Der Leserbrief-Karle kann nicht ruhig bleiben

Leserbriefe zu schreiben und auf diese Weise seine Meinung und die der Bürger kundzutun, hat sich Karl Maier auf die Fahne geschrieben. Seine Werke, in denen er Missstände im Lokalen, aber auch überregional anprangert, bringt er von Hand zu Papier. Diese werden auch regelmäßig in den „Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung“ abgedruckt. (Foto: Daria Meidert)
Redakteurin Aalen

Er ist in 15 Unterkochener Vereinen Mitglied, fährt leidenschaftlich gerne Fahrrad und sammelt Steiff-Tiere. Vor sieben Jahren hat ihn ein weiteres Hobby gepackt: das Schreiben von Leserbriefen. 149 an der Zahl hat er mittlerweile verfasst. Der 150. ist im Entstehen. Die Rede ist von Karl Maier, ehemaliger Ortsvorsteher von Unterkochen.

Einen Computer besitzt der 84-Jährige nicht. Auch während seiner aktiven Zeit als Ortsvorsteher des Aalener Stadtbezirks, der er von 1989 bis 2014 war, habe er zig Grußworte ausschließlich von Hand verfasst. Von Hand und in Blockschrift geschrieben sind auch seine Leserbriefe, die in regelmäßigen Abständen bei den „Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung“ ankommen.

Immer, wenn es Karl Maier in den Fingern juckt, greift er zum karierten Block und zum Kugelschreiber. Nach einem groben Konzept über Themen, die ihn bewegen, bringe er alles feinsäuberlich im Stile einer Erörterung und mit der Reihenfolge Einleitung, Hauptteil und Schlussbemerkung in Form. Per E-Mail landen seine Werke dann in der Mailbox der Aalener Redaktion. Abgesandt werden diese von seinem Neffen, der neben seinem Beruf als Industriekaufmann quasi als Ghostverschicker fungiert.

Sage und schreibe 149 Leserbriefe hat der 84-Jährige in den vergangenen sieben Jahren zu Papier gebracht. Nicht zuletzt deshalb hat er sich als Leserbrief-Karle, wie er vor einigen Jahren in einer Büttenrede auf der Prunksitzung der Unterkochener Bärenfanger betitelt wurde, einen Namen gemacht.

Erfrischt den Geist

Daran, dass sich der Unterkochener regelmäßig an den Schreibtisch setzt und seine Meinung schriftlich kundtut, habe sich auch seine Frau Erika gewöhnt. An manchen Tagen würde sie aber auch über seine Leidenschaft und den einen oder anderen Inhalt schnaufen.

Das Schreiben von Leserbriefen hält den Geist wach, sagt Karl Maier. Immerhin sei er nicht mehr der Jüngste und müsse sich neben seiner sportlichen Aktivität – zweimal in der Woche schwingt er sich aufs Fahrrad und an den anderen Tagen auf seinen Ergometer – geistig fit halten.

Hart in der Sache, verbindlich im Ton.

Karl Maier

Diese Intention sei aber zweitrangig. Vielmehr gehe es ihm darum, Missstände aufzuzeigen und das kundzutun, was den Bürgern sauer aufstößt. Maier denkt unter anderem an die Klinikdebatte. „Wenn ich lese, dass der Ellwanger OB Michael Dambacher den Aalener OB Frederick Brütting als asozial bezeichnet, ist das unter der Gürtellinie und ehrverletzend“, sagt der Unterkochener, für den seit eh und je der Leitspruch „Hart in der Sache, verbindlich im Ton“ gegolten habe. Sowohl in seiner Arbeit in der Kommunalpolitik als auch in der Gewerkschaft.

35 Jahre lang war der Sozialdemokrat im Gemeinderat, 30 Jahre im Kreistag und 43 Jahre im Ortschaftsrat Unterkochen, 25 Jahre war er Ortsvorseher von Unterkochen. Von 1982 bis zu seinem Ruhestand war er Erster Bevollmächtigter der IG-Metall in Heidenheim.

Zuvor übte er dort elf Jahre das Amt des Zweiten Bevollmächtigten aus. Und in allen Ämtern sei es ihm stets wichtig gewesen, den Draht zu den Bürgern zu halten und sich für deren Belange einzusetzen. Und genau dieses Ziel verfolge er auch mit seinen Leserbriefen, in denen er das kundtue, was ihnen auf der Seele brennt und bei denen seine soziale Ader durchschlage.

Und der Zuspruch sei groß. Vielen Bürgern, die sich nach wie vor mit ihren Sorgen bei ihm melden, würde er mit seinen Stellungnahmen aus dem Herzen sprechen.

Bei dem Krieg in der Ukraine kann es nur Verlierer geben.

Karl Maier

Die meisten Leserbriefe würden sich um lokale Themen drehen, sagt Maier und denkt an das Hickhack um die Schättere-Trasse oder die Planungen zum Albaufstieg auf die A7. Seit geraumer Zeit äußert sich der 84-Jährige aber auch mit Blick auf überregionale Themen.

Denn für ihn sei es auch wichtig, über den Gartenzaun des kommunalpolitischen Geschehens zu schauen. So würde ihn derzeit das Thema Ukraine-Krieg umtreiben. Angesichts dessen würden Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wach und daran, dass sein Vater bis 1946 in Kriegsgefangenschaft war und sein Onkel ins Konzentrationslager auf den Heuberg deportiert wurde.

„Bei dem Krieg in der Ukraine kann es nur Verlierer geben“, sagt Maier, der auch den verstärkten Waffenlieferungen skeptisch gegenüberseht. „Mit diesen gibt es nur mehr Tote und immer mehr Infrastruktur in dem Land wird zerstört.“

Vor wenigen Tagen hat Maier einen offenen Brief verfasst, den er auch den „Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung“ zukommen ließ. In diesem prangert er das Verhalten des ukrainischen Botschafters und Diplomaten Andrij Melnyk an, der „mit seinen böswilligen, überzogenen Attacken“ sowohl Bundesregierung, Politiker und damit auch die Bürger beleidigt habe. Diesen Brief hat Maier mitsamt einer Ostalb-Blutwurst auch an Melnyk versandt.

Derzeit verfasst Maier seinen 150. Leserbrief. Dieser wird sich auch mit einem überregionalen Thema beschäftigen. Und zwar mit dem geplanten Wechsel von Robert Lewandowski vom FC Bayern München zum FC Barcelona. In diesem möchte Maier unter anderem den Verdienst des Spitzensportlers anprangern. „Der verdient 23 Millionen Euro im Jahr, also am Tag umgerechnet 63 000 Euro. Für so ein Gehalt muss ein Facharbeiter das ganze Jahr über schuften“, kritisiert der 84-Jährige.

Mit dem Schreiben von Leserbriefen wird Karl Maier nicht aufhören. „Solange ich der Auffassung bin, dass etwas nicht richtig ist oder aus dem Ruder läuft, werde ich meine Stimme erheben.“

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