„Chemnitz kann morgen schon hier sein“

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Antikriegstag in Aalen: Rund 120 Besucher haben die Kundgebung mit emotionalen Reden mitverfolgt. Betriebsseelsorger Rolf Siedl
Antikriegstag in Aalen: Rund 120 Besucher haben die Kundgebung mit emotionalen Reden mitverfolgt. Betriebsseelsorger Rolf Siedler hatte den Antikriegstag musikalisch mitgestaltet. (Foto: Lehmann)
Freier Mitarbeiter

Eine Erinnerung an die über 80 Millionen Toten der beiden Weltkriege und ein aktueller Appell gegen Fremdenhass und Rassismus angesichts der Vorgänge in Chemnitz ist der Antikriegstag vor dem Aalener Rathaus gewesen. „Nie wieder Krieg! Abrüsten statt Aufrüsten! Gegen Hass, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus!“, so hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund den 1957 noch unter dem Eindruck der Tragödie des Zweiten Weltkriegs eingeführten Antikriegstag überschrieben.

Etwa 120 Besucher hatten die Kundgebung mit emotionalen und eindringlichen Reden im Fokus mitverfolgt.

Richter: Die Stimme erheben

Am 1. September jährte sich der Überfall der Wehrmacht auf Polen zum 79. Mal. Pfarrer Bernhard Richter hatte auch an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und an den Beginn des Dreißigjährigen Kriegs im Mai vor 400 Jahren erinnert und dabei gefragt, ob man sich denn angesichts dieser vergangenen Kriege das Wochenende „verderben“ lassen und sich den Kopf über Dinge aus der Vergangenheit den Kopf zerbrechen sollte. Richter beantwortete diese Frage denn auch gleich: Angesichts der aktuellen Kriege und auch wegen zunehmender Fremdenfeindlichkeit und des zutage tretenden Rassismus’ sei es wichtiger denn je, die Stimme zu erheben. Auch angesichts der Gewalt und der Demonstrationen in Chemnitz. Selbstverständlich müssten straffällige Flüchtlinge zur Verantwortung gezogen werden und das Land verlassen, sagte Richter weiter. Keinesfalls dürfe aber aus solchen Geschehnissen heraus eine rassistische Bewegung entstehen.

„Hetzjagd ist ein Verbrechen“

Darauf war auch der DGB-Kreisvorsitzende Josef Mischko eingegangen: „Die Hetzjagd auf Migranten in Chemnitz ist keine verzeihliche Sünde, sondern ein rassistisches Verbrechen“. Wer meine, dass Rechtsextremismus und rechtsradikale Gewalt allein ostdeutsche Phänomene seien, „der irrt gewaltig.“ Chemnitz könne schon morgen hier im Ostalbkreis sein. Und laut dem Polizeipräsidium Aalen sei der Nachbarkreis, der Rems-Murr-Kreis, ein Schwerpunkt von rechten Straftaten. Angesichts der Kommunal- und Europawahlen im kommenden Jahr müsse man alles dafür tun, so Mischko, dass die Rechtspopulisten ihre Mandate nicht ausbauen und in die Parlamente einziehen könnten. Rassisten hätten in demokratischen Parlamenten nichts verloren, genau so wenig wie in Betrieben und Verwaltungen.

Geld für Waffen fehlt woanders

Mischko bezog auch Stellung gegen die geplante Verdoppelung der Rüstungsausgaben mit deutschen Steuergeldern. Das sei der „pure Wahnsinn“ und bedeute immer weniger Geld etwa für bezahlbare Wohnungen, Rente, Gesundheit, Pflege, Umwelt. Entschieden positionierte er sich auch gegen deutsche Rüstungsexporte. Der völkerrechtswidrige Einmarsch türkischer Soldaten nach Syrien mithilfe deutscher Leopard-Panzer mache die Folgen von Rüstungsexporten deutlich.

Der katholische Betriebsseelsorger Rolf Siedler hatte den Antikriegstag musikalisch mitgestaltet. Unter anderem mit einem tief ergreifenden Lied über einen Soldatenfriedhof, das vom Kriegstod eines erst 18-jährigen Soldaten handelt.

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