„Lügen-Prämie“zu Corona-Toten? Das steckt hinter der Anschuldigung

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Fake-News schüren Ängste, verunsichern und heizen mitunter Emotionen gezielt an. (Foto: dpa/sz)
Schwäbische Zeitung
sbo und Marc Eich

Der Klinik-Mitarbeiter, der abstruse Behauptungen über eine „Lügen-Prämie“ in die Welt gesetzt hat, rudert zurück. Er hat in einer eidesstattlichen Erklärung einige Äußerungen richtiggestellt – lässt sich jedoch eine Hintertür auf.

HINTERGRUND: Die Berichterstattung über die Behauptung einer „Lügen-Prämie“ schlägt hohe Wellen: Nach Recherchen und Artikeln örtlicher Medien hat auch die TV-Sendung „stern TV“ am Mittwochabend über die Aussagen eines Physiotherapeuten berichtet.

BEHAUPTUNG: Der 31-Jährige aus Bad Dürrheim hatte im Rahmen einer Kundgebung gegen die Einschränkungen durch die Corona-Verordnungen am 2. Mai in Villingen mehrere Behauptungen in Zusammenhang mit Corona-Patienten in die Welt gesetzt, die sich nach Zeitungsrecherchen als haltlos herausstellten. Unter anderem hatte der Mann von einer sogenannten „Lügen-Prämie“ gesprochen, die Angehörige von Verstorbenen für die falsche Behauptung erhielten, der Verstorbene sei Covid-19 erlegen.

FAKTEN: „stern TV“-Reporter Kai Posmik war zu Recherchezwecken eigens in die Region gereist – der 31-Jährige weigerte sich jedoch, dem Reporter ein Interview zu geben. In der Espan-Klinik, in der der Physiotherapeut arbeitet, distanzierte sich Geschäftsführer Bernd Baumbach aber gegenüber „stern TV“ von den Aussagen seines Mitarbeiters. Er stellte klar, dass es sich um eine Reha-Klinik handele, eine Akut-Versorgung von Corona-Patienten finde hier nicht statt. „Hier in diesem Haus stirbt niemand“, erklärt der Geschäftsführer in Hinblick auf die angebliche „Lügen-Prämie“.

Baumbach kontaktierte am Donnerstag eine örtliche Zeitung, um der Redaktion die im TV-Beitrag zitierte eidesstattliche Erklärung zukommen zu lassen. Damit werden die Behauptungen des 31-Jährigen – zumindest in Zusammenhang mit der Reha-Klinik – gänzlich entkräftet. Widerlegt wird dabei unter anderem die Darstellung, die Klinik sei leer, sie „wurde freigehalten für Corona-Patienten“.

Klare Aussage zu Klinik-Leerstand

Der Therapeut gibt hierbei zu: „Die Klinik war also entgegen meiner Darstellung nicht leer.“ Zudem seien die sieben Patienten, die er erwähnt hatte, lediglich zur Nachbehandlung aufgenommen worden und von Covid-19 geheilt. Doch was ist mit der Kernaussage, dass Hinterbliebene 5000 Euro Schweigegeld erhalten, wenn sie unterschreiben, dass ihr Angehöriger an Corona gestorben sei?

Unklare Aussage zu Lügen-Vorwurf

Hier lässt sich der Physiotherapeut eine Hintertüre auf. Denn in der eidesstattlichen Erklärung führt er aus: „Richtig ist, dass mir das ein Patient der Kliniken Benner GmbH & Co. KG (zu der die Espan-Klinik gehört, Anmerkung der Redaktion) berichtet hat.“ Der Bettnachbar, von dem er das gehört haben will, sei aber in einer anderen Klinik gelegen, deren Namen er nicht wisse. Jedenfalls nicht in der Klinik in Bad Dürrheim. Dort gebe es bislang „auch keine Corona-Tote“. Dass er diesbezüglich gelogen hat, wird damit nicht erklärt.

Klinik-Geschäftsführer Baumbach zu einer möglichen „Lügen-Prämie“ befragt, sagt: „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, stellt er klar und betont: „Was sollte so eine Prämie auch für einen Grund haben?“

Klinikum dementiert „Lügen-Prämie“

Auch das Schwarzwald-Baar-Klinikum hatte gegenüber örtlichen Zeitungsredakteuren bereits betont, dass eine solche Bezahlung an Angehörige „fernab jeder Realität“ sei. Die Klinik-Sprecherin Sandra Adams erklärt auf weitere Anfrage außerdem: „Mir sind keine Formulare bekannt, die Angehörige unterzeichnen müssen.“ Dass Angehörige also Geld bekommen für das Unterzeichnen eines Formulars, welches es offenbar gar nicht gibt, unterstreicht die erheblichen Zweifel an einer solchen „Lügen-Prämie“.

Ein künstliches Aufbauschen der Corona-Zahlen seitens der Klinik scheint auch deshalb gänzlich unwahrscheinlich, weil die derzeitige Krise angesichts verschobener Operationen und für Corona-Patienten freigehaltener Betten für erhebliche Umsatzeinbußen bei den Krankenhäusern sorgt.

Der Trick von Verschwörungsmythen

Genau hier wird jedoch auch eines deutlich, was viele Verschwörungsmythen charakterisiert: Es ist bisweilen kaum möglich, den Beweis zu erbringen, dass eine Verschwörung nicht existiert, da die Absurdität nicht greifbar ist. Wird etwa behauptet, der Erdkern bestünde aus Schokolade, können Wissenschaftler das zwar klar widerlegen, doch dann werden diese Wissenschaftler als Teil der Verschwörung diskreditiert. Eine persönliche Überprüfung ist unmöglich, da niemand zum Erdkern reisen kann.

Bereits vor einigen Tagen wurde übrigens angekündigt, „in Kürze“ mit einem „Zeugen-Video“ Beweise für die Lügen-Bonus-Geschichte erbringen zu wollen. Geschehen ist jedoch nichts – außer der Diffamierung bisheriger Berichterstattungen.

Und der Physiotherapeut? Dieser hat seine Spuren in der Öffentlichkeit verwischt. Ob er zukünftig noch in der Klinik tätig sein wird, ist bislang unklar. „Darüber muss ich mir Gedanken machen“, so Klinik-Geschäftsführer Baumbach.

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