Ein Mann, der nicht abhängig sein will - vor allem nicht in der Kunst

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 Artur Elmer, der Vorsitzende des Aalener Kunstvereins, wird 80 Jahre alt. Das Bild im Hintergrund mit dem Titel „Tribunal“, ent
Artur Elmer, der Vorsitzende des Aalener Kunstvereins, wird 80 Jahre alt. Das Bild im Hintergrund mit dem Titel „Tribunal“, entstanden als „digitale Malerei“, wie es Elmer nennt, ist auch eine Hommage an seinen einstigen Kunstlehrer Sieger Köder. (Foto: Thomas Siedler)

80 Jahre und kein bisschen müde, ist man geneigt zu sagen. Doch woher nimmt der Mann bloß all die Energie? „Wahrscheinlich ist es die Leidenschaft für die Kunst und alles, was damit zusammenhängt“, lautet Artur Elmers schlichte Antwort. Am heutigen 29. Mai feiert der Aalener Künstler, Vorsitzende des Kunstvereins Aalen und leidenschaftliche künstlerische Kosmopolit seinen runden Geburtstag.

Vielleicht ein echterRembrandt in Aalen

Arg viel Ruhe, darüber groß nachzudenken, hat er eher nicht. Vielmehr geht ihm schon eine der nächsten großen Kunstvereinsausstellungen ab Oktober im Alten Rathaus im Kopf herum. „Lehrer Rembrandt – Lehrer Sumowski“ wird sie heißen. Der 2015 verstorbene, ehemalige Professor für Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart, Werner Sumowski, war nicht nur Besitzer einer der bedeutendsten privaten Grafiksammlungen in Deutschland, sondern auch einer der profundesten Rembrandt-Kenner in Europa. Sehr wahrscheinlich würden die Aalener dabei auch ein gemaltes Bild von Rembrandt zu Gesicht bekommen, das bislang noch nirgends zu sehen war, deutet Artur Elmer eher relativ unspektakulär an, als wir uns in einem der Räume des Kunstvereins auf einer Couch gegenüber sitzen.

Im Hintergrund hängt kein Rembrandt an der Wand, sondern ein Bild aus der aktuellen Kunstvereinsausstellung. Eine, wie er es nennt, digitale Malerei von Artur Elmer mit dem Titel „Tribunal“. In der oberen Hälfte unverkennbar ein Ausschnitt aus Sieger Köders „Veronika“ mit dem Abbild von Jesu Antlitz auf dem Tuch, darunter zwei Fotoporträts: links der in den USA verhasste Whistleblower Edward Snowden, daneben der einstige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum. Politik, Tribunale und Sieger Köder in einem Elmer-Bild? Wer beim Aha-Effekt an Elmers Biografie denkt, liegt nicht falsch.

Für mich war immer wichtig, meine Freiheit zu haben und nicht abhängig zu sein, vor allem in der Kunst.

1939 in Aalen geboren, war Artur Elmer Schüler von Sieger Köder in dessen Zeit als Kunsterzieher am Schubart-Gymnasium (SG). „Schon mit 15 war mir klar: Kunst wird mein Leben sein. Seitdem sauge ich alles auf, was mit Kunst zu tun hat. Und täglich kommt Neues hinzu“, erzählt Elmer. Allerdings nicht ohne auf zwei andere Steckenpferde zu verweisen, die er schon in jungen Jahren geritten hat: die Musik und den Sport.

Mit sieben Jahren hat Elmer mit dem Geigenspiel begonnen, mit 15 kam der Kontrabass dazu. Grundlage für die ersten Bands, in denen er mitspielte. Parallel dazu ging er zum Ringen in den KSV. Den nachhaltigen Hinweis der Mutter, er müsse aber auf jeden Fall Abitur machen, kommentierte der junge Artur zunächst so: „Van Gogh hatte auch kein Abitur.“ Sein Kommentar heute dazu: „Für mich war immer wichtig, meine Freiheit zu haben und nicht abhängig zu sein, vor allem in der Kunst.“

Bei Baumeister-Nachfolgerund bei Golo Mann

Also machte er das Abitur am SG und unterzog sich danach erfolgreich der Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Elmer schrieb sich im Fach Kunsterziehung ein, als Schwerpunkt entschied er sich für Malerei beim damaligen Professor Heinrich Wildemann, auf dem Lehrstuhl an der Stuttgarter Akademie Nachfolger von Willi Baumeister.

An der Universität Stuttgart studierte Elmer für das zweite Lehrfach an Gymnasien Politikwissenschaft und Geschichte, unter anderem bei Golo Mann, Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Als Student betätigte sich Elmer nicht nur als Ringer in Stuttgart-Weilimdorf, sondern unter anderem auch als Kulissenmaler in den damaligen Studios des Süddeutschen Rundfunks auf dem Killesberg. „Ich habe immer alles von der Pike auf gelernt“, sagt Elmer heute im Rückblick.

