Der schlaueste Bürger der Stadt: Aalen und sein Spion

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Vom historischen Rathaus aus überblickt der Aalener Spion die Stadt. So wacht der Schlaueste Aalener noch heute über die Bürger. (Foto: Stadt Aalen)

Staaten haben Geheimdienste, das ist etwas völlig Normales. Aber eine Stadt, die ihren eigenen Spion hat? Da muss man schon auf die Ostalb, nach Aalen, fahren, um diesem sicher einmaligen Umstand auf die Spur zu kommen. Und es kommt noch besser: Aalen hat sogar einen Spion, den man sich buchstäblich auch ganz genüsslich auf der Zunge zergehen lassen kann.

Die Geschichte vom Aalener Spion – oder doch nur die Sage? – ist relativ schnell erzählt: Einst, als Aalen noch zu den freien Reichsstädten zählte, war der Kaiser über die Stadt sehr erzürnt, weil sie es gewagt hatte, sich ihm zu widersetzen. Schon war er mit einem Heer bis Schwäbisch Gmünd herangerückt, um der Befolgung seiner Befehle mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen.

Die Bürger von Aalen bekamen große Angst, denn es bestand kein Zweifel, dass es der Kaiser ernst meinte, und die Aalener Stadtmauer war nicht gerade in bestem Zustand. So beschloss man, einen Mitbürger zur Erkundung des feindlichen Lagers auszuschicken.

Erschrecket net, ihr hohe Herra, i will bloß gucka, wie viel Kanona ond anders Kriegszeug ihr hent. I ben nämlich dr Schpion von Aala.

Der Spion

Für diesen Auftrag kam natürlich nur der Schlaueste und Pfiffigste infrage, den man, stadtbekannt wie er war, auch bald gefunden hatte. Der zog mutig nach Schwäbisch Gmünd. Unbemerkt von den kaiserlichen Wachtposten konnte sich der Aalener in das feindliche Lager einschleichen und erkannte sofort den Kaiser inmitten seiner Ritter.

Er zog seinen Hut und sagte treuherzig: „Erschrecket net, ihr hohe Herra, i will bloß gucka, wie viel Kanona ond anders Kriegszeug ihr hent. I ben nämlich dr Schpion von Aala.“ Der Kaiser und sein Gefolge waren zuerst recht verblüfft über die Offenheit des Aalener Kundschafters, lachten dann aber über so viel Unverfrorenheit und gespielte Einfalt.

Der Kaiser führte den wackeren Aalener, der seinen Auftrag auf so originelle Weise ausgeführt hatte, durch das Lager. Und er wurde festlich bewirtet. Der Kaiser beschenkte den Spion reichlich und teilte den Aalenern in einem Brief mit, dass er mit solch tapferen und klugen Leuten gern in Frieden leben und den Stadtvätern verzeihen wolle. Bald darauf zog er mit seinem Heer ab. Darüber herrschte in Aalen große Freude, und der mutige Mitbürger, fortan „Aalener Spion“ genannt, wurde hoch geachtet.

Der Spion wacht über die Stadt

Und die Aalener haben ihrem Spion aus Dankbarkeit ein weithin sichtbares Denkmal gesetzt. Wer in der ehemaligen Reichsstadt zum Türmchen des alten Rathauses hochschaut, der sieht dort den Kopf eines bärtigen Mannes mit einer Pfeife im Mund mit verschmitztem Blick herunterlächeln und sich hin- und herdrehen. Der Kopf ist ein Geschenk der befreundeten ehemaligen Reichsstadt Nürnberg nach der schweren Brandkatastrophe in Aalen im Jahre 1634.

Vermutlich war er einst Teil eines Uhrwerks und als eine Art Stadtwächter gedacht. Seine heutige Bedeutung, nämlich als Aalener Spion, erhielt der Kopf mutmaßlich erst im 19. Jahrhundert. Und als solcher wacht er bis heute von seiner hohen Warte aus jahrein, jahraus unentwegt über die Stadt Aalen, für die er längst zu einem Wahrzeichen im ganzen Land geworden ist.

Vom Pfeifle ein Pfeifle

Deshalb war es für gestandene Aalener fast so etwas wie eine „nationale Katastrophe“, als eines Tages der Spion seine Pfeife verloren hat. Das geschah irgendwann in den 1980er-Jahren in einer stürmischen Nacht über Aalen.

Und alles Suchen nach der Pfeife blieb zunächst erfolglos. Erst als der damalige Oberbügermeister – nomen est omen – Ulrich Pfeifle mehrere öffentliche Aufrufe an potenzielle Finder gestartet hatte, fand sich die Pfeife des Spions ein: auf einem Heizkörper im Foyer des neuen Rathauses liegend.

+++Aus den Augen des Spions blicken+++

Die frohe Kunde verbreitete sich rasend schnell im Städtchen. Und so verwunderte es nicht, dass sich einige Tage später Hunderte Aalener auf dem Marktplatz einfanden, um einem nicht alltäglichen Schauspiel beizuwohnen: Im Korb der Drehleiter der Feuerwehr schwebte der OB empor, und so steckte – sehr zum Gaudium des Publikums – der Pfeifle dem Spion wieder sein Pfeifle in den Mund.

2013 schließlich wurde der Spionkopf samt Türmchen „runderneuert“ und das Aalener Wahrzeichen bekam von der Stadt sogar eine neue Pfeife spendiert, weil von der alten, einst wiedergefundenen nur noch das Mundstück übrig war.

Süße Spione

Es gibt aber noch ein zweites „Denkmal“ für den Spion: Feinschmelzende Zartbitterschokolade, eine fluffige Nussnougatcreme und ein hauchdünner Marzipanmakronenboden sorgen als „Aalener Spionle“ für eine regelrechte Geschmacksexplosion auf der Zunge. Das Dessert der Traditionskonditorei Ammann am Aalener Marktplatz erfreut nicht nur heimische Schokoladenliebhaber, sondern ist das Mitbringsel aus Aalen schlechthin.

Mit dem Konterfei des Aalener Spions transportiert es seine Geschichte in alle Welt. Erfunden hat die süße Köstlichkeit bereits 1925 der damalige Inhaber der Konditorei, Alfons Hermann, der vermutlich beim Blick aus seinem Backstubenfenster immer wieder den Spion im gegenüberliegenden Rathausturm sah und irgendwann auf die Idee kam, dem gewitzten Mann mit der Pfeife ein süßes Denkmal zu setzen.

Bäcker in der Konditorei Ammann
In der Konditorei Ammann herrscht in der Weihnachtszeit Hochbetrieb. Neben Lebkuchen und Bredla stellt Harry Ulrich täglich Tausende Spionle nach einem Geheimrezept her. (Foto: Peter Schlipf)

Aber erst durch Hermanns Nachfolger Hans Ammann gelangte die Köstlichkeit zu Ruhm und Ehre. Ammann verfeinerte das Rezept und mit einigen geheimen Zutaten wurden die Spionle zu dem Gaumenschmaus, der er noch heute ist.

1987 übernahm Harry Ulrich die Konditorei und auch er bewahrt dieses Geheimnis bis heute. Mehrere hundert Spionle gehen täglich über die Ladentheke. In der Weihnachtszeit werden gar an die 1000 Exemplare täglich in der Backstube herstellt, um die große Nachfrage bedienen zu können.

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