Ein Besuch beim Figaro von anno dazumal

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Ein wahrer Schatz ist der Herrensalon im Stil der 20er-Jahre, in dem Friseurmeister Martin Keinath seine Kunden frisiert und ras
Ein wahrer Schatz ist der Herrensalon im Stil der 20er-Jahre, in dem Friseurmeister Martin Keinath seine Kunden frisiert und rasiert. (Foto: Thomas Siedler)
Schwäbische Zeitung
Redakteurin/DigitAalen

79 Friseurläden gibt es mittlerweile in Aalen und den Stadtbezirken. Einer der ältesten Salons in der Kreisstadt ist allerdings der von Martin Keinath in der Bahnhofstraße/Ecke Curfeßstraße. Wer das Geschäft betritt, fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Der Herrensalon im Stil der 20er-Jahre hat ebenso Seltenheitswert wie das Mobiliar im Frauengeschäft, das aus den 50er-Jahren stammt. Aber nicht nur mit Blick auf die Hardware ist die Zeit hier stehen geblieben, sondern auch, was die Software anbetrifft. Neben Gudrun Vaas, die seit 1971 im Salon Keinath arbeitet, kommen heute noch Kunden, die über 80 sind und die bereits von Martin Keinaths Vater frisiert wurden.

Keinath – dieser Name ist den älteren Aalenern heute noch ein Begriff. Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Friseurgeschäfte wie Pilze aus dem Boden geschossen sind und etliche auch schnell wieder zumachten, hat sich der Salon bis heute gehalten. Hört man ehemalige Mitarbeiterinnen, die in den 50er- und 60er-Jahren hier ihre Ausbildung machten und immer wieder ihrer alten Wirkungsstätte einen Besuch abstatten, war der Salon auf dem ehemaligen Bahnhofsboulevard einst die Adresse für die High Society in der Kreisstadt. Vor allem zu Zeiten des Wirtschaftswunders, aber auch noch bis Mitte der 70er-Jahre gaben sich hier die Kunden die Klinke in die Hand.

Im Krieg mussten Handtücher und Briketts mitgebracht werden

Gegründet wurde das Geschäft 1941 von Friseurmeister Karl Keinath. Damals befand sich der Salon noch in der Bahnhofstraße 41. Trotz der Entbehrungen im Zweiten Weltkrieg kamen Kunden hierher. Allerdings mussten diese ihre Handtücher und Briketts selbst mitbringen, um den Ofen für warmes Wasser anzuheizen. Die Kriegszeit war auch für Martha Keinath hart. Ihr Mann Karl wurde eingezogen und sie musste bis Ende des Krieges den Salon am Leben halten.

1957 kaufte das Ehepaar das Gebäude in der Bahnhofstraße/Ecke Curfeßstraße. Hier richtete es im Erdgeschoss den neuen Laden ein, in dem sich seit der Eröffnung im Jahr 1959 bis heute so gut wie nichts verändert hat. Die geschlungene Treppe, die zum Eingang führt, blieb ebenso unverändert wie die Einrichtung. Die Waschbecken und Trockenhauben in dem farbenfrohen, blumig-dekorierten Damengeschäft stammen noch aus den 50er-Jahren. Die Vorhänge, die die Kunden voneinander abschirmten, gibt es allerdings schon lange nicht mehr. Damals seien die Trennvorhänge hingegen ein absolutes Muss gewesen, sagt Margitta Keinath, Frau von Martin Keinath. Denn keine Dame wollte beim Frisieren beobachtet werden. Ein modernes Geschäft, in dem heute die Kunden zum Teil hinter Glas wie im Schaufenster sitzen, hätten die Frauen damals niemals betreten.

Haarschneidemaschine aus den 50ern

Setzen die heutigen Friseure bei der Eröffnung ihres Geschäft auf eine stylische Einrichtung, hat neben dem Damengeschäft auch der Herrensalon im Stil der 20er-Jahre im Keinath-Laden Seltenheitswert. Allein um dieses Schmuckstück zu bewundern, würden manche Kunden zum Teil auch von Bopfingen oder Schwäbisch Gmünd zu ihm kommen, sagt Martin Keinath, der stolz auf sein Inventar ist, zu dem auch alte Radios, ein Musikschrank mit Plattenspieler und eine Singer-Tischnähmaschine mit Fußantrieb gehören. Denn damit hebe sich der Laden von der Vielzahl an Nullachtfünfzehn-Einrichtungen ab.

