74-Jähriger muss in die Psychiatrie

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Den 74-Jährigen, der wegen versuchten Totschlags angeklagt war, hat die Ellwanger Schwurgerichtskammer dauerhaft in die Psychia
Den 74-Jährigen, der wegen versuchten Totschlags angeklagt war, hat die Ellwanger Schwurgerichtskammer dauerhaft in die Psychiatrie geschickt. (Foto: Archiv- Peter Steffen / dpa)
Schwäbische Zeitung
Josef Schneider

In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Nach diesem Grundsatz hat die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen am Dienstag einen 74-jährigen Rentner aus Aalen wegen Schuldunfähigkeit vom Vorwurf des versuchten Totschlags sowie der versuchten Körperverletzung und Bedrohung in zwei Fällen freigesprochen. Wegen seiner Gefahr für die Allgemeinheit muss er jedoch in die Psychiatrie.

Der psychisch Kranke hatte am 2. Dezember vergangenen Jahres im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses in Wasseralfingen im Wodkarausch seine 46-jährige, türkischstämmige Nachbarin im Beisein ihrer damals zwölf und 13 Jahre alten Töchter mit einem Beil bedroht. Nur durch das Einschreiten ihres Ehemannes konnte Schlimmeres verhindert werden (wir berichteten). Die Frau blieb unverletzt. Die beiden Kinder sind durch die Tat immer noch traumatisiert. Bei der späteren Blutentnahme im Ostalb-Klinikum in Aalen wurde der aus Kasachstan stammende, deutsche Angeklagte gegenüber zwei Polizisten ausfällig. So war von „Gurgel durchschneiden“ die Rede.

Sachverhalt bleibt offen

„Wir haben den Angeklagten freigesprochen, weil er aus unserer Sicht schuldunfähig ist“, begründete der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer, Gerhard Ilg, das Urteil mit Blick auf einen gänzlichen Ausschluss der Steuerungsfähigkeit. Der Angeklagte, der seit geraumer Zeit mit der Nachbarfamilie in Streit gelegen sei und immer wieder eine ausländerfeindliche Note eingebracht habe, sei aber gefährlich für die Allgemeinheit, weshalb die Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet wurde. Bei der angeklagten Tat in Bezug auf die Nachbarin ging die Kammer nur von einer Drohung aus. Letztendlich müsse aber der Sachverhalt offenbleiben, so Ilg. Man müsse die Gesellschaft jedoch für die Zukunft schützen vor weiteren Straftaten des Angeklagten infolge seiner nicht heilbaren Erkrankung. „Der Patient wird sich eine gewisse Zeit in der geschlossenen Abteilung in Bad Schussenried befinden und irgendwann mal für den Rest seines Lebens einen Platz in einer geschützten Einrichtung finden“, sagte Richter Ilg.

Erster Staatsanwalt Martin Hengstler hingegen hatte in seinem Plädoyer wegen versuchten Totschlags sowie versuchter Körperverletzung in Tateinheit mit Bedrohung in zwei Fällen eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten gefordert. Dabei bejahte er bei dem Angeklagten eine verminderte Schuldfähigkeit und forderte eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Vor der Unterbringung indes sollten zwei Jahre und sechs Monate der Strafe im Gefängnis vorwegvollzogen werden.

„Axt an die Menschenwürde gelegt“

Seine vier Vorstrafen wegen Beleidigung, Bedrohung, Hausfriedensbruch und Körperverletzung sowie seine ausländerfeindliche Motivation sprächen gegen den Angeklagten, sagte Hengstler. Zu Beginn seiner Ausführungen hatte der Staatsanwalt das Grundgesetz zitiert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Angeklagte habe aus ausländerfeindlichen, türkenfeindlichen, zutiefst rassistischen Gesichtspunkten im wahrsten Sinne des Wortes die Axt an die Menschenwürde der türkischstämmigen Familie angelegt. Dabei ging Hengstler auf die Beleidigungen und Ankündigungen des Angeklagten ein, „sie umzubringen, sie abzuhacken“. Das Mordmerkmal „niedrige Beweggründe“ liege wegen der ausländerfeindlichen, rassistischen Gesichtspunkte „zumindest nahe“. Noch im Prozess stieß der Angeklagte gegenüber dem türkischstämmigen Ehepaar mehrfach wüste Drohungen aus.

Der Verteidiger, Rechtsanwalt Christoph Reichart aus Aalen, deutete das „Herumfuchteln“ des Angeklagten mit dem Beil als Drohung und nicht als versuchten Totschlag, beantragte aber wegen der Gemeingefährlichkeit seines schuldunfähigen Mandanten auch in der Zukunft die Unterbringung in der Psychiatrie. Nach dem Urteil wurde der Angeklagte direkt in die Psychiatrie nach Bad Schussenried verbracht. Die Fachärztin für Psychiatrie, Heidi Gromann von der Winnender Gutachtenpraxis, hatte beim Angeklagten ein hirnorganisches Psychosyndrom und Altersdemenz diagnostiziert und von einer krankhaften seelischen Störung gesprochen.

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