Ein bisschen Wehmut ist schon

Lesedauer: 11 Min
Am 10. Juli 2005 war Martin Gerlach zum Oberbürgermeister von Aalen gewählt worden. Sein Amt trat er als Nachfolger von Ulrich P (Foto: Jürgen Eschenhorn)
Schwäbische Zeitung

Als „multifunktionalen Universaldienstleister“ habe er sich als Oberbürgermeister stets gesehen, und die Stadt Aalen als das entsprechende Unternehmen. Das sagt Martin Gerlach in seinem letzten Interview mit den Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung vor seiner offiziellen Verabschiedung am kommenden Mittwoch um 19 Uhr in der Stadthalle. Und er verrät unserem Redakteur Eckard Scheiderer auch, wann er zum ersten Mal das Gefühl bekommen habe, dass er in Aalen dienstlich nicht alt werden würde.

Herr Gerlach, am kommenden Mittwoch werden Sie bei Ihrer Verabschiedung in der Stadthalle Ihren letzten Auftritt als Aalener Oberbürgermeister haben. Ist diese Zeit im Umfeld der Reichsstädter Tage, bei denen die Stadt jedes Jahr ihre ganze Lebendigkeit und Vielfalt unter Beweis stellt, eher ein guter oder ein schwerer Termin, um Abschied zu nehmen?

Es ist gut, dass solche Termine festgelegt sind und man die Dinge abschließen kann. Aber ehrlich: Wenn man nicht wehmütig wäre, wäre man wahrscheinlich zu lange dagewesen.

Mit welchen Gefühlen werden Sie Aalen denn verlassen?

Aalen ist, nimmt man Wasseralfingen dazu, meine Geburtsstadt. Hier bin ich aufgewachsen, und in den 20 Jahren, in denen ich beruflich weg war, bin ich an vielen Sonntagen bei der Familie zu Besuch gewesen und durch die Stadt spaziert. Nun habe ich in dieser Stadt acht Jahre lang Verantwortung getragen, und wenn ich heute durch die Stadt gehe, bin ich immer noch zufrieden.

Wird das ein Abschied von der Stadt für immer sein oder werden Sie nach Ihrer Zeit in Neuseeland wieder in Aalen wohnen?

In Aalen haben wir in den letzten Jahren nie das Haus gefunden, das sich zum Kauf angeboten hätte. Andererseits haben wir in Walheim am Neckar immer noch unseren einstigen, mit viel Aufwand hergerichteten Weingärtnerhof. So gesehen gibt es mehrere Optionen für die Zeit nach unserem Sabbatjahr, aber ich will mich jetzt noch auf keine festlegen. Ich werde mich frühestens nach einem Vierteljahr Abstand mit dieser Frage auseinandersetzen.

Haben Sie denn schon berufliche Zukunftspläne?

Auch dafür wird es sicher verschiedene Optionen geben. Seit 18 Jahren übe ich eine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg aus. Nächste Woche werde ich einmal dort anrufen, ob sie in einem Jahr so ein altes Schlachtross wie mich noch brauchen können, vielleicht auch in größerem Umfang. Eine Lehrtätigkeit im Kontakt mit jungen Menschen wäre sicher eine sehr schöne Aufgabe. Grundsätzlich bin ich aber für alle guten Vorschläge zugänglich. Ich denke, dass ich mich für irgendeine Aufgabe im öffentlichen Bereich wieder zur Verfügung stellen werde. Es kann ja auch passieren, dass andere sagen, „so einen können wir gebrauchen“. Acht Jahre lang Oberbürgermeister einer Stadt wie Aalen gewesen zu sein, bringt schließlich auch einen gewissen Marktwert mit sich.

Was machen ein ehemaliger Aalener Oberbürgermeister und seine Familie eigentlich ein ganzes Jahr lang in Neuseeland? Herumreisen, Kiwis züchten oder etwas ganz anderes?

Unser ältester Sohn Hannes wird zunächst nicht mitgehen, er hat sich schon bei der Oma eingerichtet und wird vermutlich nach seinem Abitur im nächsten Frühjahr nach Neuseeland nachkommen. Wir werden auf der Nordinsel von Neuseeland, zwei Autostunden östlich der Stadt Auckland, wohnen. Unsere jüngste Tochter wird dort die sechste Grundschulklasse besuchen, unser mittlerer Sohn das College. Meine Frau und ich werden Englischunterricht nehmen, denn wir haben uns vorgenommen, dass wir beide nach unserer Rückkehr verhandlungssicher Englisch sprechen wollen. Ansonsten werden wir die Wochenenden und die Ferien natürlich dazu nutzen, Land und Leute kennen zu lernen. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass sich meine Familie eigentlich noch vor mir darauf festgelegt hatte, für ein solches Sabbatjahr nach Neuseeland zu gehen.