Ringer-Trainerin Fachsenfeld

Nach ersten Stationen als Lehrer in Stuttgart und Schwäbisch Gmünd kam Artur Elmer 1969 schließlich wieder zurück in die Heimat, ans Aalener Theodor-Heuss-Gymnasium, wo er bis zu seiner Pensionierung 2002 tätig war. In seiner Heimatstadt stieß er nicht nur auf damalige Künstlerkollegen wie Ernst Wanner, Karl Reich, den einst von seinen SG-Schülern liebevoll „Pinsel-Mayer“ genannten August Oskar Friedrich Mayer oder den seit 1965 an der Stuttgarter Akademie lehrenden Rudolf Walter Haegele – Elmer stieg hier bis 1972 auch wieder ins Ringen ein als Trainer beim SV Germania Fachsenfeld, mit dessen Mannschaft er sogar einen Meistertitel holte. Und er kam über seine Ehefrau Heidrun zum Tennisspielen, ein Sport, den er bis heute pflegt. „Obwohl es mir eigentlich am Anfang zu snobistisch war“, wie er anmerkt.

Elmer merkte im damaligen Aalen außerdem schnell: Mit Möglichkeiten, Kunst zu zeigen, war es nicht weit her. Seine angestammten Aalener Künstlerkollegen hatten sich im damaligen Einrichtungshaus Zauner für Ausstellungen ein kleines „Kunstkabinett“ ergattert. Ansonsten war es der Direktor des Unterkochener Eisenwerks Wöhr, Herbert Becker, der begann, in der Firmenkantine Kunstausstellungen zu veranstalten. Der Ort sollte über Jahre zu dem Mekka der Kunst in Aalen werden. 1975 kam dann die Galerie im Foyer des neuen Rathauses hinzu.

1983 erhielt Aalen seinen Kunstverein. Die Idee, einen solchen zu gründen, trieb Artur Elmer aus genannten Gründen schon länger um. Bei der fast schon legendären Gründungsversammlung im „Roten Ochsen“ war keine geringere als Charlotte Fürstin zu Hohenlohe-Langenburg, die damalige Vorsitzende des Hohenloher Kunstvereins, die Gründungspatin. Die erste Ausstellung, die der frisch gewählte Vorsitzende Artur Elmer für den Kunstverein organisierte, waren Werke aus der Sammlung des Barons Koenig von Fachsenfeld, die sich im Magazin der Stuttgarter Staatsgalerie befanden.

Den Horizont zu erweitern, geht nicht unterm Kirchturm, man muss in die Welt hinaus

Sie dort herauszuholen, war kein einfaches Unterfangen, wie sich Elmer erinnert. Das schwäbische „Mir gebat nix“ gehörte damals offenbar noch zu den Devisen im Stuttgarter Kunsttempel. Fast von Anfang an organisierte Artur Elmer auch Kunstreisen. 1985 fand die erste statt. Pro Jahr geht er bis heute zwei- bis dreimal mit einer stets großen Schar an Kunstinteressierten auf große Fahrt, viele Reisen sind oftmals binnen weniger Tage ausgebucht, und fast immer führen sie an aktuelle Hotspots im europäischen Ausstellungsgeschehen. Mittlerweile sind es weit über 100 Reisen mit Tausenden von Teilnehmern geworden. „Den Horizont zu erweitern, geht nicht unterm Kirchturm, man muss in die Welt hinaus“, sagt Elmer.

Ausstellungen aufhöchstem Nievau

1994 gelang die Ansiedlung des Aalener Kunstvereins im Alten Rathaus, zunächst in der ersten Etage. Heute bespielt der Verein drei Stockwerke mit mehreren Ausstellungen im Jahr. Artur Elmer ist immer noch der Vorsitzende, und der Kunstverein ist ganz sicher ein Teil seines Lebenswerks geworden. Den Horizont zu erweitern, das verfolgt Elmer auch bei den Kunstvereinsausstellungen, die oft genug Hochkarätiges, Spektakuläres und Exquisites, auf jeden Fall aber stets höchst Sehenswertes nach Aalen gebracht haben und immer noch bringen – aus aller Welt und immer auf Höhe der Zeit im aktuellen Kunstbetrieb.

Viel Vergnügen kann auch mit viel Arbeit verbunden sein.

Im Alten Rathaus hat Artur Elmer einst den Theatermacher und europaweit gefragten Pantomimen Dusan Parisek kennengelernt, „eine großartige Begegnung und im Prinzip die Anfänge des heutigen Theaters der Stadt Aalen“, wie Elmer sagt. Durch eine Kunstvereinsausstellung entstand der Kontakt zum 2007 verstorbenen Maler, Kunstsammler, Filmemacher und „Das Boot“-Autor Lothar-Günther Buchheim, aus dem sich eine enge Verbindung entwickelte. Bis heute ist Artur Elmer Mitglied im Stiftungsrat der Lothar-Günther-Buchheim-Stiftung in Bernried am Starnberger See.

Und fast nebenbei, was oftmals gar nicht so bewusst ist, haben der Kosmopolit Artur Elmer und seine Frau Heidrun ganz privat eine umfangreiche Sammlung afrikanischer Kunst aufgebaut, von denen Kenner sagen, sie gehöre zu den bedeutendsten Privatsammlungen dieser Art zumindest im deutschsprachigen Raum. Immer wieder stellen die Elmers Teile davon für Ausstellungen in ganz Europa zur Verfügung.

„Kunst machen, das ist für mich wie atmen – das muss ich einfach“, sagt Artur Elmer vor allem über den Künstler Artur Elmer. Den Elan, mit dem sich der 80-Jährige in alles andere – Ausstellungen, Kunstreisen und, und, und – stürzt, kommentiert er seelenruhig so: „Viel Vergnügen kann auch mit viel Arbeit verbunden sein.“

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