Philipp Spielmann
Philipp Spielmann (Foto: sbo)
sbo und Sören Stiegler

Sein Debüt-Roman „Hannah – Ein Loch in der Welt“ handelt von einem Paar, das drei Wochen nach der Geburt die Tochter verliert. Ursprünglich wollte der Schwenninger Autor Philipp Spielmann Musiker werden, doch das stille Beobachten liegt ihm mehr.

Als Philipp Spielmann noch ein kleiner Bub war, so erzählt der junge Autor, hatte seine Mutter eine Art Kaffeekränzchen, zu dem sie ihre Freundinnen und deren Kinder einlud. Anstatt mit den anderen Kindern zu spielen, saß der Junge immer bei den Erwachsenen am Tisch und hat zugehört. „Will er nicht spielen?“, hätten die anderen Mütter dann gefragt. Und Spielmanns Mutter habe erwidert: „Nein, dem gefällt es hier zu sitzen und uns alten Weibern zuzuhören.“ Diese Anekdote aus der Kindheit fasse ganz gut zusammen, was den 26-Jährigen ausmacht. „Ich bin ruhig. Ich habe es gern, den Schritt zurück zu machen.“ Und zu beobachten.

Philipp Spielmann ist in Meßstetten aufgewachsen. Inzwischen lebt er in Schwenningen und absolviert seit 2017 eine Ausbildung zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbibliothek. In diesem Jahr ist sein Debüt-Roman erschienen, „Hannah – Das Loch in der Welt“. Er handelt von einem jungen Paar, dessen kleine Tochter nach nur drei Wochen stirbt. Plötzlicher Kindstod.

Wenn Spielmann über den individuellen Umgang der beiden Eltern mit dem unfassbaren Verlust schreibt – und vor allem vom Vater, dem Ich-Erzähler – finden sich auch Leichtigkeit und Schönheit in der grausamen Realität der Trauer. In klug beobachteten Momentaufnahmen, mit einem Gespür für jene kleinen Details, die Figuren erst als lebendige Menschen erscheinen lassen, begleitet der Roman das Auseinanderleben des Paares und die wachsende Einsicht des Vaters, dass eben nicht alles okay ist.

Der junge Autor ist ein leiser Mann. Wenn er spricht, dann lächelt er oft und fährt mit der Handfläche über die Tischplatte, um Krümel wegzuwischen, die gar nicht da sind. Die meisten Arbeitstage verbringt er zwischen den stillen Bücherregalen der Bibliothek. Abends sitzt er in seiner Wohnung und schreibt. „Schreiben muss sehr einsam sein.“ Es sei sehr viel Ruhe in seinem Leben. Das entspreche aber seinem Naturell.

„Als Kind habe ich extrem gestottert“, erinnert sich Spielmann. „Ich habe wenig gesagt, weil ich Angst hatte, dass ich das Wort nicht raus bekomme.“ Erst mit Anfang 20 habe sich das gebessert. Durch die Liebe zur Musik. „Im Gesang kannst du dich ausdrücken ohne zu stottern.“ Im Alter von 18 Jahren hat er die Schule geschmissen und zog nach Stuttgart. Im Rückblick sei das nicht die richtige Entscheidung gewesen, sondern ein rebellischer Akt.

„Ich wollte ursprünglich Musiker werden oder nichts.“ In Stuttgart studierte Spielmann ein Semester lang Tontechnik, brach ab und hangelte sich von Job zu Job. Die Sache mit der Musik habe sich irgendwann nicht mehr weiterentwickelt. Um als Musiker erfolgreich zu sein, müsse man „laut sein, für sich einstehen, sich selbst vermarkten. Ich habe irgendwann gemerkt: Das bin ich nicht.“ Spielmann begann stattdessen zu schreiben.

Die ersten literarischen Versuche seien „unglaublich schlecht“ gewesen. Sehr tagebuchmäßig und autobiografisch. Der erste Versuch, einen Roman zu schreiben, lief nach 300 Seiten ins Leere. „Es ging darin um eine Friedensbewegung, sehr politisch. Aber es hat nirgendwo hingeführt.“ Ein wildes Drauflosschreiben sei das gewesen, aber auch eine gute Gelegenheit, an sich zu arbeiten und das literarische Handwerk zu erlernen.

„Hannah – Das Loch in der Welt“ sollte zunächst die Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten Tom und Zazou erzählen. Doch irgendwann, im Verlauf des Schreibens, habe Spielmann plötzlich gewusst: Dem Paar ist was passiert. „Als ich wusste, dass beide ihr Kind verloren haben, entstand für mich eine ganz neue Geschichte.“ Nämlich eine, in der es auf vielfältige Art um die Bewältigung von Verlusten geht.

Am zentralen Verlust des Romans, am plötzlichen Tod des Kindes, habe ihn der damit einhergehende Bruch im Leben fasziniert. „Jeder von uns hat Vorstellungen von seinem Leben, wer man sein will. Das verliert man mit den Jahren. Ein Kind ist auch das Versprechen nach einer Konstanten im Leben, nach Stringenz. Wenn man das dann verliert, muss man sich auch von der Idee eines Lebensentwurfs verabschieden.“

Dem Thema Kindstod sei er mit höchstem Respekt begegnet. Er habe sich beim Schreiben an Trauerphasen orientiert: Schock, Chaosphase und die Erinnerung an den Verstorbenen. „Ich fand die Vorstellung schrecklich, dass, wenn das Neugeborene stirbt, man kaum Erinnerungen hat. Man weiß nicht, wie die Stimme klingt, das Lachen. Man hat noch kaum Erinnerung an die gemeinsame Zeit.“ Im Verlauf der Handlung verkauft Zazou irgendwann die Kleidung ihrer Tochter. Spielmann habe beim Schreiben eine Kleinanzeige vor Augen gehabt: „Babyschuhe, ungetragen“.

Insgesamt vier Jahre lang hat Spielmann an seinem Debüt gearbeitet, von 2015 bis 2019. Einen Verlag zu finden, das sei jedoch fast unmöglich. Wenn er an Verlage denkt, dann stellt er sich eine Burg vor, die Zugbrücke hochgezogen, ein Wassergraben mit Krokodilen darum. „Zu schwierig“ sei das Thema des Romans, erhielt er als Antwort auf Anfragen. Man wisse nicht, wie man das Buch „auf dem Publikumsmarkt platzieren“ könne. Also suchte sich Spielmann selbst einen Lektor, überarbeitete mit dessen Hilfe intensiv und publizierte sein Werk bei „Books on Demand“.

Derzeit schreibt der junge Autor bereits an einem neuen Roman. Er könnte aber noch nicht verraten, worum es geht. „Wenn ich das jetzt erzähle, dann habe ich Angst, dass alles in sich zusammenfällt und ich den Reiz an der Idee verliere“, erklärt Spielmann, grinst, und fährt sich mit den Fingern durch den Bart. An den inneren Handgelenken ist jeweils ein Tattoo zu erkennen. Schwarze Strichzeichnungen.

Rechts ist ein Hügel angedeutet, darauf ein Baum: eine Hobbithöhle. Als Bewunderer von Tolkien repräsentiere diese Zeichnung für ihn die Welt der Fantasie, erklärt Spielmann. Am linken Handgelenk ist ein schwarzer Strichpunkt. „Das Semikolon steht für einen Satz, den man hätte beenden können, es aber nicht tut. Dafür, dass es immer weiter geht.“

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