sbo und Natascha Kübler

Sommerferien. Es ist die Hoch-Zeit für Touristen. Doch eine „Sparte“ darf noch keine Gäste empfangen: die Bordelle. Wäre ein Bordell-Betrieb unter Hygieneauflagen möglich? Die Betreiber des FKK-Clubs Aphrodite schildern ihr Konzept – der Verband spricht sich für Sex mit Mundschutz aus.

Es gibt ihn, den Rotlicht-Tourismus, der nicht nur viele Menschen aus den Umlandgemeinden nach VS führt, sondern sogar Schweizer über die Grenze hinweg nach VS lockt. Doch die Erotikbetriebe sind wegen der Corona-Krise seit Monaten geschlossen. Eine Erlaubnis für die Wiedereröffnung ist noch nicht in Sicht. Und das, obwohl Massagen, Judo und Co. – also andere körpernahe Tätigkeiten – längst wieder stattfinden dürfen.

Der Sex-Branche stößt das sauer auf, die Etablissements fühlen sich grundlos ungleich behandelt. Unter welchen Hygiene-Auflagen ein Bordell-Betrieb derzeit funktionieren könnte, erklären die Verantwortlichen des Schwenninger FKK-Clubs Aphrodite.

Der Eingang des FKK-Clubs Aphrodite in Villingen-Schwenningen liegt im Dunkeln, Hausdame Tanja H. (*Name von der Redaktion geändert) macht das Licht an. Im Regal hinter dem Empfangstresen stapeln sich saubere Handtücher. Die Rollläden in der Umkleidekabine sind heruntergelassen, die Flure leer. Nur in einem der acht Prostitutionszimmer ist das Bett bezogen. Gäste haben den Club seit März, seit dem Lockdown, nicht mehr betreten. Alles eine Frage des Infektionsrisikos. „Wir wollen nicht, dass die Coronageschichte eskaliert“, betont Tanja H. Sie findet die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zwar richtig. Gleichzeitig ist sie aber auch überzeugt, dass ein Betrieb unter Auflagen möglich wäre. Schließlich habe der Club auch schon vor Corona strenge Hygieneauflagen befolgt. Deshalb hat die Hausdame keine Zweifel, dass jedes Kinderspieleland, jedes Wellenbad, ein größeres Infektionsrisiko berge, als das Aphrodite.

Seit Monaten ist der Erotikbetrieb „stillgelegt“. Da die Sexarbeiterinnen selbstständig tätig sind, hat das Aphrodite nur zwei Mitarbeiter. Diese sind derzeit in Kurzarbeit. Täglich schaut ein Mitarbeiter nach dem Rechten, lässt etwa den Whirlpool laufen, gießt die Blumen. Die Aphrodite-Besitzer stehen in engem Kontakt mit den Behörden. Wann wegen der Corona-Krise wieder geöffnet werden darf, ist jedoch völlig unklar.

Einbahn-Ablauf wäre möglich

Dabei haben sich die Inhaber viele Gedanken gemacht, wie das Freudenhaus zu Corona-Zeiten wieder öffnen könnte: Sie würden einen Einbahn-Ablauf schaffen: Gäste würden sich anmelden, direkt aufs Zimmer gehen und das Haus nach dem Sex dann durch einen separaten Ausgang wieder verlassen. Kontakt gebe es dann nur zwischen den selbstständigen Sexarbeiterinnen und ihren Kunden sowie dem Mitarbeiter an der Anmeldung. Desinfektionsmittel steht am Eingang und im Flur zur Verfügung, außerdem haben alle Prostitutionszimmer eigene Badezimmer: Das sei für die Hygiene natürlich auch ein großer Vorteil, so die Hausdame.

In Sauna, Whirlpool und Bar sei ein Sicherheitsabstand zwar ebenfalls leicht zu organisieren, so Tanja H. weiter. Diese Bereiche würden sie im Moment aber lieber geschlossen halten, um die Kontakte zwischen den Gästen zu reduzieren.

Damit die Anonymität der Gäste bei einer möglichen Wiedereröffnung auf jeden Fall gewahrt wird, hat man sich in dem FKK-Club ebenfalls schon schlau gemacht: Statt sich in einer Papier-Liste einzutragen, könnten sich die Gäste mit Hilfe einer QR-Code-Technologie anmelden. Es gäbe also Wege für eine Wiedereröffnung, meint Tanja H. „Wir hoffen, dass wir uns beweisen dürfen“, sagt sie. Zumal andere Länder den Erotikbetrieb längst wieder erlaubt haben. So würden viele der Kunden und auch viele der selbstständigen Prostituierten derzeit einfach ins Ausland gehen, berichtet die Mitarbeiterin. Es herrsche ein reger Sextourismus. Und nicht nur das, viele Erotikgeschäfte verlagern sich derzeit auch in die Illegalität.

Das bestätigt Holger Rettig vom Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland (UEGD). „Desto länger das dauert, desto mehr übernimmt ein kriminelles Milieu die Branche“, warnt der Verbandspräsident. Die Corona-Krise drohe, die Errungenschaften der Branche – unter anderem mit dem Prostituiertenschutzgesetz – zunichte zu machen. Durch illegale Prostitution würden die Frauen erpressbar gemacht. Auch gebe es bei illegaler Sexarbeit „keinen Schutz, was die körperliche Integrität betrifft“. Ganz zu schweigen von fehlendem Gesundheits- und auch Infektionsschutz. Der UEGD ist überzeugt, dass ein Infektionsrisiko bei Sexarbeit nicht höher ist, als bei anderen körpernahen Tätigkeiten – also beispielsweise bei Kontaktsportarten wie Judo und Boxen oder aber beim Friseur, Tätowierer oder im Kosmetiksalon. Und diese Beschäftigungen sind alle wieder erlaubt. Die Erotikbranche werde von der Politik sehr ungleich behandelt, meint Rettig. „Unsere Branche ist noch immer mit einem Berufsverbot belegt.“

Sex mit Mundschutzmaske und Kondom

Doch wie stellt sich der Verband Sexarbeit in Zeiten von Corona vor? Mit einer verpflichtenden Mundschutzmaske und mit Kondomen, erklärt Rettig. Und mit Hände waschen, Bettlaken wechseln, dem Reinigen von Materialien und Personenlisten zur Kontaktnachverfolgung – so wie es in anderen Branchen eben auch gemacht wird. „Das lässt sich genauso organisieren, wie es bei anderen körpernahen Dienstleistungen auch möglich ist“, meint der Verbandspräsident. Rettig fordert, dass sich der „Runde Tisch“ zum Thema Prostitution in Baden-Württemberg trifft und über Lösungen berät. Dieser habe sich seit der Corona-Krise noch nicht zusammengetan, kritisiert er.

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