Auf antiken Sesseln vor einem Frisiertisch aus Marmorplatten werden die Männer von dem Friseurmeister verschönert. Obwohl Keinath auch moderne Haarschneidemaschinen besitzt, greift er noch heute lieber zur Gelenkarm-Haarschneidemaschine mit dem Herstelleretikett „Müholos, Müller & Hoffman, Leipzig“ aus den 50er Jahren. Denn diese schneide einfach besser. Das Ergebnis können seine Kunden in nostalgischen Spiegelschränken aus Kirschholz bewundern.

Viele alte Kunden leider schon verstorben

Der 68-Jährige hat das Geschäft 1975 von seinen Eltern übernommen und hält heute noch mit aufgehängten Schriftstücken das Andenken an seinen Vater wach. Unter anderem zieren dessen Gesellenbrief aus dem Jahr 1933 und der Meisterbrief von 1940 in altdeutscher Schrift die Wand. Tatkräftig unterstützt wurde Martin Keinath von Anfang an von seiner Frau Margitta. Obwohl sie den Friseurberuf nie gelernt hat, half sie dabei, Farbe aufzutragen oder Kunden die Haare zu waschen.

Auch heute verbringt sie viel Zeit im Salon und plaudert gerne mit den Kunden. Viele von einst seien leider schon verstorben, aber einige wenige gebe es noch, die auch heute noch nach ehemaligen Mitarbeiterinnen wie der Hilde fragen, die hier 1954 ihre Ausbildung begann und bis 1972 gearbeitet hat, sagt Margitta Keinath.

Mit den Jungen kann locker mitgehalten werden

Ausgebildet wird im Salon Keinath schon lange niemand mehr. Auch die Anzahl an Mitarbeiterinnen habe sich im Laufe der Zeit reduziert. Heute arbeiten noch zwei Frauen im Laden. Unter anderem Gudrun Vaas, die seit 1971 hier beschäftigt ist und zum Inventar gehört. Zu ihren Kunden – die älteste ist übrigens 103 Jahre alt – zählen heute noch Frauen, die Vaas bereits Anfang der 70er-Jahre frisiert hat. Die 61-Jährige schätzt an der Arbeit bei Keinaths nach wie vor das Familiäre. Die Zeiten, in denen die Mutter von Martha Keinath die Mitarbeiterinnen am Samstag bekocht hat, weil diese durcharbeiten mussten, sind zwar vorbei, aber dennoch genieße man auch heute noch trotz weniger Stresses einen gemeinsam Kaffee im Aufenthaltsraum.

Mit der jüngeren Generation könne Vaas auch heute noch locker mithalten. Allerdings würden Strähnchen bei ihr nach wie vor nach der gelernten Methode von anno dazumal gemacht. Mit einer Folienhaube auf dem Kopf, werden bei der Kundin per Häkelnadel die einzelnen Strähnen herausgezogen, erzählt die 61-Jährige. Geändert hätten sich die Gewohnheiten und Wünsche der Kunden. „Kamen diese früher vor besonderen Anlässen zu uns, betreten diese heute nach Bedarf den Laden“, sagt Vaas. Auch die per Lockenwickler eingedrehte Dauerwelle und das aufwändig toupierte Haar seien heute passé. Vielmehr seien Waschen, Schneiden und Föhnen angesagt.

Wie lange die nostalgische Kasse noch klingelt, ist ungewiss

Die Flaute, die es in den vergangenen Jahren mitunter im Salon aufgrund der Lage gab, sei vorbei. Mit dem ZOB und dem Mercatura habe sich die Frequenz hier wieder erhöht. Und auch das Quartier am Stadtgarten werde wieder Leben in die Gegend bringen, sagt Margitta Keinath. Wie lange die Ladenkasse aus den 20er-Jahren mit dem Aufdruck des Herstellers „Hermann Kiehl, älteste Schreibkassenfabrik, Halle a. S.“ in dem Salon allerdings noch klingelt, sei ungewiss. Denn Margitta und Martin Keinath suchen altersbedingt schon seit längerer Zeit einen Nachmieter für den Laden. Am liebsten einen Friseur. Falls sich ein solcher nicht findet, sei das Ehepaar auch für andere Mieter offen. Auch wenn dadurch die Geschichte des Salons in der Bahnhofstraße/Ecke Curfeßstraße dann für immer endet.

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