Andreas Güntter hat ein Vierteljahrhundert „seine“ Pauluskirche geleitet und geprägt. Zum März wechselt er nach Villingen.
Andreas Güntter hat ein Vierteljahrhundert „seine“ Pauluskirche geleitet und geprägt. Zum März wechselt er nach Villingen. (Foto: Kratt)
sbo und Mareike Kratt

Der 16. Februar wird ein besonderer Tag für die evangelische Kirche: Es ist nicht nur der letzte Tag der Vesperkirche, sondern auch der letzte Tag von Pfarrer Andreas Güntter in der Pauluskirche. Nach 25 Jahren nimmt er Abschied von Schwenningen. Ab März ist er an der Villinger Johanneskirche tätig.

Noch versuche er, seinen Abschied zu verdrängen, gibt Pfarrer Andreas Güntter zu. „Momentan ist vieles noch normal, doch der Abschied ragt natürlich immer wieder hinein“, sagt er im Hinblick auf seine Leitung der Vesperkirche, die er am Sonntag, 16. Februar, mit dem letzten Tag des Sozialprojekts abgibt. Seine neue Stelle als Pfarrer an der Villinger Johanneskirche tritt er erst ab März an, nimmt sich aber noch zweieinhalb Wochen Urlaub, um in Nordschweden Abstand und Ruhe vom vierwöchigen Ausnahmezustand in der Vesperkirche zu haben.

Schon seit Längerem steht fest, dass die Pfarrstelle Stadtkirche II im nächsten Pfarrplan der Landessynode ersatzlos wegfallen und dass somit der Vertretungsdienstauftrag, den Güntter und seine Frau zusätzlich vor drei Jahren übernommen hatten, zum 31. Dezember dieses Jahres auslaufen wird. Seit Herbst vergangenen Jahres steht für das Pfarrer-Ehepaar fest, „dass es sinnvoll ist, einer von uns geht von der Schwenninger Kirche weg“, berichtet Güntter. Die von der Badischen Landeskirche ausgeschriebene Stelle an der Johanneskirche kam daher fast wie gerufen.

Eigene Impulse

„Ich habe gemerkt, dass ich Lust habe, nochmal den Weg zu gehen, den ich schon mit der Schwenninger Gemeinde gegangen bin“, meint er in Bezug auf die anstehende Fusion der vier Villinger Gemeinden, die in der Neckarstadt schon einige Jahre zurückliegt. Diese möchte der Pfarrer aber keinesfalls kopieren, sondern unbefangen an die Sache herangehen und eigene Impulse setzen. Gleichzeitig müsse aber auch in Schwenningen etwas Neues entwickelt werden. „Den Zauber des Neuen gibt es immer wieder“, ist sich der vierfache Familienvater sicher. Die verbliebenen Pfarrer und der Kirchengemeinderat müssten mit einer wegfallenden Stelle nun andere Strukturen schaffen. „Hier wird ganz viel gemeinsam optimiert, das schätze ich sehr.“

Optimismus und Vorfreude, die verbreitet Güntter schon jetzt. „So herb es klingt: Es ist eine gute Lösung, und sie ermöglicht uns, unsere Wurzeln nicht ganz herauszureißen.“ Denn die Güntters bleiben nach wie im geschichtsträchtigen Pfarrhaus neben der Pauluskirche wohnen. Gleichzeitig ist es aber auch das erste Mal seit der gemeinsamen Ausbildung, dass das Modell als Pfarrer in Stellenteilung bei den Güntters nicht mehr greifen wird. Nach dem Vikariat in Zimmern ob Rottweil hatte sich der gebürtige Kirchheimer (Teck) zusammen mit seiner Frau vor 25 Jahren auf die ausgeschriebene Stelle an der Pauluskirche beworben – mit Erfolg.

Von Anfang an war er hier für Kindergärten in evangelischer Trägerschaft verantwortlich. „Ich habe meine Leidenschaft für das Netzwerken entdeckt. Also für den Versuch, mit einem Gespräch Menschen an einen Tisch zu bringen.“ Und tatsächlich ebenso erfolgreich. Mehrere Jahre gab es den „Runden Tisch Kindergarten“, zu dem der Pfarrer etwa zweimal im Jahr ins Gemeindehaus eingeladen hatte. Stets bis zu 35 Personen, zum Teil Gemeinderäte, hätten sich dabei auf informeller Basis mit Sachthemen auseinandergesetzt und Beschlüsse für die städtischen Gremien vorbereitet. Bewusst habe er aber diesen Bereich vor drei Jahren an den neuen geschäftsführenden Pfarrer Klaus Gölz abgegeben.

Traum einer Gemeinde

Und dann ist da das Kapitel Vesperkirche, das Andreas Güntter in gut einer Woche für sich beendet. Kaum zu glauben, dass er, der es 17 Jahre lang mit Herzblut geleitet hat, dem Projekt zunächst mit Skepsis entgegenstand. Ausgehend von rund zehn Gemeindemitgliedern, die die konkrete Idee dazu hatten, sei man auf „Vesperkirchen-Reise“ gegangen und habe sich in anderen Gemeinden einen Eindruck verschafft. „Ich habe es gesehen und war begeistert“, erinnert sich der 58-Jährige. Auch hier kommt seine Leidenschaft zum Netzwerken zum Tragen. „Etwas mit Menschen gemeinsam entwickeln, das ist mein Ding.“

Es sei schön, dass Ehrenamtliche das Projekt, das mehrere Kirchen miteinander verbindet, angestoßen haben. Mittlerweile arbeiten rund 400 Menschen mit. „Es wurde der Gemeinde nicht nahegelegt, sondern kommt aus der Gemeinde.“ Und nicht nur das: Mit der Vesperkirche werde ein Stück weit der Traum einer Gemeinde gelebt, wenngleich die Menschen – Besucher und Mitarbeiter zugleich – nicht bewusst an die Kirche gebunden würden. Ein weiteres Geheimnis der Vesperkirche: Kirche könne sich als Teil der Gesellschaft präsentieren, hier sei man „mittendrin“. Eine einzelne Person, die den Dienstauftrag Vesperkirche von Güntter übernehmen wird, wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Die Arbeit wird verteilt. „Die Voraussetzungen sind gut, weil man vorher schon so engagiert zusammengearbeitet hat“, findet der Pfarrer.

Nutzbare Synergien

Doch Andreas Güntter betont, dass die Vesperkirche, soviel Raum sie auch eingenommen hat, nur ein Teil der Tätigkeit ist. Er liebe stets die Vielfältigkeit seiner Arbeit. „Man ist mit sehr vielen Lebensbereichen konfrontiert und findet seine Schwerpunkte, für die das Herz schlägt.“ Getreu dem Credo „Leben und Glauben teilen“ habe der Pauluskirchen-Pfarrer stets das Miteinander in der Gemeinde, aber auch im Neckarstadtteil genossen. „Ich nehme hier gerne am Leben teil.“ Immer mit Augenmaß, nicht ideologisch verengt, offen, und wenn es sein muss, auch gegen Widerstände angehend: Die Gemeindemitglieder habe er stets als selbstbewusst und kritisch wahrgenommen, die „geradeaus ihre Meinung sagen“. Erst dadurch sei es beispielsweise auch möglich gewesen, vor einigen Jahren ein Kirchenasyl durchzuführen. „So etwas prägt die Gemeinde.“

Und in Villingen? Manches kennt Andreas Güntter schon durch die bisherigen Kooperationen. Durch den kurzen Draht zwischen der Villinger und Schwenninger Gemeinde hofft er, Synergien nutzbar machen zu können. Durch seine Teilnahme am Theaterstück „Romeo und Julia“, das zum Stadtjubiläum 2017 in Villingen geprobt und aufgeführt wurde, habe er den Stadtbezirk und die Menschen nochmal anders kennengelernt.

Doch vieles wird auch neu sein, unter anderem die Arbeitsschwerpunkte. Er freue sich auf die helle Johanneskirche und auf den Bezirk Innenstadt, blickt Güntter in die Zukunft. Gerade lerne er Straßennamen. Wie er seinen Arbeitsalltag in Villingen gestalten wird, das müsse sich entwickeln. „Ich kann mir nicht vorstellen, dort nur ins Büro zu gehen.“ Denn Andreas Güntter ist ein Mensch, der nur mit anderen Menschen leben und aufblühen kann. Das hat er in den vergangenen 25 Jahren in Schwenningen bewiesen.

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