Telemedizin könnte eine Möglichkeit sein, Notfallambulanzen von unnötigen Inanspruchnahmen zu entlasten.
Telemedizin könnte eine Möglichkeit sein, Notfallambulanzen von unnötigen Inanspruchnahmen zu entlasten. (Foto: dpa)
sbo und Marc Eich

Voll des Lobes über die medizinische Versorgung im Landkreis ist der Landesgeschäftsführer der Barmer, Winfried Plötze. Dennoch warten im ländlichen Raum weiterhin Herausforderungen.

Eine Analyse des Ist-Zustandes und der Blick in die Zukunft der ärztlichen Versorgung – auch in unserem Kreisgebiet: Dies wagen Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer, und der Regionalgeschäftsführer Philipp Geisberger im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Dabei kristallisieren sich Herausforderungen heraus, die die Verantwortlichen im medizinischen Bereich zu bewältigen haben.

Wenn es um die aktuelle ärztliche Versorgung im ländlichen Raum geht, gehört Barmer-Landesgeschäftsführer Plötze zu jenen, die die Schwarzmalerei kritisieren. „Die Lage ist gefühlt schlechter, als sie sich tatsächlich darstellt“, erklärt der 52-Jährige. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) tue viel, um die Weichen für die Zukunft zu stellen – als Beispiel würden hier die Terminservicestellen gelten, die innerhalb einer bestimmten Frist einen Termin beim Arzt vermitteln.

Speziell der Schwarzwald-Baar-Kreis agiere mit Landrat Sven Hinterseh im Bereich der medizinischen Versorgung „vorbildlich“ betont Plötze. Er erklärt: „Die politischen Akteure machen sich frühzeitig Gedanken, um die medizinische Versorgung zu gewährleisten und ziehen gemeinsam an einem Strang.“ Bei den kommunalen Gesundheitskonferenzen seien deshalb Infrastrukturmaßnahmen oft Thema.

Vorbildfunktion für andere Regionen in Baden-Württemberg habe darüber hinaus die Schaffung des Großklinikums in Villingen-Schwenningen. Man müsse wegkommen vom „Kirchturmdenken“, bekräftigt der Landesgeschäftsführer. „Kein kleines Kreiskrankenhaus könnte so etwas wie die Cyberknife Behandlung anbieten“, nimmt der 52-Jährige die hochpräzise Bestrahlung von Tumorgewebe als Beispiel. In diese hatte das Schwarzwald-Baar-Klinikum vor einigen Jahren nach eigenen Angaben rund vier Millionen Euro investiert.

Ärzte im ländlichen Raum

Doch was ist abseits des zentralen Klinikums hinsichtlich der Versorgung zu tun? Wie können junge Mediziner – gerade in ländlich geprägten Bereichen zwischen Gütenbach, Triberg und Schönwald – überzeugt werden, sich dort niederzulassen, um die Vor-Ort-Versorgung zu gewährleisten? Plötze sieht dies als Gemeinschaftsaufgabe. Denn: Regionen, in denen sich Unternehmen niederlassen und in denen dadurch Arbeitsplätze entstehen, könnten auch für Ärzte attraktiv werden. „Es ist deshalb wichtig, die Arbeitgeber an den Tisch zu holen“, erklärt Plötze. Seiner Meinung nach sei die Allgemeinmedizin im Vergleich zur ambulanten, fachärztlichen Medizin zudem in den vergangenen Jahren vernachlässigt worden.

Hier sei auch die Landesärztekammer gefordert, um für Abhilfe zu schaffen. Was gäbe es für Möglichkeiten? „Nordrhein-Westfalen hat eine Landarzt-Quote eingeführt“, weiß der Krankenkassenbetriebswirt. So werden dort seit Beginn des Jahres Studienplätze der Humanmedizin unter der Voraussetzung vergeben, anschließend eine hausärztliche Tätigkeit in einer unterversorgten Region dort auszuüben. Dies könnte sich der Landesgeschäftsführer auch für Baden-Württemberg vorstellen.

Er verweist gleichzeitig auf das Projekt „Ziel und Zukunft“ – kurz ZuZ. Dabei handelt es sich um einen Strukturfonds der KVBW und der gesetzlichen Krankenkassen im Land, der Praxisneugründungen und Übernahmen mit bis zu 80 000 Euro unterstützt. Jeweils eine ZuZ-Förderung ist laut KVBW derzeit in Dauchingen und Schonach, sowie zwei im Planungsbereich Donaueschingen möglich.

Die Maßnahmen, um dem Ärztemangel entgegen zu wirken, seien auch vor dem Hintergrund der Sicherstellung einer ambulanten Versorgung notwendig. Diese könne aber, nach Meinung der Barmer, ebenso über die Krankenhäuser erfolgen, die sich dahingehend „öffnen“ sollten. Der Ansatz der Krankenkasse sei, dass die Behandlung durch niedergelassene Fachärzte sowie die stationäre Versorgung sowohl in einer Vertragsarztpraxis als auch im Krankenhaus erbracht werden können. So sieht es ein Teil des Zehn-Punkte-Papiers zur „Weiterentwicklung der sektorenübergreifenden Versorgung“ der Barmer vor. Plötze: „Wir wollen die regionale Versorgung sektorenübergreifend neu planen und je nach Region an den medizinischen Bedarf der Bevölkerung anpassen.“ Wichtig sei die Vernetzung aller Beteiligten und die Nutzung des Digitalisierungspotenzials.

Telemedizin

Im Bereich der Telemedizin würde Baden-Württemberg mit dem Projekt „docdirekt“ als Pionierland gelten. Das Ziel von docdirekt ist, die Patienten telemedizinisch abschließend zu behandeln und beraten, was in den meisten Fällen auch möglich ist. Nur dann, wenn sich ein Anrufer als Notfall entpuppt, vermittelt die Medizinische Fachangestellte an die 112. Muss der Patient zusätzlich bei einem niedergelassenen Arzt vorstellig werden, wird über docdirekt ein Termin bei diesem vermittelt. „Dadurch sollen unter anderem die Notfallambulanzen entlastet werden“, erklärt Plötze.

Denn nicht nur im Schwarzwald-Baar-Klinikum kennt man das Phänomen, dass rund 30 Prozent der Patienten die Notfallambulanz unnötigerweise in Anspruch nehmen. „Sei es, weil sie sich nicht mit dem Gesundheitssystem auskennen oder aus Bequemlichkeit, weil sie in einer Klinik Ärzte aller Fachrichtungen vorfinden.“ Die Telemedizin sei laut Plötze deshalb ein mögliches Mittel, um die ärztliche Versorgung „in jeden Haushalt zu bekommen“ und gleichzeitig Ressourcen besser zu nutzen.

Ein wichtiges Anliegen der Krankenkasse ist aber weiterhin, die Menschen bei einem gesunden Lebensstil zu unterstützen – Stichwort Prävention. „Es geht hier darum, die Gesundheit zu erhalten und Krankheiten vorzubeugen“, erklärt der Regionalgeschäftsführer der Barmer in Villingen-Schwenningen, Philipp Geisberger. Man wolle deshalb unter anderem mithilfe von betrieblichem Gesundheitsmanagement für das Thema sensibilisieren und darüber wiederum Impulse geben. Geisberger: „Anfangs wurde dies nur sporadisch angenommen, mittlerweile erkennen die Betriebe den Nutzen.“ Ein Trend, der nicht für die Krankenkasse, sondern auch für das gesamte Gesundheitssystem von Vorteil sein dürfte.

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