Billy Balle war eine Legende: Er hat den Jazz nach Aalen geholt

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Jürgen „Billy“ Balle in seinen besten Zeiten. Der Wirt des Löwenclubs und Jazzliebhaber war immer gut drauf.
Jürgen „Billy“ Balle in seinen besten Zeiten. Der Wirt des Löwenclubs und Jazzliebhaber war immer gut drauf. (Foto: privat)
Redakteurin/DigitAalen

Aalen - Für die älteren Aalener und die Jazzfreunde in der Region ist er eine Institution gewesen. „Er hat den Jazz nach Aalen geholt und war Mitte der 70er bis Mitte der 80er der Papst des Löwenclubs.“ Mit diesen Worten beschreibt der Aalener Musiker Manfred Schiegl den einstigen Wirt der Traditionsgaststätte in der Galgenbergstraße, Jürgen „Billy“ Balle. Am 10. Juli ist dieser nach langer und schwerer Krankheit fünf Tage vor seinem 70. Geburtstag verstorben.

Die Jazz-Sessions, die Balle veranstaltet hat, waren legendär, sagt Manfred Schiegl, der während der Ära des LC-Wirtes häufig mit seinem gleichnamigen Quartett etliche Gigs im Löwenclub (LC) hat. „Hier war immer etwas los und die Atmosphäre war einfach toll“, sagt der 77-jährige Kammermusiker. Als gut drauf und als sehr musikinteressiert beschreibt Schiegl den Gastronomen, der ein Verfechter von guter, handgemachter Musik gewesen sei, und erinnert sich etwa an Auftritte von Mitgliedern des Südfunk-Tanzorchesters Erwin Lehn. „Zu Billy konnte man zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen“, sagt Schiegl und denkt an einen Neujahrsmorgen, als er nach einem Silvester-Auftritt in Reutlingen an die Tür des LC-Wirts geklopft und dieser ihm und seinen Musikern daraufhin noch schnell ein Frühstück gemacht habe.

Ein regelmäßiger Besucher der Konzerte im LC war auch der 74-jährige Aalener Jürgen Ziegelbauer. Er schätzte den LC-Wirt mit seiner angenehmen, witzigen Art sehr, der auch gegenüber seinen Mitarbeitern immer anständig und fair gewesen sei. Sein Lokal sei stets eine zuverlässige Adresse gewesen. Hier seien Jazzfreunde auf ihre Kosten gekommen – lange bevor das Aalener Jazzfestival und die Jazzlights in Oberkochen aus der Taufe gehoben wurden und es die Jazz-Jam-Sessions im Bottich gab.

Dass Balle sehr gut in der Jazzszene vernetzt gewesen sei, weiß auch Albrecht Barth. Das LC betrieb der Wirt zu Zeiten, als Barths Vater Eberhard noch Chef der Aalener Löwenbrauerei war. Er selbst war damals noch ein junger Bursche, der sich aber noch an Auftritte hochkarätiger Musiker wie den Schweizer Jazz-Schlagzeuger Charly Antolini erinnern kann.

„Spiritus rector“ der Jazz-Szene

Für Artur Elmer, Vorsitzender des Aalener Kunstvereins, ist Balle der „spiritus rector“ der Jazz-Szene gewesen, der internationale Stars nach Aalen geholt habe. Er habe aber nicht nur Hochkarätern eine Plattform geboten, sondern auch Amateurmusikern. Auch Elmer trat mehrmals mit seiner Band Skateboard, in der er den Kontrabass spielte, im Löwenclub auf und stellte hier auch seine Bilder aus, von denen einige heute im Bottich hängen.

Nachdem Balle als Pächter des LCs einen Schlussstrich gezogen hat, hat er gemeinsam mit seiner Frau Tina von 1984 bis 1989 den „Fenstergucker“ in der Stadelgasse (heute das griechische Lokal Dionysos) geführt, weiß Gerhard Krehlik, Mitarbeiter der Aalener Nachrichten und selbst eingefleischter Jazz-Fan. „Im Erdgeschoss haben wir eine Crêperie und in den Obergeschossen ein Weinlokal betrieben“, erzählt Balles ehemalige Frau, die ihn im LC kennen gelernt und ihm fortan hier zur Seite gestanden hat. 1986 haben die beiden geheiratet, im selben Jahr kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Mitte der 80er Jahre hat Balle auch bei den Oschtalb Ruassgugga mitgewirkt und vor seiner Zeit als LC-Wirt ist er vielen auch heute noch als Gastronom der Kneipe „Jim & Jules“ in Lauterburg ein Begriff.

1990 hat Balle Aalen verlassen, besuchte allerdings immer wieder seine heute noch in der Kreisstadt lebende Mutter. Einige Zeit hat er in Würzburg gelebt und auch hier eine Jazzszene aufgebaut, erinnert sich seine ehemalige Ehefrau Tina. Anschließend lebte er in Sankt Michael am Katschberg in Österreich, drei Jahre lang war er auch auf Teneriffa. Vor 14 Jahren ist Balle schließlich in Reit im Winkl im oberbayerischen Landkreis Traunstein sesshaft geworden. Hier erfüllte er sich mit seiner Lebensgefährtin einen großen Traum und führte gemeinsam mit ihr eine Musikagentur, erzählt seine Ex-Frau Tina. „Musik war bis zum Schluss sein Leben. Und alles, was er machte, tat er mit großer Leidenschaft“, sagt die Aalenerin, die Billy als Mensch immer sehr geschätzt habe. Wegen ihrer gemeinsamen Tochter hatten sie bis zum Schluss auch noch Kontakt. Nach langer und schwerer Krankheit starb Balle fünf Tage vor seinem 70. Geburtstag. Die Seebestattung des Verstorbenen, der als 18-Jähriger eine vierjährige Ausbildung als Funker bei der Gorch Fock absolviert hat, findet im engsten Familienkreis statt.

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