Brigitte stellt sich echte Fragen

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Arndt (Daniel Kozian) und Brigitte (Alice Katharina Schmidt) – noch wissen beide nicht, welchen Hype sie auslösen werden. (Foto: M. Diemer)
Schwäbische Zeitung
Herbert Kullmann

Am Samstagabend ist auf der Bühne im Wi.Z Katja Hensels Stück „Ja, Brigitte! Ja! Ja! Ja!“ uraufgeführt worden. Angelehnt an Friedrich Schiller lässt sich vorab feststellen: Die Autorin kennt ihre Pappenheimer. Als Berlinerin sicher besser als alle anderen, weiß sie doch, wie die hippe Cappuccino-Bio-Revoluzzer-Szene tickt.

Wird eine Sache richtig trendy, zieht man mit. Bei Brigitte beginnt es mit der Trennung von Arndt und aus Unachtsamkeit: In einer Bank fällt ihr Geld zu Boden, die Szene findet sich bei You Tube. Brigitte wird wider Willen zur Projektionsfläche der Antifinanzmarktbewegung. Eine Entwicklung kommt in Gang, so konsequent wie erschreckend. Der Hype hebt Brigitte aufs Schild, schräge Medienleute zerren sie in Sendeanstalten, stellen Fragen, geben die Antworten selbst.

Brigitte begreift nicht, trauert weiter um ihre verflossene Liebe Arndt, dem sie zu spießig war. Werbung, Medien, Politik machen sie zu ihrer Ikone. Die kleine Schwester von Rosa Luxemburg, die deutsche Antwort auf Che Guevara wird sie von der „Bewegung“ genannt, ekstatisch umtanzt wie einst das Goldene Kalb. Konsum wird verweigert, das Geld auf die Straße geworfen, Beziehungen erodieren - das Leben als entfesselter Rausch.

Nur Brigitte beginnt angesichts dessen echte Fragen zu stellen. Ihr ernstgemeinter Aufruf zum tatsächlichen Widerstand gegen die Finanzmärkte verdirbt der Szene jedoch den Spaß. So schnell das Ganze begann, endet es. Die Bewegung zieht weiter zur nächsten Party.

Mit Hilfe der fabelhaft agierenden Schauspieler Alice Katharina Schmidt (Brigitte), Ramona Suresh, Susanne Lemke, Daniel Kozian und Arwid Klaws (alle spielen mehrere Rollen) zeigt Katja Hensel, wie zerstörerische Tendenzen eine Gesellschaft okkupieren. Der Kontrast von Anspruch und Wirklichkeit offenbart die Banalität wie substanzlose Beliebigkeit der hippen Szene, die als Rückseite des entfesselten Finanzmarktes entpuppt. Deshalb inszeniert Regisseurin Katja L. Leinenweber konsequent das Stück mit reichlich hintersinnigem Spott.

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