Martin Scheffel-Kain aus VS (Zweiter von rechts) steht mit Brexit-Demonstranten vor Westminster in London.
Martin Scheffel-Kain aus VS (Zweiter von rechts) steht mit Brexit-Demonstranten vor Westminster in London. (Foto: Scheffel-Kain)
Martin Scheffel-Kain

Alle Welt redet über Großbritannien und den Brexit. Als eine Abstimmung nach der anderen im Britischen Parlament scheitert, ist Martin Scheffel-Kain aus Villingen-Schwenningen in London mit vor Ort und spricht mit einigen Demonstranten.

„Stooopp Brexit!“, schreit eine wartende Menge aus proeuropäischen Demonstranten vor Westminster, dem Britischen Parlament, als sich die Tore öffnen. Theresa May, ihres Zeichen Premierministerin Großbritanniens, verlässt gerade nach einer verloren Abstimmung über ihren mühsam mit der EU verhandelten Austrittsvertrag das Machtzentrum der britischen Demokratie. Ein Hauch von Macht schwebt auch in der Luft, als sie begleitet von einer Polizeieskorte unter dem Blitzlichtgewitter der wartenden Journalisten in die Ferne fährt.

Was sich ein wenig nach dem Neflix-Politdrama „House of Cards“ anhört, ist pure und zum Teil auch traurige Realität. Erst am Morgen zuvor bat mich am gleichen Ort eine ältere, sichtlich mit den Tränen kämpfende Dame um „luck“ (Glück). Unter Glück versteht sie ein zweites Referendum. Trauer, Verunsicherung, aber auch ein kleines bisschen Hoffnung sind zu spüren, als ich mich mit ihr über die aktuelle Situation in ihrem Land unterhalte. Großbritannien ist tief gespalten: Die einen wollen in der Europäischen Union bleiben, die anderen können sie nicht schnell genug verlassen. Auch die Demonstranten in London lassen sich in diese beiden Lager unterteilen.

Wie es soweit kommen konnte? Sie weiß es nicht. Sie war sich selbst vor dem Referendum der Dimension eines möglichen Brexits nicht bewusst. „Wir haben es verschlafen“, erklärt sie mir selbstkritisch. Mir fällt auf: Es sind mehrheitlich ältere Frauen, die trotz starkem Wind und Regen mit britisch-europäischen Flaggen vor dem Parlament die Stellung halten und versuchen mit jedem vorbeilaufenden Passanten ins Gespräch zu kommen. So auch mit mir.

Eine von ihnen ist Christine aus Wales, die unter der Woche in London arbeitet und so oft wie möglich versucht, zu demonstrieren. Ähnlich wie die ältere Dame am Vortag, war sie sich vor dem Referendum über die Vorzüge einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union gar nicht so bewusst. Sie sieht in dem Brexit mehr als nur ein Ausscheiden aus einem exklusiven Club. „Es wird unser Land ruinieren“, darin ist sie sich sicher. Ihr Protest hat eine ganz bestimmte Adressatin: Theresa May. „Ich wünsche mir, dass sie aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und uns endlich aus diesem Schlamassel führt.“ Sie richtet aber auch an mich, stellvertretend für meine deutschen Landsleute, einen Wunsch: „Auch wenn wir Briten in Deutschland momentan ein wenig crazy rüberkommen und vielleicht doch die EU verlassen werden, wünsche ich mir, dass wir Europäer Freunde bleiben.“

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