Hatten Spaß: IHK-Präsident Dieter Teufel, Kanzlerin Angela Merkel und IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Albiez. (Foto: direvi)
Schwäbische Zeitung
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Allein sechs Minuten braucht Moderator Rolf Benzmann, um nur die wichtigsten Besucher zu begrüßen: Um Kanzlerin Angela Merkel zu erleben, sind an diesem Donnerstagabend 2400 Gäste zum Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg in die Messehalle der Doppelstadt gekommen. Unter ihnen sind die Bundestagabgeordneten, die Landräte, die Bürgermeister, die Geschäftsführer und Inhaber der großen wie auch kleinen Unternehmen der Region: Benzmann bittet darum, nicht jeden Gast mit Applaus zu bedenken…

Denn Angela Merkel, die an diesem Mittwoch schon am Neujahrsempfang von Bundespräsident Joachim Gauck teilgenommen hat, bringt genau eine Stunde Zeit mit. Davon geht jeder Applaus mit 30 Sekunden ab. Doch sowohl Benzmann wie auch IHK-Präsident Dieter Teufel beweisen: In der Kürze liegt immer noch die Würze. Und so startet Merkel, fast schon pädagogisch, mit viel Lob. Gelockt hat sie Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU). Er holt die Regierungschefin in seine ländliche Heimat. Kauders Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen ist Teil des IHK-Bezirks und zudem CDU-Hochburg. „Eine Region, die spannend ist und auf die ich neidisch bin. Weil Top-Firmen hier ihr Zuhause haben“, sagt Merkel.

In ihrer frei gehaltenen Rede spricht die Kanzlerin zunächst zur Rolle des Unternehmers: „Er leistet das, was der Staat nicht erzwingen kann, aber braucht.“ Doch schnell wird Merkel deutlich: Sie warnt die Wirtschaftsunternehmen in Deutschland davor, an der Ausbildung zu sparen. In die Nachwuchsförderung müssten sie weiter investieren. Sonst drohe in den nächsten Jahren ein enormer Mangel an Arbeitskräften. Als Grund nennt sie die älter werdende Gesellschaft. Die in Deutschland etablierte Mischung aus praktischer und theoretischer Lehre müsse erhalten und eigenständig bleiben. Auch die EU dürfe dieses Modell nicht antasten.

„Der demografische Wandel wird dazu führen, dass wir in Deutschland in den nächsten 15 bis 17 Jahren sechs Millionen Arbeitskräfte verlieren“, blickt Merkel voraus. Die Wirtschaft müsse vorsorgen, die Ausbildung von Nachwuchskräften müsse in den Mittelpunkt gerückt werden. Sonst drohe der deutschen Wirtschaft der Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

„Es darf nicht durch eine Zentralisierung aus Brüssel das Beste, was wir haben, zerstört werden“, spricht Merkel vielen Unternehmern aus dem Herzen, die dies mit Applaus begleiten. Andere europäische Länder schauten „mit neidischen und großen Augen“ auf das duale Ausbildungssystem in Deutschland, das eine Lehre in Theorie und Praxis vereint. An diesem seien vor allem mittelständische Unternehmen, Verbände und Kammern beteiligt. Deutschland habe damit eine Vorreiterrolle. „Es sollte auch in die Länder der EU übertragen werden, wo es dieses Erfolgs- und Zukunftsmodell nicht gibt.“

Wie abgesprochen bedanken sich sieben Auszubildende bei Merkel: Als Geschenk haben sie eine modern gestylte Junghans-Uhr mitgebracht. 19 Uhr zeigt das kleine Kunstwerk: Zeit für die Kanzlerin, nach Berlin zurückzufliegen. Am Empfang nimmt sie nicht mehr teil.

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