Was waren für Sie in den acht Jahren Ihrer Amtszeit die schönsten Erlebnisse?

Da gibt es ganz sicher mehrere, auch wenn einem Dauernörgler viele Freudenspitzen nehmen. Der Wahltag vor acht Jahren gehört zu den schönen Erlebnissen dazu. Denn eine solche OB-Wahl zu gewinnen, ist eine sensationelle Ausnahmesituation. Ein Höhepunkt war für mich auch die Verleihung des Unesco-Welterbe-Titels für den Limes. Und ich will die Reichsstädter Tage nennen und hier vor allem die Begegnung mit den vielen Menschen aus unseren Partnerstädten. Gerade solche Begegnungen wie der Kontakt zu den Menschen überhaupt machen ein Amt so reich. Und wenn man in einem solchen Amt nicht abhebt, muss man sich auch nicht zu den Menschen herablassen, sondern ist mitten unter ihnen.

Was würden Sie mit als Ihre bittersten Stunden und Erfahrungen in diesen acht Jahren bezeichnen?

Ich teile die Enttäuschung vieler bis heute über die Ablehnung einer Bewerbung Aalens für die Landesgartenschau durch eine schwarz-grüne Gemeinderatsmehrheit. Wir hatten ein Superkonzept für eine Gartenschau, und dieses in Gänze umzusetzen wäre für mich eine dienstliche Lebensaufgabe gewesen. Insofern war die Ablehnung im Gemeinderat für mich der Abschied von der Vorstellung, in Aalen ein Lebenswerk hinzusetzen.

Das heißt, von da an haben Sie sich mit dem Gedanken getragen, nicht noch einmal für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren?

Mir ist zumindest klar geworden, dass es – wenn einige offenbar eine solche Chance nicht begreifen – wohl grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über die künftige Ausrichtung des Unternehmens gibt, wie man in der Wirtschaft sagen würde. Ich habe für Aalen immer eine Vorwärtsstrategie gesucht, die alle verträglich mitnimmt. Diese Vorgänge haben mir aber gezeigt, dass dies nicht alle wollen.

In welcher Rolle haben Sie sich als OB in den vergangenen acht Jahren gesehen?

Für mich war der Oberbürgermeister immer der multifunktionale Universaldienstleister der Bürger und die Stadt das entsprechende Unternehmen mit rund 1000 Mitarbeitern. Diese Vorstellung hat mich geprägt. Zudem war ich überzeugt, dass Aalen jetzt jemanden braucht, der auch wieder die finanzielle Konsolidierung betreibt. Das ist keine dankbare Aufgabe, die den großen Beifall findet. Somit konnte ich es mir auch gar nicht gönnen, ein richtiger Politiker zu sein, der allseits Gefallen findet. All dies auch noch in Zeiten der Krise zu tun, war Aufgabe genug. Und dass es richtig war, wird sich in zehn Jahren und später zeigen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe bestimmt nicht alles richtig gemacht, aber meistens sind wir schon richtig gelegen.

Welche Erfahrungen, auch Lebenserfahrungen, nehmen Sie persönlich, als der Mensch Martin Gerlach, aus Ihrer Amtszeit mit?

Diese acht Jahre waren für mich eine Phase, in der ich unheimlich viel gelernt habe. Ich habe mich selbst besser kennen gelernt, habe die interessantesten Dinge und die spannendsten Menschen kennen gelernt. Ich habe meine Toleranz gegenüber meiner Umwelt ausweiten können, denn Toleranz kommt nicht von selbst, man muss sie sich hart erarbeiten. Und ich habe intensive Einblicke in die Lebenswelt unserer Mitbürger aus anderen Ländern erhalten, was ich ebenfalls als sehr wertvolle Erfahrung betrachte.

Wie wird Aalen in 15, 20 Jahren aussehen? Worauf muss die Stadt in den kommenden Jahren aus Ihrer Sicht besonders achten?

Um Aalen in seiner geografischen Lage weiter nach vorne zu bringen, braucht es künftig in der Stadt deutlich mehr Gemeinsamkeiten. Wenn dies funktioniert, muss Aalen nicht besonders auf sich aufpassen. Die Stadt hat steigende Arbeitsplatz- und Einwohnerzahlen, ist die sicherste ihrer Größe im ganzen Land, hat die beste Kinderbetreuung in der Region und hat in den letzten Jahren Schulden abgebaut. Wenn Aalen auf diesem Kurs bleibt und sich auf den Gebieten Kultur und Sport künftig wieder ein wenig auch um die schönen Dinge kümmern kann, wird die Stadt auf einem guten Weg sein. Insofern bleibt mir nur, der Stadt Aalen und meinem Nachfolger Thilo Rentschler ein herzliches Glück Auf zu wünschen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen