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Mit dem Duldungsstatus hat der junge Gambier in der Doppelstadt zwar das Recht, nach seiner Ausbildung noch zwei Jahre in Deutschland zu bleiben und zu arbeiten, seine weitere Zukunft aber ist ungewiss. (Foto: Franziska Kraufmann/dpa)
sbo und Eva-Maria Huber

Während ein junger Gambier seine Ausbildung zum Altenpfleger durchzieht, hat ein junger Mann aus Kamerun die Unsicherheit nicht mehr ausgehalten, seine Lehre als Koch hingeschmissen und ist untergetaucht – aus Angst vor Abschiebung.

Martin Hayer, Leiter des AWO-Seniorenheims in Villingen-Schwenningen, hat zwiespältige Gefühle, wenn er mit unserer Zeitung über die Zukunft seines jungen afrikanischen Auszubildenden spricht: Nur Positives kann er von dem jungen Gambier sagen, der zunächst eine Ausbildung als Altenpflegehelfer absolvierte und dann eine Ausbildung zum Altenpfleger anschloss, die er kommenden Sommer beendet haben wird.

„Er ist nach wie vor der erklärte Liebling unserer Bewohner“, berichtet Hayer. Nicht nur für die betagten Leute, so freundlich und motiviert sich der 20-jährige Azubi zeige. Der junge Mann würde gerne hier bleiben und als Altenpfleger arbeiten. Doch seine Zukunft ist nach wie vor ungewiss.

Mit seinem Duldungsstatus hat er zwar das Recht, nach seiner Ausbildung noch zwei Jahre in Deutschland zu bleiben und zu arbeiten (3+2-Regelung). Diese Regel besagt, dass Flüchtlinge während einer schon begonnenen betrieblichen Ausbildung das Land nicht verlassen müssen. Sie können unter bestimmten Voraussetzungen ihre Lehre abschließen und eine zweijährige Anschlussbeschäftigung ausüben, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird. Denkt Hayer jedoch an die Zeit danach, hadert er mit der Politik, denn nicht nur Heimleiter wie er suchen händeringend nach Altenpflegern. Ob der Gambier danach in VS-Schwenningen bleiben darf, ist ungewiss. „Das ist für uns alle schwierig, nicht nur wegen der Personalplanung“, zeigt der Einrichtungsleiter auf, „natürlich berührt uns auch das persönliche Schicksal.“

Wenn Gottfried Härle solche Lebensgeschichten hört, dann macht sich schon fast Resignation breit. Seit Jahren kämpft der Chef einer Brauerei im Allgäu mit seiner Unternehmer-Initiative „Bleiberecht durch Arbeit“ dafür, dass Geflüchtete, die einen Arbeitsplatz haben und nicht straffällig geworden sind, in Deutschland bleiben dürfen. Diese Forderung ist ganz im Sinne der FDP, die ähnliche Veränderungen verfolgt und einen „Spurwechsel“ fordert: „Gut integrierte Asylsuchende, die bereits im Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben, nicht straffällig geworden sind und keine Sozialleistungen beziehen, sollen nach den Plänen der Liberalen bleiben dürfen.“

Zwar unterstützt der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl solche Bestrebungen, doch noch scheinen starke Kräfte gerade unter der CDU dagegen zu arbeiten, schildert Härle die Hürden. Dies ist für ihn und seine Mitstreiter nicht nachvollziehbar: Die meisten arbeiten in Branchen, in denen viele Deutsche nicht reingehen wollen, sagt er im Gespräch. Die preisgekrönte Initiative hat noch einen harten Weg mit viel politischem Gegenwind vor sich. Bislang ist die Bundesratsinitiative von Baden-Württemberg zur Eingliederung gescheitert.

Hätte die Bleiberechts-Initiative bereits Erfolg gehabt, wäre ein junger Kameruner vielleicht noch in Unterkirnach in seinem Integrationsbetrieb. „Er wäre sicherlich ein guter Koch geworden“, bedauert Michael Stöffelmaier, Caritas-Vorstandsvorsitzender für den Kreisverband, das jähe Ende einer Ausbildung. Denn der knapp 30-Jährige, der nur einen Duldungsstatus hatte, habe wohl Panik vor einer möglichen weiteren Abschiebungswelle bekommen: „Er ist einfach verschwunden“, berichtet Stöffelmaier. „Es ist schwierig, diese Unsicherheit auf Dauer auszuhalten.“ Um so tragischer ist seine Geschichte, weil er doch noch eine Anhörung zu seinem Asylverfahren (ein erster Antrag wurde abgelehnt) bekommen hätte. Doch auch Flüchtlinge, die im Arbeitsleben integriert sind, haben ihre Sorgen.

Christian Utischill vom Jobclub, der sich um Arbeitsstellen für Flüchtlinge kümmert, sagt zu den Perspektiven: „Einfacher ist es nicht geworden.“ Vor allem Branchen, in denen einige seiner Schützlinge zuvor Arbeit fanden, seien ganz besonders von der Corona-bedingten Wirtschaftskrise betroffen. Einige sind in Kurzarbeit und „kommen an ihre finanziellen Grenzen.“ Utischill befürchtet, dass deshalb die Illegalität über kurz oder lang zunimmt. Derzeit kümmert sich der Jobclub um 20 Flüchtlinge, die meisten davon in Lohn und Brot, die sich eine kleine Existenz aufgebaut haben.

Auch Utischill und viele andere Ehrenamtlichen zeigen sich enttäuscht über das Scheitern der Bleiberechts- Initiative. „Das politische Klima zeigt Tendenzen zu einer Verschärfung der Abschiebungsregelungen auch in Fällen, wo noch ein Arbeitsplatz zur Verfügung steht“, betont Utischill.

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