Justitia.
Justitia. (Foto: Peter Steffen)
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Viele Zufälle auf einmal haben dafür gesorgt, dass ein Mann nach 20 Jahren büßen muss. 1999 hatte er einen Meineid geleistet. Danach war er von der deutschen Bildfläche verschwunden. Doch die Justiz vergisst nichts.

Es ist 20 Jahre her, als Ali und Moktar sich mit dem heute Angeklagten und einem weiteren Mann in St. Georgen zum Kartenspielen getroffen hatten. Plötzlich war die Lage in Alis Wohnung eskaliert. Statt Herz, Bube und Dame flogen plötzlich die Messer. Ali stürzte sich auf Moktar und stach auf ihn mit einem Messer ein. Doch Ali war nicht nur der Messerstecher, sondern auch der Freund des Angeklagten, der damals als Asylbewerber nach Villingen-Schwenningen gekommen war. Seinen Freund ließ der Angeklagte auch nach den Messerstichen nicht im Stich.

Vor Gericht log er für Ali und behauptete – ebenso wie der andere, wegen des Meineids längst belangten Kartenspielers –, Ali sei von Moktar mit zwei Messern angegriffen. „Das war nicht so, sondern umgekehrt“, erläuterte Staatsanwalt Bauer.

Lügen aber haben bekanntlich kurze Beine. Die Wahrheit sollte ans Licht kommen. Der Messerstecher wurde verurteilt und hat seine Strafe von damals längst verbüßt. Der Angeklagte jedoch floh und ward seither nicht mehr gesehen. Bis jetzt.

Richter Christian Bäumler hatte am 4. Januar 2000 einen Haftbefehl auf den Namen des Angeklagten erlassen. Fast genau 20 Jahre und etliche skurrile Zufälle später hielt er ihn nun erneut in Händen. Und auch der Mann an der Seite des Angeklagten war noch derselbe: Rechtsanwalt Hartung Schreiber.

„Ich habe den Haftbefehl damals selbst verfasst. Handschriftlich.“, erinnerte sich der Vorsitzende Richter Christian Bäumler. Der Zufall wollte es so, dass der Angeklagte nach dieser Zeit wieder im Villinger Gerichtssaal vor ihm landen sollte – dieses Mal aber nicht im Zeugenstand, sondern als wegen eines Meineids vor langer Zeit Angeklagter.

Eigentlich sollte der Weg des heute 42-Jährigen mit dem Flieger von Algerien nach Kanada führen. Der Direktflug war gebucht, ungeplant aber wurde dann eine Zwischenlandung in Frankfurt eingelegt. Und prompt klickten für den Mann, der sowohl die kanadische als auch die algerische Staatsbürgerschaft besitzt, die Handschellen. Der handschriftlich verfasste Haftbefehl des Villinger Richters Christian Bäumler war noch immer in Kraft. Tragisch für den Algerier: In zwei Monaten wäre sein Meineid verjährt gewesen. Jetzt aber landete er dafür zunächst im Gefängnis in Untersuchungshaft und schließlich vor Gericht.

Wie ein Häufchen Elend saß er neben seinem Verteidiger, dem die Tragik des Falls klar war: Ohne ungeplante Zwischenlandung in Frankfurt wäre der Mann wegen des Meineids nie zu belangen gewesen.

Jetzt, 20 Jahre später, war seine Weste recht weiß. Belastende Eintragungen in seiner Akte ließen sich quasi nicht finden. Trotz der Schwere des Falls einer Messerstecherei ließen sowohl Richter Bäumler als auch die Staatsanwaltschaft Gnade vor Recht ergehen und forderten lediglich die absolute Mindeststrafe für den 20 Jahre alten Meineid: eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung. Die Handschellen dürften für den 42-Jährigen nur noch einmal geklickt haben – als man sie noch im Gerichtssaal aufschloss, um ihn freizulassen.

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