„Es gibt 194 Länder. Ohne Reisebüros könnt ihr sie nicht sehen“ steht auf den Plakaten, mit denen ein Teil der rund 60 Teilnehme
„Es gibt 194 Länder. Ohne Reisebüros könnt ihr sie nicht sehen“ steht auf den Plakaten, mit denen ein Teil der rund 60 Teilnehmer für Hilfe für die Reisebranche demonstrieren. (Foto: Pohl)
sbo und Michael Pohl

Sie war eine der ersten Branchen, die von der Corona-Pandemie getroffen wurde, und vermutlich die letzte, die irgendwann wieder im Normalbetrieb arbeiten wird: In der Tourismusbranche wächst nicht nur die Sorge um die eigene Zukunft, sondern auch der Frust über die mangelnde politische Unterstützung.

Deshalb gehen Inhaber und Angestellte von Reisebüros und Veranstaltern seit mehreren Wochen bundesweit auf die Straße. Am Mittwochmittag demonstrierten rund 60 Teilnehmer auf dem Schwenninger Marktplatz für finanzielle Hilfe aus Berlin und verschafften sich so Gehör. „Uns steht das Wasser bis zum Hals“, machte Organisator Carsten Schürenberg vom Unternehmen PP-Busreisen aus Balingen deutlich. Gemeinsam mit seinen Mitrednerinnen, Anna Herrmann vom Reisebüro Reisezeit in Rielasingen und Sandra Pietraszek von Sonnenklar.TV in Schwenningen, betonte Schürenberg, dass hinter allen Reisebüros Arbeitgeber, Ausbilder und Steuerzahler stecken, „die es wert sind, dass sie unterstützt werden“.

„Wenn Reisebüros ihre Daseinsberechtigung aufgrund der Buchungsmöglichkeiten im Internet verlieren, dann können wir alle Geschäfte schließen und nur noch bei Amazon kaufen“, kritisierte Sandra Pietraszek. „Es gibt über 10 000 Reisebüros in Deutschland, die alle hier ihre Steuern zahlen. Ist das auch bei den Onlineportalen der Fall?!, fragte sie provokant.

Einer, der sich an diesem Tag nicht von der Kritik angesprochen fühlen musste, war Marcel Klinge. Der FDP-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen war als Tourismuspolitischer Sprecher seiner Fraktion anwesend und pflichtete den Demonstranten bei: „Wir brauchen Reisebüros, denn die Beratung und die Hilfe kann niemand im Internet leisten.“ Er forderte „endlich Klarheit und Planungssicherheit“ für Reisende und damit auch für die Branche. „Was soll sich in den nächsten zwei Wochen noch ändern, damit die Bundesregierung dann erst eine Entscheidung treffen kann?“, fragt Klinge, und kritisiert die erneut hinausgezögerte Entscheidung über die Reisemodalitäten. „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren“, so seine klare Ansage. Auch die finanzielle Unterstützung sei unausweichlich.

Die Provisionsausfälle müsse der Staat auffangen. „Mir fehlt die Fantasie, um sagen zu können, wo das Geld sonst herkommen soll.“ Klinge kritisiert die fehlende Solidarisierung mit den „Kleinen“. Es könne nicht sein, dass große Anbieter wie TUI und Co. Hilfe bekämen, die kleinen Unternehmen jedoch vergessen würden. „Vertreter der anderen Branchen gehen in Berlin ein und aus, nur ihr bleibt auf der Strecke. Wir brauchen einen Tourismusgipfel im Bundeskanzleramt!“

Während zwei Auszubildende aus dem ersten und dem dritten Lehrjahr über ihre Situation und die ungewisse Zukunft berichteten, sammelte Carsten Schürenberg bereits im Vorfeld der Demonstration Fragen der Teilnehmer. Sylvia Hoffmann vom gleichnamigen Reisebüro aus Villingen warf die Frage in den Raum: „Wozu brauchen wir Rettungsschirme für die Großen, wenn es uns Reisevermittler nicht mehr gibt?“

Auch Dieter Petrolli vom gleichnamigen Busunternehmen meldete sich zu Wort: „Wir sind Reiseveranstalter, machen Klub- und Schulausfahrten und sind im öffentlichen Nahverkehr tätig. Wir haben in unsere Busse aufgrund der Euro-6-Norm investiert, um in alle Städte einreisen zu dürfen. Dieses Kapital steht wortwörtlich still.“

Die Teilnehmer kamen aus der ganzen Region, sogar aus Stuttgart und Berlin. Und genau dort soll es kommende Woche hingehen, um bei einer Demonstration in der Bundeshauptstadt den Forderungen nochmals Nachdruck zu verleihen.

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