Druck am Aalener Wohnungsmarkt ist gewaltig

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 1020 Wohnungsuchende verzeichnet die städtische Wohnungsbau aktuell. Der Markt sei sehr angespannt, sagt ihr Geschäftsführer Ro
1020 Wohnungsuchende verzeichnet die städtische Wohnungsbau aktuell. Der Markt sei sehr angespannt, sagt ihr Geschäftsführer Robert Ihl. (Foto: Archiv: Matthias Balk/dpa)

Die Situation ist angespannt, der Druck am Aalener Wohnungsmarkt gewaltig: Allein die städtische Wohnungsbau verzeichnet derzeit 1020 bei ihr registrierte Wohnungsuchende. Im Oktober waren es noch 800. Diese Zahlen hat der Geschäftsführer der Wohnungsbau Aalen, Robert Ihl, am Donnerstag im Ausschuss für Umwelt und Stadtentwicklung des Gemeinderats genannt.

Auf dem Tisch des Ausschusses lag der dritte Bericht zum Aalener Handlungsprogramm Wohnen, Ihl steuerte die aktuellen Entwicklungen und Erkenntnisse dazu bei. Von den 1020 bei der Wohnungsbau registrierten Suchenden seien über 50 Prozent in einer Einkommenssituation, „dass sie unsere Wohnungen im Bestand bezahlen können“. Was einen durchschnittlichen Mietpreis je Quadratmeter von sieben Euro mit Nebenkosten bedeute – oder ein Jahreseinkommen zwischen 18 000 und 20 000 Euro. Aktuell, so Ihl, liege der Kaltmietpreis der Wohnungsbau bei 5,35 Euro und damit 20 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete von 6,90 Euro. „Wir wirken mietpreisdämpfend“, sagte Ihl. Rein rechtlich könnte das städtische Tochterunternehmen insgesamt 220 000 Euro Miete mehr im Jahr einnehmen. „Für viele unserer Mieter wäre das aber fatal“, so Ihl.

Dass die Zahl der Wohnungsuchenden innerhalb kurzer Zeit so ansteigt, führte Ihl auf eine Vielzahl neuer Mitarbeiter in Firmen in Aalen und Umgebung und auf eine deutlich höhere Anzahl von Haushalten zurück. 20 bis 30 Prozent der Wohnungsuchenden seien Auswärtige.

5000 Arbeitsplätze mehr in Aalen

Zu Ihls Zahlen steuerte OB Thilo Rentschler diese Statistik bei: Im Zehnjahreszeitraum zwischen 2008/2009 und jetzt sei die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in Aalen von 30 000 auf 35 000 gestiegen. Wer in Aalen keinen Wohnraum finde, werde zum Pendler und stehe morgens im Stau, so der OB. Im gleichen Zeitraum habe die Zahl der Studenten an der Aalener Hochschule von 3800 auf 5800 zugenommen. Zähle man alle aktuell laufenden und projektierten Vorhaben im Wohnungsbau sowie das Potenzial an vorhandenen ausgewiesenen Bauplätzen zusammen, komme man auf eine Größe von 4000 bis 4500 Menschen, denen man damit innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre neuen Wohnraum bieten könne. Die Aalener Einwohnerzahl ist laut Rentschler allein im Zeitraum von 2017 bis 2018 um 560 Personen gestiegen.

Und wie Rentschler appellierte auch Ihl, bei den Anstrengungen für die Schaffung von Wohnraum nicht nachzulassen. Die städtische Wohnungsbau steuert dazu in den kommenden fünf bis acht Jahren 450 neue Wohnungen bei, was eine Vergrößerung ihrer Gesamtwohnfläche um 40 Prozent bedeutet. Und bei unverändert hohen Baupreisen einen gewaltigen finanziellen Kraftaufwand, wie Ihl deutlich machte. Der unter anderem nur dadurch zu stemmen sei, dass der Gemeinderat auch weiterhin auf eine Überschuss-Ausschüttung zugunsten der Stadt verzichte.

Ihl appellierte auch an alle anderen Bauträger in Aalen, alle zur Verfügung stehenden Fördermöglichkeiten, sowohl vom Land als auch von der Stadt, für den Bau von Sozialmietwohnungen auszuschöpfen. Die Wohnungsbau selber werde an ihrem Konzept 50-25-25 festhalten, also 50 Prozent ihrer neuen Wohnungen für den Verkauf, 25 Prozent als Miet- und 25 Prozent als Sozialmietwohnungen. Allein die von der Stadt aufgegleiste Möglichkeit für Wohnungseigentümer, Belegungsrechte für geförderten Wohnraum zu erwerben, ziehe nicht so richtig. Viele Wohnungsbesitzer scheuten das Risiko. Ihl schlug daher vor, das Modell dem des Ostalbkreises anzugleichen, der selbst als Mieter auftritt und auch die Risiken abdecke. Der sich aber auch, wie Rentschler ergänzte, immer noch darum bemühe, dass das Land diese Risikoabdeckung mit finanziert. Wenn die Stadt dieses Modell anwende, „brauchen wir das auch“, so der OB.

Zwei „absolute Albträume“

SPD-Fraktionsvorsitzende Senta D’Onofrio zählte zwei „absolute Albträume“ am Aalener Wohnungsmarkt derzeit auf: Kündigung wegen Eigenbedarfs, weil das Haus oder die Mietwohnung verkauft würden, und die Aufforderung des Jobcenters, binnen sechs Monaten eine günstigere Wohnung zu finden. Beides löse große Not aus, denn die Wohnungssuche verlaufe meist erfolglos. „Das Programm, das wir haben, ist wunderbar, aber es reicht schlicht und einfach nicht“, sagte D’Onofrio und plädierte wie Ihl dafür, dass die Stadt einen Anreiz für die Besitzer leer stehender Wohnungen dadurch schaffe, indem sie selbst als Mieter und Zwischenfinanzierer auftrete.

In Aalen gebe es die, die zuziehen und sich alles leisten könnten, und die, die schon in der Stadt wohnten und sich nichts leisten könnten, verdeutlichte Hedwig Wunderlich (Grüne) die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich. Auch sie war dafür, dass sich die Stadt dem Modell des Pakts für günstigen Wohnraum des Ostalbkreises anschließt.

Die in der Diskussion von D’Onofrio aufgebrachte Frage, wie sich eigentlich bezahlbarer Wohnraum definiere, beantwortete Ihl mit dem Hinweis, für die Wohnungsbau heiße das eine Belastung zwischen 30 und 35 Prozent des verfügbaren Einkommmens. Und hinter den 1020 Wohnungsuchenden, so die Antwort auf eine Frage von Holger Fiedler (Die Linke/Pro Aalen), würde sich die ganze Bandbreite der Bevölkerung verbergen: von Singles bis zur mehrköpfigen Familie. OB Rentschler schließlich plädierte dafür, den gesamten „Instrumentenkasten“ beim Thema Wohnraum nachzuschärfen. Für ihn gehöre dazu auch, sich mit einer zunehmenden Vermietung von Wohnungen als Ferienwohnungen zu beschäftigen.

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