Beim Oettinger-Englisch tobt der Saal

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Schwäbische Zeitung
Online-Redakteurin

Es geht nicht darum, perfekt zu sein, es geht darum, authentisch zu sein.“ Diese Botschaft von Thomas Maile hat am Samstagabend wohl den Gedanken der gesamten Pecha-Kucha-Bewegung zusammengefasst. Im Alten Postamt in Aalen fand das erste deutschsprachige Pecha-Kucha-Treffen statt. Aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich und Tokyo, kamen Anhänger, um sich vor Publikum zu präsentieren. Sogar die beiden Gründer, die Architekten Astrid Klein und Mark Dytham, reisten aus Tokyo an. Erster Bürgermeister Wolfgang Steidle gab zudem sein Pecha-Kucha-Debüt.

Pecha Kucha heißt übersetzt so viel wie „Stimmengewirr“ oder „wirres Geplapper“. Es handelt sich dabei um eine einfache Präsentationsform, bei der 20 Folien für jeweils 20 Sekunden zu sehen sind. Knapp, prägnant und präzise sollen die Vorträge sein. Das Thema war in Aalen völlig frei, ähnlich wie beim historischen Speaker’s Corner in London. Weltweit gibt es ähnliche Veranstaltungen in über 900 Städten. Es wird grundsätzlich kein Eintritt verlangt und niemand erhält ein Honorar. Und das wollten unzählige Gäste nicht verpassen: „Wir sind wirklich an der Grenze. Mehr geht nicht mehr rein“, verkündete die Gastwirtin, bevor es losging.

Die Stimmung heizte sich im Laufe der insgesamt elf – vornehmlich auf Englisch gehaltenen – Reden immer weiter auf. Am Ende, als Maile sprach, war das Publikum ganz aus dem Häuschen. Maile, Polizeibeamter beim Polizeipräsidium Aalen, hatte das Treffen im Alten Postamt organisiert. In Aalen finden seit 2009 regelmäßig Pecha-Kucha-Abende mit Mitstreitern aus der Umgebung statt. „Aalen is the center of the world tonight“ („Aalen ist heute Abend das Zentrum der Welt“), sagte Mitgründer Dytham zu Beginn. Zusammen mit Klein referierte er über die besondere Architektur in Japan und die eigenen Arbeiten, aber auch über die Idee hinter Pecha Kucha. Erheiternd die Feststellung von Klein: „Das ist die Veranstaltung, die niemand aussprechen kann, deshalb erinnert sich jeder daran.“

Zuvor hatte die Tochter von deutschen Eltern noch erklärt, was ihrer Meinung nach das Ziel der Pecha-Kucha-Treffen ist: „die Gemeinschaft in jeder Stadt zusammenzubringen und Leute kennenzulernen“. Kleine Städte seien dafür am passendsten, denn „dort sind solche Veranstaltungen am dynamischsten“.

Anschließend gab Wolfgang Steidle sein Pecha-Kucha-Debüt. Aalens Baubürgermeister referierte – wie sollte es anders sein – über Aalen als „Stadt mit Tradition – Stadt im Aufbruch“. In 400 Sekunden, so die Vorschrift, brach er die aktuellen Bauvorgänge und -vorhaben in „Boomtown City“ herunter. Humorvoll und auf den Punkt, wenn auch etwas atemlos, schlug sich Steidle dabei sehr gut. „Wir haben die glücklichsten Menschen in Deutschland“, behauptete er mit einem Augenzwinkern. „Das hat kürzlich der Spiegel geschrieben.“

Schließlich präsentierten Sprecher aus Erfurt, Erlangen, Böbingen, Nürnberg, Schorndorf, Salzburg und Aalen dem Publikum ihre Städte, ihre Reiseziele und ihre Erlebnisse. So erfuhren die Zuhörer innerhalb kürzester Zeit allerhand Wissenswertes, etwa, dass Bernd das Brot und Clueso aus Erfurt kommen, dass das mp3-Format in Erlangen am Fraunhofer Institut erfunden wurde, dass Computerspiele die Seele heilen können und dass selbstfahrende Elektroautos nicht mehr aufzuhalten sind.

Dann trat Maile auf die Bühne. Auch er wählte als Sprache Englisch, auch, wenn sich die charmante Moderatorin Gerburg Maria Müller vehement dagegen wehrte. „Sprichst du jetzt dein Oettinger-Englisch“, witzelte sie und Maile bestätigte grinsend. Dann überraschte er das Publikum mit seiner Feststellung: „Authentic is the new perfect.“ („Authentisch ist das neue perfekt.“) Er verglich seine Entscheidung, vor Publikum Englisch zu sprechen, mit den Japanern, die Karaoke singen, ohne irgendeine Scham dabei zu empfinden – ganz im Gegensatz zu den Deutschen. „Es geht einfach darum, Spaß zu haben“, sagte Maile. Das Publikum johlte und klatschte während seines Vortrags derart, dass er sich sputen musste, die 20 mal 20 Sekunden einzuhalten.

Die Band „We Are“, eine talentierte Gruppe aus drei jungen Frauen, unterhielt vor, zwischen und nach den Präsentationen mit modernen Popsongs.

Pecha Kucha in Aalen

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