Schwäbische Zeitung

(sbo) - Am zweiten Protestsonntag der Stolperstein-Befürworter sind rund 120 Menschen auf den Münsterplatz gekommen – doppelt so viele wie noch vor einer Woche. Die angekündigte Gegendemonstration blieb aus. Die so genannten Stolpersteine sollen an die Opfer der Nazi-Herrschaft erinnern. Bisher lehnt der Gemeinderat von Villingen-Schwenningen die Errichtung dieser Steine ab.

Zwei Polizeibeamte hatten mit ihrem Streifenwagen Stellung bezogen, nachdem der Initiator der Stolperstein-Bewegung, Michael Irion, tags zuvor sowohl über Facebook als auch telefonisch vor einer Aktion aus der Ecke der Neonazis gewarnt worden war. Vorsichtshalber hatte er die Polizei benachrichtigt.

Doch alles blieb ruhig. Punkt 19 Uhr fanden sich immer mehr Menschen, viele mit Kerzen, vor dem Rathaus ein. Nicolas Ousseni und Fynn Müller, zwei Trompeter der Musikhochschule Trossingen, stimmten musikalisch ein auf die folgende Erzählung von Heinrich Schidelko. Der Geschichtslehrer an den Villinger St.-Ursula-Schulen erinnerte an das Schicksal von Ruth Bikart und ihrer Familie, einst wohnhaft in der Waldstraße, die damals Adolf-Hitler-Straße hieß. Das 1921 geborene Mädchen besuchte die Klosterschule St. Ursula. Nach 1933 wurden die Bedrohungen und Einschränkungen für ihre Familie immer größer. Als Vater Louis 1936 ein Arbeitsverbot erhielt, nahm er das Angebot eines Nachbarn an, sein Haus Nummer elf gegen eines in Paris zu tauschen.

Doch auch in Frankreich war die Familie Bikat vor der deutschen Wehrmacht nicht sicher. Im Jahr 1942 wurden Ruth, ihre Schwester Silva Irene und die Eltern Louis und Jeanette nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Bruder Sigmund überlebte die Gräuel als einziger Villinger Jude.

An jedem der weiteren Sonntage wolle die Initiative Einzelschicksale wie das der Bikarts beleuchten, kündigte Schidelko an.

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