Die gastronomischen Betriebe trifft der zweite Lockdown sehr hart.
Die gastronomischen Betriebe trifft der zweite Lockdown sehr hart. (Foto: Eich)
sbo und Eva-Maria Huberund Marc Eich

Viele hatten es schon befürchtet und doch ist das Entsetzen groß. Der zweite Lockdown trifft neben Freizeit- und Kultureinrichtungen erneut die Gastronomie heftig. Die Entscheidung kann auch in anderen Branchen nicht nachvollzogen werden.

Ein paar wenige Sätze aus der kommenden Verordnung sind es, die gerade die gastronomischen Betriebe wie einen Schlag treffen und möglicherweise einigen von ihnen das Genick brechen: „Gastronomiebetriebe sollen vom 2. November an für den restlichen Monat schließen. Davon ausgenommen sein soll die Lieferung und Abholung von Speisen für den Verzehr zu Hause, Kantinen sollen offen bleiben dürfen.“ Die meisten Gastronomen aus VS haben zwar aufgrund der ständig steigenden Infektionszahlen mit einer Neuauflage des Lockdown gerechnet, aber nun steigen Existenzängste aufs Neue auf, „obwohl der Sommer sehr gut für uns war“, bilanziert Domenico Wittkopf vom Gasthaus Ott in Villingen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Gastronomiebetriebe in der Färberstraße von der Regelung der Stadt profitierten, die Kneipenmeile als Spielstraße auszuweisen und sie dadurch den Außenbereich erweitern konnten. Doch der gute Sommer, so der Ott-Wirt, helfe allenfalls die durch die erste Zwangspause entstandenen Löcher zu stopfen. Wittkopf sieht den nächsten Lockdown mehr als kritisch und ungerecht. Erneut werde der Gastronomie der „schwarze Peter“ zugeschoben. Bislang seien Lokale oder Bars sicherlich nicht als Hotspots für Corona ausgemacht worden, meint er. „Aber das interessiert offensichtlich niemanden.“

Besser jetzt der Lockdown und nicht im Dezember

Entsetzen, das ist das, was Michael Steigers Emotionen am besten ausdrückt. Entsetzen über die explosionsartig gestiegenen Corona-Infektionszahlen, aber auch Entsetzen mit Blick auf die wirtschaftliche Situation vieler Geschäfte und Betriebe. Möglicherweise, so der Kreisvorsitzende von Dehoga (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) käme für den Bundesverband auch eine Unterstützung für Gastronomen in Frage, die gegen den zweiten Lockdown juristisch vorgehen. Denn die Lage ist für den langjährigen Gastronomen und Geschäftsführer ernst: „Für einige Betriebe wird es dramatisch.“ Steiger sieht immerhin noch einen kleinen Lichtschimmer in diesen für viele so trüben Zeiten: „Besser der zweite Lockdown kommt jetzt und nicht erst im Dezember. Vielleicht ist das Ganze ja wirklich in vier Wochen erledigt und wir haben noch das Weihnachtsgeschäft.“ Wittkopf ist eher skeptisch, ob es bei den angedachten vier Novemberwochen bleibt. „Dann könnten wir das sicherlich noch verkraften“, aber wenn noch das Weihnachtsgeschäft „zum Teufel“ gehe, dann könne es eng werden.

Ganz in der Nähe der Kneipenmeile schüttelt ein Betreiber aus einer anderen Branche den Kopf und fragt sich, warum ausgerechnet Gastronomie und Freizeiteinrichtungen wie Kinos geschlossen werden sollen. Michael Müller und sein Team von der BlueBoxx haben sich kaum ein wenig von den eingebrochenen Umsätzen zwischen März und Mai erholt, „jetzt geht das Ganze wieder von vorne los“. An weitere Kosteneinsparungen sei nicht mehr zu denken, erläutert Müller. „Wir machen jetzt schon vieles selbst, zum Beispiel putzen“, um nur ein Beispiel zu nennen. Müller fragt sich wenige Tage vor dem nächsten Lockdown im November schon fast resigniert: „Werden wir Kleinbetriebe dann wieder alleine gelassen?“

Ähnlich kritisch sieht die Lage auch im Kulturbereich aus. „Viele unserer Partner – also Künstler, Agenturen, und Technikdienstleister – kämpfen bereits seit dem letzten Lockdown um ihre Existenz“, macht Kulturamtsleiter Andreas Dobmeier deutlich. Er ist davon überzeugt, dass sich die Kulturlandschaft durch die Corona-Pandemie und „die damit verbundenen politischen Entscheidungen unweigerlich verändern“ wird. Sollte den Betroffenen keine entsprechende Hilfe zukommen, „können wir uns in unserem Land auf lange Zeit von unserem bisherigen kulturellen Reichtum verabschieden.“

Überhaupt könne er nicht nachvollziehen, dass erneut die Kultureinrichtungen wie Theater und Konzerthäuser geschlossen werden – schließlich habe man die Zuschauerzahlen bereits drastisch reduziert und strikte Hygienekonzepte penibel umgesetzt. Dobmeier: „Meines Wissens, hat sich in Veranstaltungshäusern noch niemand mit dem Corona-Virus angesteckt.“ Auch in Museen und Galerien sei genug Platz, um die gebotenen Abstände einzuhalten. Menschen brauchen Seelennahrung und Hoffnung Dobmeier betrachtet die Folgen der Schließung auch aus psychologischer Sicht. So ist er sich sicher, dass die Menschen „Seelennahrung und Hoffnung“ bräuchten, „der Hunger danach war in den vergangenen Wochen und vor allem nach Ende des letzten Lockdowns deutlich zu spüren und wurde von Besuchern auch immer wieder zum Ausdruck gebracht.“ Es gehe nicht um Langeweile, Luxus oder Freizeitgestaltung, sondern darum Mensch zu sein und das in der Begegnung mit Kunst und Kultur zu erleben. Dobmeier: „Das wird von der Politik vielleicht nicht als systemrelevant eingestuft, doch diese Erfahrungen bleiben humanrelevant.“

Der Blick zu den Fitnessstudios in Villingen-Schwenningen zeigt auch hier die große Enttäuschung über die Entscheidung seitens der Regierung. „Wir waren ständig dran, die Auflagen einzuhalten sowie die Hygienekonzepte zu verbessern und hatten auch eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden“, macht Sascha Rapierski, Geschäftsführer bei Easy Fit, deutlich. 42 000 Euro hätte man investiert, um für optimale Bedingungen in den Studios zu sorgen – „hier hat sich auch herausgestellt, dass Desinfektionsmittel das Gold der Corona-Zeit ist“, so Rapierski. Dank dieser Maßnahmen sei es zu keinen nachweislichen Ansteckungen gekommen, „es ist schmerzlich, dass wir trotzdem schließen müssen“.

Auch bei den Mitgliedern sei ein „hoher Grad an Enttäuschung“ zu spüren. Diese hätten sich, bis auf ganz wenige Ausnahmen, an die Auflagen gehalten, „damit sie weiter trainieren können“. Dass dies offenbar bei der Entscheidung, welche Einrichtungen schließen müssen, nicht berücksichtigt wurde, sorge für großen Verdruss. „Die Situation ist wirklich angespannt, die Menschen sind sehr unzufrieden“, fasst der Geschäftsführer die Lage zusammen.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen