil seine älteste Tochter mit der SPD, der sie übrigens erst nach der Wahl offiziell eintrat, angebandelt hatte und weil das damals nicht überall gut ankam. „Es gab schon Anfeindungen“, erinnert sich die verdiente Kommunalpolitikerin zurück. Einmal landete sogar ein anonymer Brief samt Collage, bei der ihr Kopf auf einen nackten Frauenkörper montiert war, im elterlichen Briefkasten. Weil die Tochter angeblich mit von der Partie war, als die Gemeinderäte nackt badeten.

Mit dem Gemeinderat nackt gebadet?

Dabei war die Geschichte schon damals, Anfang der 80er-Jahre harmlos: Auf dem Rückweg von einem Gemeinderatsausflug nach Stuttgart kehrte die Gesellschaft in einem Hotel ein, das ein Hallenbad hatte. Die Stadträtin und die Frauen von vier weiteren Stadträten hätten gern ein Bad genommen, hatten aber nicht die passende Kleidung dabei. Der Hotelier stellte ihnen Handtücher zur Verfügung und die Damen badeten daher kurzerhand im Evakostüm. Sie waren dabei unter sich und in dem abgeschlossenen Raum „sicher“ vor den Augen der Männer. Die verfolgten überdies lieber draußen die Mondfinsternis.

In Oberkochen aber machte das nächtliche Nacktbaden am nächsten Tag sofort die Runde mit dem Hinweis: „Und 'so eine' will in den Gemeinderat?“ Geschadet hat das alles Gerda Böttger nicht: 1980 machte sie als Stimmenkönigin das Rennen. Dabei wäre sie um ein Haar nicht mehr angetreten: Sie machte ihren Genossen klar, dass sie nicht als Solistin auf die Liste gehen würde und so wurde Doris Meisel damals die zweite SPD-Stadträtin. Auch die anderen Listen hatten die Frauen für sich entdeckt: Hilde Wingert kam damals für die CDU ins Stadtparlament, Sabine Schütze für die Freien Bürger Oberkochen (FBO). Das war immerhin schon mehr Frauenpower als im amtierenden Gemeinderat, dem nur drei Frauen angehören.

Aber sauer war Gerda Böttger damals schon: Sie sprach einige Frauen in der SPD auf eine Kandidatur an und bekam immer zu hören: „Meine Frau kann das nicht.“ Da bewarben sich die „Herren der Schöpfung“ dann doch lieber selbst...

Als 1989 Eberhard Irion nicht mehr für den Kreistag kandidierte, trat Gerda Böttger für ihn an. Um einen Sitz im Gemeinderat bewarb sie sich daher nicht mehr. „In den Kreistag wirst Du sowieso nicht gewählt und dann hast Du Deine Ruhe“, habe sie damals gedacht, erzählt sie. Da hatte sie sich jedoch getäuscht. Sie wurde gewählt und geriet im neuen Gremium ausgerechnet mit einer Geschlechtsgenossin aneinander, mit Gisela Mayer, der seinerzeit sehr streitbaren Gründerin und Fraktionsvorsitzenden der Frauenliste.

Bei der Neuwahl des Landrats gehörte Gerda Böttger 1996 zu der Hälfte des Gremiums, die nicht für Klaus Pavel stimmte, der dann bekanntlich nach einem dreimaligen Patt im Kreistag durch einen Losentscheid dennoch ins Amt kam. Die Wiederwahl des agilen Landrats nach acht Jahren war dagegen eine reine Formsache und Gerda Böttger freut sich heute noch, dass sie Pavel damals als zweite Stellvertreterin des Landrats in sein Amt einsetzen durfte. „Aus voller Überzeugung, obwohl ich ihn das erste Mal nicht gewählt hatte“, fügt sie hinzu.

An Aufgaben hat es ihr nie gemangelt

2004 trat sie zwar noch einmal an, aber der Wahlkreis war neu zugeschnitten und gegen eine starke Bürgermeister-Riege hatte sie keine Chance. „Das hat mir nichts ausgemacht, der Abschied ist mir nicht schwer gefallen“, versichert sie.

Schließlich hat es ihr nie an Aufgaben gemangelt. 1975 hatte sie bereits den Hausfrauenbund in Oberkochen gegründet, seit 43 Jahren ist sie Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, kümmert sich um den erst im September eröffneten AWO-Treff in der Katzenbachstraße und um den „Umsonst-Laden“. Zehn Jahre lang war sie Schöffin, einige Jahre kommissarische Vorsitzende des Oberkochener SPD-Ortsvereins.

Immer wieder sei ihr nachgesagt worden, sie habe höhere Ambitionen und strebe beispielsweise in den Landtag, erzählt sie. Um gleich zu versichern: „Ich wollte nie weg. Ich wollte sehen, was man bewegt und ich wollte den Kontakt zu den Menschen.“

Den hat sie auch nie verloren. Aber Solistin ist sie immer noch: Sie ist die erste und einzige Oberkochener Ehrenbürgerin.

Anlässlich der Kommunalwahlen im Mai 2019 werden die „Aalener Nachrichten / Ipf- und Jagst-Zeitung“ in den kommenden Monaten in loser Folge Frauen porträtieren, die sich kommunalpolitisch engagieren. Die veröffentlichten Texte gibt es online unter www.schwaebische.de/ostalb-kommunalfrauen

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